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Hikikomori, immer im Zimmer: Wenn Menschen ihr Haus nicht mehr verlassen

Kaum Außenkontakte: Hikikomori ist in Japan der Begriff für Menschen, die ihr Zimmer so gut wie gar nicht mehr verlassen.

Kensi Yamase ist über 50 Jahre alt, aber er lebt noch bei seiner Mutter. Er fühle sich ihr gegenüber schuldig, sagt er: “Ich bin in einem Alter, in dem ich für mich selbst sorgen sollte, aber sie sorgt immer noch für mich.” Yamase hat keine Arbeit, und er verlässt das Haus nicht. Einen neuen Job sucht er auch nicht – “weil ich Angst habe zu scheitern”. Aufgaben anzugehen fällt ihm generell schwer.

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Yamase hat sein Schicksal “The Japan Times” geschildert, und das ist ungewöhnlich, denn er ist ein Hikikomori. Das bedeutet, eigentlich meidet er den Kontakt mit fast allen anderen Menschen und erst recht die Öffentlichkeit. Geschätzt eine halbe bis eine Million Japaner leben wie er. Hikikomori, das bedeutet so viel wie “die, die sich zurückziehen”. Die Betroffenen – meist handelt es sich um Männer – gehen nur noch im Notfall aus dem Haus, und zwar Jahre oder Jahrzehnte lang. Viele verlassen nicht einmal ihr Zimmer und bekommen von ihren Eltern das Essen vor die Tür gestellt, obwohl sie selbst längst erwachsen sind. Hikikomori empfangen auch keinen Besuch, soziale Kontakte werden ins Internet verlagert.

Oft beginnt der soziale Rückzug im jungen Alter mit der Weigerung, zur Schule oder zur Arbeit zu gehen, und setzt sich dann weiter fort. Je länger jemand als Hikikomori lebt, desto schwieriger wird es für ihn, zurück in die Gesellschaft zu finden. Und die Hikikomori werden immer mehr. Ein Rückzug in diesem Ausmaß scheint zwar ein rein japanisches Phänomen zu sein. Menschen, die sich freiwillig sozial isolieren, gibt es aber längst auch in anderen Ländern.

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“Kultur der Scham”: Zwischenmenschliche Schwierigkeiten als Ursache

Im vergangenen Jahr erschien im Fachmagazin “Frontiers in Psychiatry” eine Studie japanischer Forscher. “Obwohl man die Hikikomori ursprünglich für ein in Japan einzigartiges kulturelles Syndrom gehalten hat, wurden auch Fälle aus Oman, Spanien, Südkorea, Kanada, Hongkong, Indien, Frankreich, Österreich, China, den USA und Brasilien berichtet”, schreiben die Autoren. Zudem würden für das gleiche Verhalten in unterschiedlichen Ländern teils unterschiedliche Diagnosen gestellt. Deshalb lasse sich nicht genau sagen, wie viele Hikikomori es gibt.

Aber was bringt Menschen dazu, sich jahrelang in die eigenen vier Wände zurückzuziehen? Die Wissenschaftler hatten Hikikomori auch zu ihren Gründen befragt, die Gesellschaft zu meiden. Und diese berichteten vor allem von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Sie stimmten Aussagen zu wie “ich habe Angst, Leute zu treffen, die ich kenne”, “ich kann mich nicht in Gruppen einordnen” oder “ich bin besorgt darüber, was andere über mich denken könnten”.

Die Betroffenen meiden soziale Kontakte, bei denen sie fürchten, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu geraten, und haben ständig Angst, dass das peinlich oder erniedrigend verlaufen könnte.

Jörg Wiltink,

Oberarzt an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz

Die japanische Hilfsorganisation für Hikikomori, Yu-do Fu (“Tofu im warmen Wasser”), macht die Leistungsgesellschaft verantwortlich, die durch Konformität und Anpassung geprägt sei und in der Kinder von klein auf Druck ausgesetzt sind. Von den hohen Erwartungen ihrer Umwelt seien in Japan viele überfordert. Es herrsche eine “Kultur der Scham” bei denjenigen, die nicht mithalten könnten, so der Gründer der Hilfsorganisation, Hideo Tsujioka.

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Druck führt zur Blockade – Form der sozialen Angststörung

Vieles deutet demnach darauf hin, dass Hikikomori unter einer besonders ausgeprägten Form dessen leiden, was Psychologen als soziale Ängste bezeichnen. Jörg Wiltink ist Oberarzt an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Tatsächlich seien die Angst vor der Bewertung durch andere, große Schamgefühle und infolge ein sozialer Rückzug “typisch für eine soziale Angststörung”, sagt er. “Die Betroffenen meiden soziale Kontakte, bei denen sie fürchten, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu geraten, und haben ständig Angst, dass das peinlich oder erniedrigend verlaufen könnte.”

Soziale Angststörungen seien teilweise genetisch bedingt, teilweise auch durch traumatische Erfahrungen in der Kindheit geprägt. “Viele Patienten erinnern sich noch ganz genau, wie sie zum Beispiel in der Schule einmal vom Lehrer vorgeführt wurden”, sagt Wiltink.

Menschen mit sozialen Angststörungen hätten ein “defizitäres” Konzept von sich selbst, erklärt der Arzt. Das heißt, sie halten sich für weniger interessant und trauen sich weniger Fähigkeiten zu als anderen. “Um dagegen anzugehen, strengen sie sich im Job oder in der Schule oder anderen Bereichen besonders an, sie entwickeln einen übertriebenen Perfektionismus.” Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Denn wer ständig nur die größten Ziele hat, kann dem gar nicht gerecht werden – was er dann wieder als Scheitern empfindet. Dabei merkten Betroffene oft gar nicht, dass sie übertrieben hohe Ansprüche an sich selbst haben. “Sie denken, dass es sich um Erwartungen ihres Umfelds handelt. Typisch ist zum Beispiel der Glaube: Meine Eltern oder meine Lehrer verlangen immer nur das Beste von mir”, beschreibt Wiltink. Der Druck kann so groß werden, dass er blockiert – und zum Beispiel Prüfungen oder Abschlussarbeiten immer wieder aufgeschoben werden.

Auch Depressionen sind ein Thema

Möglich, dass die japanischen Hikikomori ein Scheitern im Beruf so sehr fürchten, dass sie diesen gar nicht mehr wahrnehmen können. Und dass die dortigen tatsächlich extrem hohen Anforderungen von Schule und Arbeitsmarkt krank machen können.

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Das Vermeiden hat noch nie bei der Bewältigung von Ängsten geholfen.

Jörg Wiltink,

Oberarzt an der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz

Allerdings: Dass jemand nur aufgrund einer sozialen Angststörung gar nicht mehr das Haus verlässt, kann zwar vorkommen. Es ist nach Wiltinks Erfahrung aber eher selten: “Oft liegt dann wahrscheinlich noch eine andere psychische Erkrankung vor.” So könnten zum Beispiel Depressionen dazu führen, dass sich Menschen komplett zurückziehen, oder auch eine Agoraphobie, die Angst vor Menschenansammlungen und öffentlichen Orten. In der japanischen Studie hatten auch fast 40 Prozent der befragten Hikikomori angegeben, bereits zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen zu sein.

Zumindest soziale Angststörungen lassen sich recht gut behandeln, sagt Wiltink. “Gut wirksam ist dann eine Verhaltenstherapie.” Dabei spiele die Konfrontation mit den gefürchteten Situationen eine wichtige Rolle: “Das Vermeiden hat noch nie bei der Bewältigung von Ängsten geholfen.” Möglich sei auch eine Gesprächstherapie und die Behandlung mit Antidepressiva. Bei schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen und Psychosen ist die Prognose allerdings weniger gut. Und natürlich müssen die Betroffenen bereit sein, sich helfen zu lassen.

Hikikomori pflegen Kontakte untereinander

Viele Hikikomori suchen zumindest den Kontakt zueinander und tauschen sich in Blogs im Internet aus. Vosot Ikeida, der sich als “Hardcore-Hikikomori” bezeichnet, gibt sogar ein Magazin heraus, das “Hikipos” heißt und in dem sich alles um das Leben in der Isolation dreht. Die Zeitschrift mache er, weil er sich wünsche, dass die Gesellschaft Hikikomori besser verstehe, sagt Ikeida. Zu lesen ist darin etwa ein Interview mit einem Mann aus Kamerun, dem es mithilfe von Mediation gelang, aus dem Hikikomori-Dasein auszubrechen.

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In Japan gibt es mittlerweile sogar spezielle Wohnheime für Hikikomori. Dort hat jeder sein eigenes Zimmer, die Bewohner müssen aber regelmäßig zusammen kochen und zum Beispiel im hauseigenen Café mitarbeiten. Für die Betroffenen kann schon das eine große Herausforderung sein. Aber auch ein erster Schritt zurück ins normale Leben.

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