Immunität im Faktencheck: Weniger Antikörper, kein Corona-Impfstoff?

  • Von einer Herdenimmunität ist Deutschland noch weit entfernt, zeigt eine aktuelle Antikörperstudie des Robert Koch-Instituts.
  • Zudem können Antikörper gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 in kurzer Zeit wieder aus dem Blut von genesenen Patienten verschwinden.
  • Was bedeutet das für die Impfstoff-Forschung und den Aufbau eines Schutzes vor erneuter Infektion?
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Es ist eines der entscheidenden noch zu entschlüsselnden Rätsel von Covid-19: Bleibt der Mensch nach einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 dauerhaft immun gegen den Erreger? Von dieser Erkenntnis hängt maßgeblich ab, wie sich die Pandemie auf lange Sicht entwickelt. Wie die Schutzmaßnahmen auf Dauer ausfallen müssen. Und wie mögliche Impfstoffe gegen das Virus konzipiert werden, damit sie langfristig Wirksamkeit entfalten.

Bleiben Antikörper langfristig im Blut von Covid-19-Patienten?

Besorgnis löst vor diesem Hintergrund die jüngste Veröffentlichung mehrerer Studien aus. Forscher auf der ganzen Welt berichten davon, dass schützende Antikörper im Blut nach einer Covid-19-Infektion nach kurzer Zeit wieder verschwinden können - und damit auch eine langfristig schützende Immunität gegen das Virus Sars-CoV-2. Chefarzt und Infektiologe Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing berichtete beispielsweise Mitte Juli von Covid-19-Patienten, bei denen sich die Anzahl neutralisierender Antikörper im Blut über einen längeren Zeitraum deutlich verringert hat.

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Forscher des „King´s College London“ haben diese Woche eine noch von unabhängigen Gutachtern zu verifizierende Studie auf dem Preprint-Server „medrxiv” veröffentlicht, für die sie über drei Monate die Antikörperkonzentration bei 90 Covid-19-Patienten beobachtet haben. Das Ergebnis: Rund drei Wochen nach Auftreten der Symptome sei diese am höchsten gewesen, danach bereits rasch zurückgegangen. Zum Höhepunkt der Erkrankungen zeigten rund 60 Prozent der Testpersonen eine starke Antikörperreaktion, drei Monate später waren es nur noch 17 Prozent.

Entwickeln alle Infizierten die gleiche Antikörper-Konzentration?

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Die Immunantwort auf Covid-19 scheint bei Menschen uneinheitlich auszufallen. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass die Antikörperkonzentration mit der Schwere der Erkrankung zusammenhängen könnte. So hat eine Studie des Lübecker Gesundheitsamts mit 110 Covid-19-Patienten ergeben, dass im Schnitt nur 70 Prozent der Infizierten Antikörper bildeten, bei 30 Prozent konnte hingegen kein Nachweis erbracht werden. Laut der Vorab-Veröffentlichung auf einem Preprint-Server und auf der Homepage der Universität Lübeck könnte das mit Fehlern bei Testverfahren, aber auch mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen zusammenhängen.

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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Forscher in China kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Im Fachblatt “Nature Medicine” berichteten sie davon, dass die Antikörper nach zwei Monaten vor allem bei Patienten mit symptomfreiem Verlauf stark zurückgingen, aber auch bei tatsächlich erkrankten Patienten fielen die Werte deutlich. Patienten mit wenig Symptomen hatten zudem weniger Antikörper und somit eine schwächere Immunantwort entwickelt.

Machen Antikörper immun und schützen vor erneuter Ansteckung?

In Blutproben lassen sich Hinweise auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 finden. © Quelle: Marijan Murat/dpa

Durch Studien relativ gut belegt ist inzwischen, dass es Erkrankte gibt, die nach einer Infektion spezifische Antikörper und eine Immunantwort entwickeln. „Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt noch, wie regelhaft, robust und dauerhaft dieser Immunstatus aufgebaut wird”, fasst das Robert Koch-Institut zusammen.

Es gibt etliche Infektionserkrankungen, die man trotz exorbitant hoher Antikörpertiter jederzeit wieder bekommen kann.

Matthias Stoll, Infektiologe

Mit Blick auf die sinkende Antikörperkonzentration bei seinen Patienten resümiert Infektiologe Wendtner aus München: „Inwieweit dies Auswirkungen für die Langzeitimmunität und die Impfstrategien hat, ist derzeit noch spekulativ, muss aber im weiteren Verlauf kritisch beobachtet werden.” Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass nach durchgemachter Krankheit eine Neuansteckung möglich sei.

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Noch ist also nichts sicher. Für sicherlich noch viele Monate wisse man noch nicht genau, ob und wann man sich trotz Antikörpern wieder erneut infizieren könnte, sagt der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH): „Es gibt etliche Infektionserkrankungen, die man trotz exorbitant hoher Antikörpertiter jederzeit wieder bekommen kann.”

Wie durchseucht ist Deutschland inzwischen?

Erhebungen in der Bevölkerung können Aufschluss über die Dunkelziffer der Infizierten geben. Deshalb laufen bundesweit verschiedene Studien, bei denen Wissenschaftler stichpunktartig Antikörpertests durchführen. Ein aussagekräftiges Ergebnis hat das Robert Koch-Institut bereits in Zusammenarbeit mit 13 Blutspendediensten bekommen. Ab April dieses Jahres haben die Forscher rund 12.000 Blutproben von Erwachsenen aus ganz Deutschland genommen.

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Das Ergebnis: Mit Datenstand Ende Juni sei der Anteil von seropositiven Personen - also Menschen mit nachweisbaren Antikörpern - unter blutspendenden Erwachsenen mit 1,3 Prozent gering, heißt es im Zwischenbericht. Männer sind laut der Datenerhebung mit einem Anteil von 1,8 Prozent um einiges häufiger infiziert als Frauen mit 0,8 Prozent. Die Gruppe der 40 bis 49-Jährigen ist am wenigsten betroffen. Häufiger wurden Antikörper bei Menschen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren sowie den 50- bis 59-Jährigen festgestellt.

Bleibt eine zweite Infektionswelle womöglich aus?

Virologen warnen davor, die Erfolge der Eindämmung des Coronavirus in Deutschland aufs Spiel zu setzen - und eine zweite Infektionswelle zu riskieren. © Quelle: GGGraphics/shutterstock

Da auf dieser Datengrundlage ein Großteil bislang keine Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet hat, „ist vermutlich ein Großteil der Bevölkerung weiterhin für eine Infektion empfänglich”, schreibt das Robert Koch-Institut. „Somit könnte bei erneutem Anstieg der Übertragungen auch eine weitere Infektionswelle auftreten.”

Eine sichere Zukunftsprognose zur weiteren Entwicklung der Fallzahlen haben Experten nicht. Die Situation sei sehr dynamisch und ernst zu nehmen. Die Anzahl der neu übermittelten Fälle ist in Deutschland zwar seit etwa Mitte März rückläufig. Viele Kreise übermitteln derzeit nur sehr wenige bis keine Fälle an das RKI. „Es kommt aber immer wieder zu einzelnen Ausbruchsgeschehen”, betont Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde.

Von einer Herdenimmunität, durch die die Pandemie irgendwann von selbst ohne Maßnahmen abflauen könnte, ist die Bevölkerung hierzulande also weit entfernt. Virologen gehen davon aus, dass dafür zwischen 50 und 70 Prozent der Bevölkerung eine Coronavirus-Infektion durchgemacht haben müssten.

Was bedeuten schwindende Antikörper für die Impfstoff-Forschung?

Sollten bestimmte im Testverfahren nachweisbare Antikörper einige Zeit nach der Genesung nicht mehr nachweisbar sein, bedeutet das nicht zwangsweise das Ende für die Impfstoff-Forschung. Denn die Immunabwehr besteht aus einem komplexen Mechanismus: Zu den wichtigen Bestandteilen zählen neben bestimmten Antikörpern (Immunglobuline) auch T-Zellen. Diese erkennen, dass eine Körperzelle vom Virus befallen ist, verhindern die Weiterverbreitung und speichern das Wissen über das Virus für eine mögliche erneute Infektion ab. T-Zellen können auch sogenannte B-Zellen aktivieren. Und die bilden widerum Antikörper.

Ungewiss ist derzeit noch, welcher Teil der Immunabwehr besonders wichtig für einen langfristigen Schutz ist. “Neben den Antikörper bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger genauso wichtig sein”, erklärt Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Welcher Mechanismus hier vor allem wirke, sei eine zentrale Frage für die Entwicklung eines Impfstoffs.

Forscher gehen zudem Hinweisen nach, dass einige Patienten bereits eine Teilimmunität gegen Covid-19 besitzen könnten. Studien aus den USA und Deutschland haben gezeigt, dass bis zu 30 Prozent der Menschen, die nicht mit Sars-CoV-2 infiziert sind, dennoch bestimmte T-Helferzellen, die auf dieses Coronavirus reagierten, besitzen. Die Erklärung laut Jacobs: Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren – also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen. „Das würde erklären, warum bei der Infektion so unterschiedliche Dynamiken und Symptome zu beobachten sind”, vermutet Jacobs. Noch ist allerdings unklar, ob und welchen Schutz diese sogenannte T-Zell-Reaktivität bieten könnte.

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