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Im Abschlussjahrgang und chronisch krank – Lukas über die Rückkehr in die Schule in Zeiten von Corona

  • Zoom-Unterricht, Lernstoff per Mail: Das plötzliche coronabedingte Homeschooling war für viele deutsche Schulen eine große Umstellung.
  • Der Abiturient Lukas sieht darin jedoch eine Möglichkeit für schwer kranke Schüler wie ihn, auch in Zukunft mehr Teilhabe am Unterricht zu ermöglichen.
  • Nun kehrt der Unterricht aber in die Klassenräume zurück – und Lukas hofft als Risikopatient, trotzdem digital am Unterricht teilnehmen zu können.
Ben Kendal
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Die Corona-Zeit hat Deutschlands Schulen auf die Probe gestellt. Unterricht in Zoom-Meetings und der Lernmaterialienaustausch per E-Mail liefen in vielen Fällen alles andere als geschmeidig – so zeigten sich beispielsweise große Schwierigkeiten für Schüler mit schlechter Internetverbindung oder mangelndem technischen Equipment. Dennoch sieht Lukas [Name von der Redaktion geändert], Schüler im Abiturjahrgang, im digitalen Unterricht eine große Chance. Er ist seit gut einem Jahrzehnt schwer krank und konnte deshalb oft nicht am Unterricht teilnehmen. “Es wurde jetzt ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Schule und Bildung generell digital stattfinden kann”, sagt er. Im Zuge der Rückkehr in den Schulalltag hat er jedoch wieder Bedenken.

Das Leben als schwer kranker Schüler

“Aus der Perspektive eines schwer kranken Schülers war es interessant zu sehen, wie andere nun auch bildungstechnisch Nachteile erfahren”, sagt er. Gerade für ihn stellte der Präsenzunterricht zuvor immer eine große Herausforderung dar. Lukas konnte in der Vergangenheit oft nicht zur Schule gehen, verbrachte zusammengerechnet zwei Jahre im Krankenhaus und wurde mehrfach operiert. Noch heute muss er mit Organschäden leben. In seinem Blog schreibt er über seinen harten Weg zur gymnasialen Oberstufe. An welcher Krankheit Lukas leidet, sagt er aus ganz bestimmtem Grunde nicht. Er möchte nicht von dem eigentlichen Thema ablenken: die strukturelle Benachteiligung von schwer kranken Schülern. “Wenn ich bei solchen Themen meine Krankheit nenne, schauen viele Leute nur auf den armen Typen mit seinem schweren Schicksal und nicht auf die Sache, um die es eigentlich geht”, betont Lukas.

Schule im Krankenhaus: “Mir wurde Unterricht aufgezwängt”

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“Mein großes Ziel ist das Abitur, weil ich später im neurowissenschaftlichen Bereich arbeiten möchte”, sagt er. Sein Plan ist es, später Medizin oder Psychologie zu studieren. Dieser Traum könnte schon nach diesem Schuljahr in Erfüllung gehen, wenn er wie geplant das Abitur machen kann. Doch sein Weg zum Abitur verlief bislang sehr holprig. Als Lukas erstmals wegen seiner Erkrankung in einer Klinik behandelt wurde, unterrichtete ihn dort während seines monatelangen Aufenthalts eine krankenhauseigene Lehrerin. Lukas hatte jedoch große Probleme mit ihr, weil sie nicht mit seiner Situation klargekommen und zudem nicht gut mit ihm umgegangen sei. “Mir wurde Unterricht aufgezwängt, auch wenn ich große Schmerzen hatte. Ich hatte damals eine Wundheilungsstörung und musste alle zwei Tage operiert werden”, erinnert sich der Schüler. Und wenn er signalisierte, dass ihm die Kraft für den Unterricht fehlte, sei ihm eine Verweigerungshaltung unterstellt worden.

Er habe kaum etwas gelernt in dieser Zeit und somit die 7. und 8. Klasse nicht absolviert. “Da verging mir auch die Lust am Lernen, wobei ich immer noch weiter lernen wollte. Doch es wurde nicht zwischen nicht wollen und nicht können unterschieden”, sagt Lukas. Als er schließlich wieder nach Hause zu seinen Eltern gehen konnte, kümmerte sich seine Mutter um Hausunterricht. Doch daraus wurde nichts: Der Antrag wurde vom Senat abgewiesen. Lukas kam schließlich in eine klinikeigene Schule – und dort schien sein Wunsch, das Abitur zu machen, zu platzen. Das Unterrichtsniveau war weit unter dem seiner Klassenstufe und anstelle von Zensuren bekam er Sternchennoten.

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Der lange Weg in die Oberstufe

In seiner anschließenden Schule schien alles besser zu laufen: Er hatte gute Freunde, genoss die Klassengemeinschaft und schrieb gute Noten. Er bekam sogar ein Stipendium, das sich an begabte Schülerinnen und Schüler richtet – und ihn noch bis zum Abitur fördert. Doch nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch musste er einen erneuten Rückschlag einstecken: Zwei weitere Jahre hatte er nachzuholen und wurde obendrauf in Kurse des Hauptschulniveaus eingeteilt. Zwar stieg er wieder in die Kurse des Gymnasialniveaus auf, doch hatte er zunehmend das Gefühl, dass ihm die Lehrkräfte nicht den Weg in die höhere Bildung zutrauten.

Schließlich schaffte er den Weg in die gymnasiale Oberstufe und kam auf seine jetzige Schule, in der Lukas sehr gut zurechtkommt. “Hier ist Schule für mich zum Wohlfühlort geworden, weil sie mich sehr stark unterstützen und immer ein offenes Ohr für mich haben, wenn ich Probleme habe”, sagt der Abiturient. Jedoch hindert ihn immer wieder seine Krankheit daran, kontinuierlich am Unterricht teilzunehmen. “Wenn ich zur Schule gehen kann, bin ich vielleicht ein bis drei Tage in der Woche dort. An den anderen Tagen bin ich erschöpft und kann kaum etwas machen”, sagt er. Teilweise habe er den Lernstoff von zwei Monaten in Fächern wie Deutsch komplett allein nachholen müssen, weil diese Fächer am Nachmittag stattfanden und ihm zu dieser Tageszeit meist schon die Kraft gefehlt habe.

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Corona-Krise: Die Rückkehr in den Schulalltag bereitet Probleme

Im November 2019 erlitt Lukas einen septischen Schock und war das gesamte vergangene Schuljahr krank geschrieben. So konnte er auch nicht am coronabedingten Onlineunterricht teilnehmen. Dabei war gerade in dieser Zeit vieles möglich, wofür seine Mutter und er jahrelang gekämpft haben: Unterricht findet per Webcam statt, Materialien werden per Post oder Mail zugeschickt und anstelle von Klausuren gab es Ersatzleistungen wie Aufsätze. “Wenn es jetzt so weitergehen würde mit Zoom-Unterricht, Lernmaterialien per Mail und Homeschooling, würde ich es aus egoistischer Sicht definitiv begrüßen. Es würde für mich in der Hinsicht Teilhabe bedeuten”, sagt Lukas.

Trotz Corona kehrt der Unterricht jedoch wieder in die Klassenzimmer zurück – und Lukas kann als Risikopatient nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. “Es ist etwas merkwürdig, dass man selber zu Hause bleiben muss, obwohl man derjenige ist, der sich die ganze Zeit an alle Maßnahmen und Regeln gehalten hat und nichts weiter getan hat, um sich selbst oder andere in der Pandemie zu gefährden”, bedauert der Schüler. Er ärgert sich über die Menschen, die sorglos in den Urlaub fahren, keine Masken tragen und sich nicht an die Hygieneregeln halten. Zu Beginn der Corona-Krise habe er zudem Engpässe bei Desinfektionsmittel und anderen medizinischen Hilfsmitteln gehabt, weil viele Menschen hamsterten. “Es war aber interessant zu sehen, wie Menschen reagieren, wenn sie sich an Regeln halten müssen, die für mich schon seit Jahren Alltag sind”, sagt er.

Sorgen um Corona-Schuljahr und Abitur

Doch wenn er der Corona-Krise etwas positives abgewinnen kann, dann, dass für schwer kranke Menschen wie ihn nun möglicherweise neue Bildungsmöglichkeiten offenstehen. “Der Frontalunterricht ist heutzutage nicht mehr zwingend notwendig – es geht auch von zu Hause aus und das hat die Corona-Krise bewiesen”, betont Lukas.

Zum Beginn des neuen Schuljahrs setzte sich Lukas mit seiner Schule zusammen, um zu besprechen, wie es für ihn als Risikopatienten weitergeht. Sie sammelten Ideen, welche Ersatzleistungen er für Klausuren und mündliche Noten absolvieren könnte. In einer anschließenden Rundmail an seine Lehrkräfte hat er auch um die Möglichkeit gebeten, per Videokonferenz zum Unterricht dazugeschaltet zu werden. 75 seiner Lehrerinnen und Lehrer haben ihm bereits geantwortet und Dateien zum aktuellen Lernstoff gesendet. Eine Lehrerin bot zudem an, ihn während des Unterrichts via Skype dazuzuschalten.

Hinsichtlich seines voraussichtlich letzten Schuljahres macht sich Lukas Sorgen um sein Abitur. “Ich habe zwar jetzt mehr Zeit zur körperlichen Genesung und auch mehr Kraft, aber ob ich von zu Hause aus mit den ganzen Inhalten mithalten kann, wenn ich mir alles selber erarbeiten muss, ist in Hinblick auf das Abitur fragwürdig”, betont Lukas. Der Schüler hat auch Bedenken, was seine Wunschstudiengänge angeht. Wenn er sich beispielsweise für Medizin entscheidet, gebe es eine gewisse Anwesenheitspflicht. “Das ist natürlich für mich eine Herausforderung und ich wüsste nicht, wie ich das hinkriegen soll”, befürchtet er. Außerdem macht er sich schon jetzt Gedanken über Ableismus im Studium – also die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen –, weil seine Krankheit nach außen hin sichtbar ist.

Lukas: Schulen sollten sich mehr an Bedürfnisse der Lernenden anpassen

Fürs Erste will sich Lukas aber auf seine Gesundheit und sein Abitur konzentrieren. Trotz seiner guten Leistungen in der Schule macht sich der Abiturient viel Druck. Vor allem, wenn er sich wegen seiner Erkrankung erschöpft fühlt, kann er sich nicht vollständig auf den Lernstoff konzentrieren. “Ich bin da in einem ständigen Zwiespalt: Lerne ich lieber oder sollte ich mich besser der Therapie widmen, auch wenn ich danach erstmal völlig fertig bin?”, sagt Lukas. Für die Zukunft hofft er, dass Schulen schwer kranken Schülerinnen und Schülern mehr zuhören – und sie bei Problemen auch besser unterstützen. “Schulen sollten so eine gewisse Flexibilität aufweisen und sich an die Bedürfnisse der Lernenden anpassen. Mehr Raum für digitales Homeschooling wäre auch wichtig”, wünscht sich Lukas. Gerade in dieser Hinsicht gebe es noch viel Aufholbedarf, wie das vergangene, holprig verlaufende Corona-Schulhalbjahr gezeigt habe.

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