Hotline gegen Einsamkeit: “Alte Menschen haben niemanden zum Reden”

  • Starke Isolation und Risikogruppe: Alte Menschen trifft Corona besonders hart.
  • Die Telefonseelsorgerin Elke Schilling hat mit dem Silbernetz eine Telefonseelsorge für Menschen ab 60 ins Leben gerufen.
  • Im RND-Interview erzählt die 75-Jährige über Einsamkeit, was Zuhören am Telefon bewirken kann und wo Pflegepersonal im Heim jetzt gefordert sein müsste.
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Ältere Menschen haben es während der Corona-Krise besonders schwer. Sie haben ein erhöhtes Risiko für eine schwerwiegende Covid-19-Erkrankung, wie auch tragische Meldungen zu Todesfällen aus Senioren- und Pflegeheimen in Deutschland in diesen Tagen zeigen. Zum Schutz müssen sich Senioren in besonderem Maße sozial isolieren. Oma darf den Enkel nicht sehen, die Kinder ihre Eltern im Pflegeheim nicht besuchen. Die Folgen: Gefühle von Einsamkeit, Angst, Unsicherheit.

Elke Schilling ist selbst 75 Jahre alt und weiß, dass Einsamkeit bei den “Alten”, wie sie sagt, schon vor Corona ein Thema war. Im September 2018 gründete die Telefonseelsorgerin die Berliner Initiative Silbernetz.

Wer über 60 Jahre alt ist und Gesprächsbedarf hat, erreicht die Silbernetz-Mitarbeiter unter der Hilfshotline 0800 / 470 80 90. Anonym und täglich von acht bis 22 Uhr.

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Gegen die Einsamkeit: Elke Schilling und ihr Team von Silbernetz bieten Menschen ab 60 Jahren Gespräche am Telefon an. © Quelle: SIlbernetz

Frau Schilling, Sie haben gerade viel zu tun. Die Berliner Seniorenhotline Silbernetz als Hilfsangebot für alte Menschen ist gefragt wie lange nicht.

Die Situation hat sich in den letzten drei Wochen komplett verändert. Fünfmal mehr Menschen als sonst rufen seit Corona bei uns an, das sind am Tag bis zu 170 Personen. Und es werden immer mehr. Meine 16 Kollegen am Telefon können kaum noch Luft holen. Vor zwei Wochen haben wir unsere Gesprächshotline deutschlandweit freigeschaltet. Das ist eine Reaktion auf die Corona-Krise, weil wir das Gesprächsangebot nicht nur den Älteren in Berlin anbieten wollen.

Wo setzt Ihre Initiative mit Hilfen für Ältere an?

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Es gibt zwar schon die Nachbarschaftshilfe. Ergänzend brauchen wir aber eine Anlaufstelle, um die Älteren mit Gesprächen zu unterstützen. In Deutschland gibt es rund acht Millionen Menschen über 60, die unter Einsamkeit leiden und niemanden zum Reden haben. Wir können zwar nicht mehr tun als zuhören. Wir merken aber bei vielen unserer Anrufenden, dass das Gespräch am Telefon wie ein Geländer sein kann, das einen ein Stück weit am Leben hält – weil eben sonst niemand mehr da ist.

Ein Gespräch kann Entlastung verschaffen bei dem, was einen gerade beschäftigt. Wir sind alle Wesen, die den Austausch brauchen. Wegen der Anonymität öffnen sich viele Menschen am Telefon auch mehr, als wenn sie jemandem gegenübersitzen. Das erlaubt eine Vertrautheit, die man sonst oft nicht herstellen kann.

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Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge
1:24 min
Viele Menschen sind von ihren gewohnten Kontakten abgeschnitten und fühlen sich einsam.  © Reuters

Kontaktverlust erzeugt Angst in den eigenen Wänden

Welche Sorgen älterer Menschen erreichen Sie seit der Corona-Krise verstärkt am Telefon?

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Es ist immer das Grundthema: Ich bin alleine, habe niemanden zum Reden und will wissen, was Corona für mich persönlich bedeutet. Die Isolation war für manche auch vor Corona schon Alltag, weil sie allein leben oder nicht mobil sind. Durch Corona haben sich die Bedingungen aber nochmal verschärft. Ältere Menschen sind an ihre Wohnungen gefesselt und durch Kontaktverlust weitgehend ausgegrenzt. Es gibt ältere Menschen, die bis Corona aktiv waren, ihre Netzwerke und Kontakte hatten. Auch die sind jetzt auf sich geworfen.

Haben Sie konkrete Beispiele aus dem Alltag?

Die Ängste nehmen zu. Wenn Sie beispielsweise beim Arzt anrufen, ist er vielleicht nicht sofort erreichbar und Sie wissen nicht, wo das Rezept herkommen soll. Ihre Pflegekraft besucht Sie nicht mehr, weil diese selbst erkrankt ist. Wenn ich in meiner Wohnung alleine sterbe, findet mich womöglich niemand, weil keiner mehr für einen Besuch vorbeischaut. Aber ich erlebe auch Anrufer, die gelassen mit Corona umgehen. Eine Anruferin sagte mir: Wissen Sie was, ich bin jetzt schon so alt. Was soll mir denn noch passieren? Das ist ein wunderbarer, liebenswerter Fatalismus.

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Mit welchen Folgen rechnen Sie für Ältere durch die länger andauernde Isolation?

Ganz klar, Depressionen. Viele unserer Anrufer haben durchaus depressive Züge im Gespräch. Das bemerken wir schon seit einer Woche verstärkt. Wir sind natürlich keine Ärzte und können das nicht diagnostizieren. Aber wir spüren, dass es für die Anrufenden immer schwieriger wird, mit Freude zu erzählen.

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Einsamkeit und Gefährdung im Pflegeheim

Besonders gefährdet sind Pflege- und Seniorenheime, das bezeugen auch die tragischen Meldungen zu Corona-Infektionen in mehreren Einrichtungen. Ist Einsamkeit dort ein besonders großes Problem?

Corona löst natürlich auch dort Angst aus, das spüren wir auch. Wir bekommen vermehrt Anrufe aus Altenheimen. Für alte Menschen in den Heimen ist es jetzt doppelt schwierig. Sie dürfen nicht mehr vor die Tür, ehrenamtliche Helfer dürfen nicht rein, das Pflegepersonal reibt sich auf und kann nicht genug sein.

Werden jetzt Pfleger beim Kampf gegen die Einsamkeit in Seniorenheimen wichtiger?

Es wäre natürlich grundsätzlich denkbar und wünschenswert, dass Pfleger zum Beispiel ein Video- oder Telefongespräch zu Angehörigen herstellen oder es in den Heimen Onlineschulungen für Senioren gibt. Aber Erfahrungen von vor Corona zeigen, dass das Pflegepersonal in den Heimen oft nicht in der Lage ist, Begegnungen zwischen den Menschen zu moderieren.

Wieso?

Es wird zwar versorgt. Aber die Menschen sitzen an ihren Tischen nebeneinander und kommunizieren nicht miteinander. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Pflege in Deutschland zu einem privatwirtschaftlichen Geschäftsmodell entwickelt hat. Das fällt uns jetzt vor die Füße.

Was raten Sie Angehörigen, die im Moment auf Abstand gehen sollen zu den Verwandten?

Man kann sich an dem festhalten, was wegen Corona alles nicht geht, und dabei übersehen, was alles möglich ist. Dabei gilt es, kreativ zu werden. Natürlich können Angehörige und Freunde ihre älteren Verwandten anrufen, und allein das Zuhören hilft schon. Wer am selben Ort wohnt, kann auch zu Fuß vorbeigehen und sich unter Einhaltung des Mindestabstands am Balkon unterhalten oder sich auf die Distanz ein Lächeln rüberschicken.


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