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Homeoffice und Kinderbetreuung: Steigt jetzt die Burnout-Gefahr?

  • Weil die Corona-Pandemie das Leben der meisten Menschen stark verändert, steigt das Risiko, wegen Dauerstress an psychische Grenzen zu gelangen.
  • Im RND-Interview spricht die Burn-out-Expertin Mirriam Prieß über die neue Welt mit Homeoffice, Kinderbetreuung zu Hause und Ausgangsbeschränkungen.
  • Auch vor der Corona-Krise sei Deutschland eine Burn-out-gefährdete Gesellschaft gewesen – nun gebe es neue Chancen.
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Ausgebrannt, völlig erschöpft, emotional ermüdet – so fühlen sich Menschen bei einem Burn-out-Syndrom. Die Ärztin und Beraterin Mirriam Prieß hat sich auf die Diagnose spezialisiert. Weil die Corona-Pandemie das Leben der Menschen komplett auf den Kopf stellt, steigt laut Expertin das Risiko, an psychische Grenzen zu gelangen. Es droht die persönliche Krise, die totale Erschöpfung. Doch darin liege auch eine Chance.

Im RND-Interview spricht Mirriam Prieß über die Folgen von Arbeit, Kinderbetreuung und Kontaktverbot unter einem Dach, worauf jeder von uns in Krisenzeiten achten sollte – und warum Deutschland schon länger als Burn-out-gefährdete Gesellschaft gilt.

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Frau Dr. Prieß, wie definieren Sie als Ärztin einen Burn-out?

Es ist lange Zeit davon ausgegangen worden, dass ein Burn-out ausschließlich durch berufliche Belastungen entsteht. Das ist nicht der Fall. Der Aspekt der Beziehung steht dabei viel mehr im Fokus – privat und beruflich, zum Partner, zur Familie, zum Kollegen, zum gesellschaftspolitischen System, zu mir selbst. Diejenigen, die ausbrennen, haben konfliktreiche Beziehungen, keine Kontakte mehr oder die Beziehung zu sich selbst verloren. Das äußert sich unter anderem auch in der Schwierigkeit, zu fühlen oder aber sich in Gefühlen zu verlieren.

In der Corona-Krise emotional untergehen

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Werden in der Corona-Krise mehr Menschen emotional erschöpfen?

Das ist abhängig davon, wie die Menschen mit der Krise umgehen. Je mehr gegen die Situation angekämpft wird, umso mehr wird sich erschöpft. Psychische Widerstandskraft, die für eine erfolgreiche Krisenbewältigung steht und gleichzeitig vor Erschöpfung bewahrt, zeichnet sich über die Fähigkeit aus, den Realitäten auf Augenhöhe zu begegnen, und das Bestmögliche daraus zu machen. Anstatt Kampf steht hier also Begegnung und konstruktive Auseinandersetzung.

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Wieso ist der innere Dialog so wichtig?

Weil er die Grundlage für das innere Gleichgewicht ist. Er hilft, zu der inneren Stärke zu finden, die notwendig ist, der Krise auf Augenhöhe zu begegnen und aktiv dafür zu sorgen, den Halt in sich zu finden und aufzubauen. Dazu gehört, den eigenen Ängsten zu begegnen, anstatt vor ihnen zu fliehen oder sich in ihnen zu verlieren. Genauso wichtig ist es, sich selbst mitfühlend zur Seite zu stehen und sich selbst auf Augenhöhe zu begegnen.

Dieser Dialog kann durch eine innere Bestandsaufnahme stattfinden und eine bewusste Konzentration auf innere Werte. Auch der Glaube hilft, eine Krise zu bewältigen – einen persönlichen Sinn in ihr zu finden und aus ihr zu lernen sind zwei zentrale Aspekte, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen und an ihr zu wachsen, anstatt sich an ihr zu erschöpfen und in ihr unterzugehen.

Homeoffice: Fehlende Distanz zum Beruf

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Was raten Sie jemandem, der das Gefühl hat, nur noch zu funktionieren?

Sich ohne Tabu für sich selbst öffnen und aktiv in sich hineinhören. Ein Burn-out findet immer auf vier Ebenen statt – auf der gedanklichen, emotionalen, auf der Verhaltens- und Körperebene. Vor diesem Hintergrund ist ein erster Schritt gemacht, indem ich überhaupt erst mal wieder anfange, mich wirklich für mich selbst zu interessieren. Wo stehe ich in meinem Leben? Wer bin ich, was fühle ich, wie verhalte ich mich in bestimmten Situationen? Offen für sich selbst zu sein und ein Bewusstsein für die eigenen Gefühle zu entwickeln ist ein Anfang, um sich zu finden.

Homeoffice kann Dauerstress bedeuten. Was ist im neuen Corona-Alltag noch besonders wichtig?

Wichtig sind klare Tagesstrukturen und klare Zielsetzungen. Dazu gehört auch, auf ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu achten. Auch wenn ich zu Hause arbeite, sollte ich deshalb dafür sorgen, dass sich die Grenzen zwischen beruflich und privat nicht auflösen und ich mehr mache als normalerweise. Es ist notwendig, bewusst dafür zu sorgen, auch auf die eigenen Kosten zu kommen. Das heißt: sich jeden Tag eine gewisse Zeit für sich selbst zu nehmen.

Wie soll das funktionieren, wenn Arbeitsplatz und Wohnort zusammenfallen?

Hilfreich ist, sich Zeiten einzuteilen und bewusst und konsequent zwischen privat und beruflich zu trennen – es gibt Arbeitszeit und es gibt freie Zeit. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich einen extra Bereich für die Arbeit einrichten. Grundsätzlich gilt: Solange ich genauso viel nehme, wie ich gebe, kann ich einem Burn-out vorbeugen.

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Kinder und Arbeit unter einem Dach

Kinderbetreuung, Familienzeit und Arbeit unter einem Dach: Wie schaffen es Eltern unter Corona-Bedingungen, nicht zu erschöpfen?

Im Dialog bleiben – mit sich selbst, untereinander und mit der Situation. Dazu gehören klare Rollen, eine Aufgabenteilung und regelmäßige Gespräche. Die Atmosphäre des Dialogs ist existenziell notwendig in existenziell bedrohlichen Zeiten. Wir brauchen die menschliche Atmosphäre des Miteinanders, um nicht in Panik und Hysterie oder in aussichtslose Kämpfe zu verfallen.

Hierfür sind Interesse, Offenheit, Empathie, Augenhöhe, Respekt und Wertschätzung wichtig. Dazu gehört auch der Respekt vor Grenzen – auch den eigenen. Das heißt, anzuerkennen, dass unter dieser Situation nicht alles machbar ist. Wer dies versucht, hat die Augenhöhe vor sich selbst verloren und erschöpft sich.

Sie vertreten die Ansicht, dass während der Pandemie bestimmte Ängste aus der Vergangenheit wieder hochkommen.

Ja. Krisen legen den Finger in unverarbeitete Wunden, die kompensiert und verdrängt wurden. So auch diese. Die Situation der “äußeren Unkontrollierbarkeit” ruft innere Erlebnisse hervor, in denen die Betroffenen ohne Kontrolle waren, und lässt so die damit verbundenen Gefühle an die Oberfläche kommen. Die äußere Atmosphäre der Panik rührt an unbewusster innerer Panik und Ängsten.

Je unbewusster die Betroffenen sich darüber sind, umso mehr entsteht das Phänomen, dass sich das Innere und Äußere potenzieren. Dies führt dann zu einer maximalen psychischen Belastung der Betroffenen – sie werden nicht nur durch die äußere Situation bestürmt, sondern auch durch die inneren Gefühle.

Brennen für den Job – und sich selbst verlieren

Ist es gerechtfertigt, in Deutschland von einer Burn-out-Gesellschaft zu sprechen?

Schon vor der Corona-Krise waren zwei Drittel der Krankschreibungen psychosomatisch bedingt, die Burn-out-Rate wächst kontinuierlich. Ich beobachte, dass vor allem junge Erwachsene immer mehr ausbrennen. Das liegt daran, dass in unserer Gesellschaft zwar die Individualisierung gefördert wird, aber gleichzeitig häufig das Bewusstsein über die eigene wesentliche Identität fehlt.

Es wird einer bestimmten Funktion nachgelaufen oder einer Vorstellung eines zu erfüllenden Superlativs. Die Vorstellung deckt sich aber meistens nicht mit den inneren Bedürfnissen. Das Leben wird fern von sich selbst gelebt und die Betroffenen erschöpfen sich.

Warum wird trotzdem der Fokus auf die Vorstellung gelegt, obwohl das der Psyche nicht guttut?

Das kann mit einem versäumten Dialog in der Kindheit zu tun haben. Die Beziehungsfähigkeit zu uns selbst und zu anderen, das Bewusstsein über das Wesentliche in mir und im Leben entwickeln wir in den ersten Lebensjahren. Nicht durch einzelne Erlebnisse, sondern durch die Atmosphäre der Beziehungen. So wie die Eltern mit dem Kind, mit sich selbst und untereinander umgegangen sind – daraus lernen wir Beziehung.

Es ist aber auch ein gesellschaftliches Problem, sagen Sie.

Wir leben in einer Zeit, in der Beziehungen immer schwieriger werden und der Dialog auf Augenhöhe wenig stattfindet. Das Gleichgewicht zwischen Ich, Du und Wir fehlt – stattdessen wird das eigene Ich häufig zum Maßstab gesetzt. Die eigene Überhöhung finden Sie dann in grenzenlosen Ansprüchen. Alles muss möglich sein – und am Ende geht nichts mehr.

In der Beratung erzählen mir die Menschen dann, dass sie zwar noch funktionieren, aber nicht richtig leben. Das bedeutet, sie wissen nicht, was sie im Kern wirklich ausmacht. Vielleicht hilft diese Krise uns dabei, ein Stück zurück zu einer wesentlichen Kultur des Miteinanders und Lebens zu finden.








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