• Startseite
  • Gesundheit
  • Hochwasserkatastrophe: Droht jetzt die Verbreitung von Infektionskrankheiten?

Nach Hochwasserkatastrophe: Droht jetzt die Verbreitung von Infektionskrankheiten?

  • Das Hochwasser hat in mehreren Regionen Deutschland einen immensen Schaden angerichtet.
  • Noch immer türmen sich auf den Straßen Müllberge und mit Abwasser durchnässter Schlamm.
  • Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sieht deshalb die Gefahr, dass sich dort Infektionskrankheiten ausbreiten könnten.
|
Anzeige
Anzeige

Das Ausmaß der Hochwasserkatastrophe in weiten Teilen Deutschlands, vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, lässt sich noch immer nicht ganz genau abschätzen. Klar ist: Dutzende Menschen sind in den Fluten gestorben, haben sich verletzt oder werden immer noch vermisst. Zahlreiche Städte sind verwüstet wie nach einem Kriegsgeschehen. Häuser sind eingestürzt, Schlammlawinen und Sperrmüll häufen sich auf den Straßen.

Ideale Bedingungen für Bakterien und andere Krankheitserreger. Nach Einschätzung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) besteht in Gebieten, in denen Wassermassen Kläranlagen und Abwasserkanäle überschwemmt haben, „ein erhöhtes Risiko“ für Infektionen mit gastrointestinalen Krankheitserregern.

Dazu zählen:

Anzeige
  • Bakterien wie Escherichia coli, Campylobacter, Shigella, verschiedene Salmonella enterica-Serotypen,
  • Noro- und Rotaviren,
  • Parasiten wie Cryptosporidium und Giardia und
  • Hepatitis A.

Auch Krankheiten wie Leptospirose und Tetanus könnten in den betroffenen Hochwassergebieten häufiger auftreten.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".

Mikrobiologe: Kontaminierten Schlamm schnell beseitigen

Anzeige

Zu einer Infektion mit den gastrointestinalen Krankheitserregern kommt es, wenn Menschen mit fäkal kontaminiertem Wasser in Berührung kommen, etwa weil die Abwassersysteme überflutet wurden. Das ECDC rät deshalb, nur sauberes, von den Behörden als sicher eingestuftes Wasser zu trinken, zur Körperhygiene, zum Waschen von Obst und Gemüse sowie zur Zubereitung von Speisen zu verwenden. Lebensmittel, die mit dem Hochwasser in Kontakt gekommen sind, sollten weggeworfen werden.

„Wenn sich die Menschen an diese Regeln halten, sollte das Risiko, an Krankheitserregern in kontaminiertem Wasser zu erkranken, sehr gering sein“, sagt Prof. Andreas Podbielski, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene der Universitätsmedizin Rostock. Problematischer sei aktuell der Schlamm, der von verschmutztem Wasser durchnässt ist. „Dieser muss möglichst schnell entfernt werden.“

Das Umweltbundesamt empfiehlt, bei den Aufräumarbeiten Schutzhandschuhe und Arbeitskleidung zu tragen. So können auch Verletzungen vorgebeugt werden, über die Krankheitserreger in den Körper gelangen können. Sind Räume und Gegenstände von Schimmelpilzsporen befallen, sei zudem das Tragen eines Atemschutzes sinnvoll, der nach Gebrauch entsorgt werden sollte. Von einer Desinfektion rät das Umweltbundesamt ab, „da das Hochwasser nicht nur Fäkalien, sondern eine Vielzahl chemischer Stoffe enthalten kann, die gegebenenfalls mit Desinfektionsmitteln reagieren“.

Risiko für Covid-19 in Hochwassergebieten „erhöht“

Neben dem kontaminierten Wasser und Schlamm sieht Mikrobiologe Podbielski in den Hochwassergebieten noch eine andere Infektionsgefahr: „Ratten, Mäuse und Ungeziefer kommen aufgrund des Mülls dichter in die Städte und damit näher an den Menschen heran.“ Gerade Ratten und Mäuse sind als Krankheitsüberträger bekannt. Zum Beispiel übertragen sie Hantaviren. Ihre Ausscheidungen seien keimhaltig und könnten das Wasser kontaminieren, so Podbielski. Oder sie trocknen auf Oberflächen aus und könnten dann über Staubaufwirbelungen als Aerosole in die Luft gelangen. „Wenn man diesen virushaltigen Staub einatmet, kann man sich auch mit Hantaviren infizieren.“

Video
Fluteinsatz des DRK: „Wir sind so lange da, wie die Menschen uns brauchen“
2:42 min
Nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW helfen Menschen aus ganz Deutschland bei den Aufräumarbeiten.  © Reuters
Anzeige

Das Risiko für derartige vektorübertragene Krankheiten sei grundsätzlich „sehr gering“, teilt das ECDC mit. Auch von Mücken übertragene Erreger wie das West-Nil- oder Dengue-Virus seien in den Hochwassergebieten aktuell nicht verbreitet. Anders stuft die Behörde die Gefahr, an Covid-19 zu erkranken, ein. „Suboptimale Unterbringungsbedingungen und Überfüllung“ könnten zu einem „erhöhten“ Infektionsrisiko führen.

ECDC: Impfprogramme fortsetzen

Vor einer steigenden Zahl an Corona-Infizierten haben auch die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gewarnt. „Derzeit kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass die Bewältigung der Katastrophe nicht zu einem Superspreaderevent wird“, sagte David Freichel vom Corona-Kommunikationsstab der Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz zu Beginn der Woche dem RND. „Viele Menschen dort haben alles verloren. Sie denken im Moment an alles, nur nicht an die Maske.“

Das ECDC spricht sich deshalb dafür aus, die Impfprogramme in den Hochwassergebieten fortzusetzen. Vor allem die Corona-Impfungen von älteren Menschen und Risikogruppen sowie die Masern-Mumps-Röteln-Impfungen hätten Priorität. Zusätzlich sollten Tetanus- und Hepatitis-A-Impfungen aufgefrischt werden, wenn kein ausreichender Impfschutz mehr besteht.

„Das ist ein frommer Wunsch“, meint Mikrobiologe Podbielski. Die Impfstoffe müssten erst in die betroffenen Regionen gebracht werden, während zeitgleich Impfmöglichkeiten geschaffen werden müssten. „Und dann dauert es auch noch, bis die Impfstoffe wirken. Bis dahin sind die Aufräumarbeiten vorbei.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen