• Startseite
  • Gesundheit
  • Herzstillstand: Wie fehlende Hilfsbereitschaft einen Mann beinahe das Leben kostete

Herzstillstand: Wie fehlende Hilfsbereitschaft einen Mann beinahe das Leben kostete

  • Bei einem Herzstillstand kann der Sauerstoffmangel im Gehirn innerhalb weniger Minuten zu schweren Störungen der Hirnfunktionen führen.
  • Schnelles Handeln der Ersthelfer ist das A und O.
  • Thomas Schaberger hat einen Herzstillstand überlebt. Er wünscht sich in Notfällen mehr Hilfsbereitschaft.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Auf einer Landstraße kurz vor Seligenstadt im Landkreis Offenbach in Hessen machen Autofahrer unter lautstarkem Hupen deutlich, dass der Stau, den das liegengebliebene Fahrzeug vor ihnen verursacht hat, für sie ein Ärgernis ist. Dass es sich offensichtlich um einen Notfall handelt, scheinen sie nicht zu realisieren – oder wollen es schlichtweg nicht. Der 55-jährige Fahrer des Wagens, der wegen Schmerzen in der Brust auf dem Weg zum Arzt war, hatte gerade einen Herzstillstand erlitten.

Dann hält ein entgegenkommendes Fahrzeug an. Die Fahrerin, Elke Spahn, und ihr 15-jähriger Sohn eilen zur Hilfe und ziehen Thomas Schaberger aus seinem Auto. Nur durch ihr Handeln hat der heute 58-Jährige überlebt. Wie er vom Leben eine zweite Chance bekam und inwiefern er seinen Alltag nach dem Herzstillstand umgekrempelt hat, erklärt Schaberger im Interview.

Herr Schaberger, was ist an jenem Novembertag passiert?

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ich kann mich weder an die Stunden vor dem Herzstillstand noch an den Moment auf der Landstraße erinnern. Meine Kollegen erzählten mir aber, ich hätte im Büro über Druck in der Brust und Atemnot geklagt. Die Ersthelferin des Unternehmens bot mir deshalb an, mich zum etwa zehn Kilometer entfernten Betriebsarzt zu fahren. Allerdings meinte ich: 'Ach, ich bin ja soweit ok, dass ich noch selbst fahren kann.' Und auf dem Weg dorthin blieb ich mitten auf der Fahrbahn stehen.

Mittlerweile ist bekannt, dass ein schwerer Herzinfarkt für die Schmerzen in der Brust und die Atemnot verantwortlich war. Hatten Sie zuvor bereits Probleme mit dem Herzen?

Nein, für mich waren keine Anzeichen erkennbar. Die familiäre Veranlagung war aber, dadurch, dass mein Vater einen Herzinfarkt hatte, gegeben. Hinzu kommt, dass ich die letzten zehn Jahre Gelegenheitsraucher war und viel Stress im Beruf hatte, wodurch ich mich unregelmäßig und ungesund ernährte. Im Jahr bin ich etwa 60.000 Kilometer gefahren, hatte Verantwortung für 18 Mitarbeiter. Dabei blieb wenig Freizeit. Ich denke, der Herzinfarkt war ein Schuss vor den Bug. Mein Körper wollte mir die Grenze aufzeigen: 'Jetzt ist Schluss, du musst etwas ändern, ansonsten ist es vorbei.'

Wie ging es weiter, nachdem Sie von Elke Spahn wiederbelebt wurden?

Anzeige

Der Rettungswagen traf etwa eine Viertelstunde nach Beginn der Wiederbelebung am Unfallort ein und brachte mich in das Universitätsklinikum in Frankfurt. Während dieser Fahrt wurde ich zwei weitere Male wiederbelebt. Als ein Herzinfarkt mit Herzstillstand diagnostiziert wurde, erhielt ich bei der Herzkatheteruntersuchung drei Stents. Anschließend versetzten mich die Ärzte im Klinikum in ein künstliches Koma, in dem ich zehn Tage lag. Der Vorfall hat außerdem zu einem totalen Nierenversagen geführt, sodass ich über den gesamten Klinikaufenthalt an die Dialyse musste.

Thomas Schaberger musste nach einem Herzstillstand mehrfach wiederbelebt werden. Sein Leben hat er seither komplett umgekrempelt. © Quelle: Privat

Nun kann der Sauerstoffmangel im Gehirn bei einem Herzstillstand innerhalb weniger Minuten zu schweren Störungen der Hirnfunktionen führen. Haben Sie bleibende Schäden davongetragen?

Als ich aus dem Koma erwacht bin, konnte ich weder gehen noch etwas greifen, beziehungsweise in der Hand halten. Außerdem habe ich durch den Muskelabbau etwa zehn Kilo abgenommen. Mein Körper hat sich aber weitgehend gut erholt. Nach drei Wochen durfte ich das Krankenhaus verlassen und wurde direkt zur Reha mit orthopädischer und kardiologischer Abteilung gebracht. Heute noch sind meine Faszien, wahrscheinlich durch den Sauerstoffmangel des Gehirns, verklebt. Auch die wechselnden Beschwerden in Beinen und Rücken bestehen weiterhin.

Zudem war ich lange in psychologischer Betreuung, hatte eine Schmerztherapie und Physiotherapie. Bis heute bin ich durch den Vorfall viel emotionaler und näher am Wasser gebaut als vorher. Meine Familie war in dieser Zeit eine große Stütze. Sie hat mir das Gefühl vermittelt, dass ich nicht alleine bin und mich ausgebremst, wenn ich wieder zu viel Arbeit auf mich genommen habe.

Anzeige

Nach Ihrem Aufenthalt im Krankenhaus war es Ihr Wunsch, die Frau zu treffen, die Ihnen das Leben gerettet hat. Wie hat es sich für Sie angefühlt, Elke Spahn gegenüber zu stehen?

Die Intention war im Grunde, mich zu bedanken. Trotzdem gehen einem in so einem Moment viele Fragen durch den Kopf. Wer ist diese Frau? Bedanke ich mich nur und gehe oder bleiben wir womöglich in Kontakt? Und es hat sich herausgestellt, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Es hat sich mit Elke und ihrer Familie eine feste Freundschaft entwickelt.

Herr Schaberger, inwiefern haben Sie Ihr Leben nach dem Herzstillstand umgestellt?

Ich habe meinen Job an den Nagel gehängt und arbeite jetzt anstatt 50 Stunden wöchentlich maximal 16 Stunden. Außerdem mache ich wieder mehr Sport, fahre Mountainbike und mache Yoga.

Meine Familie und ich besuchen regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse. Ich halte Vorträge beim Stadtrat, bei Sportvereinen oder beim Roten Kreuz. Ich möchte darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, in Notsituationen zu handeln. Keiner muss sich davor fürchten, in so einem Moment etwas falsch zu machen. Falsch ist nur, nicht zu helfen.

Info: Erste Hilfe bei einem Herzstillstand - Schnelles Handeln ist das A und O

„Bei einem Herzstillstand fällt die Sauerstoffversorgung des Gehirns aus“, erklärt Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie im Deutschen Herzzentrum München. Mit jeder zusätzlichen Minute gehen mehr Nervenzellen zugrunde. Die mögliche Folge: schwere Störungen der Hinfunktionen.

Schnelles Handeln ist daher das A und O, wenn jemand infolge eines Herzstillstandes bewusstlos zusammenbricht. „Im besten Fall sollten Ersthelfer schon während des Absetzens des Notrufs, bei dem die Lage des Betroffenen möglichst präzise beschrieben werden muss, mit der Herzdruckmassage beginnen“, sagt Schunkert. Durch sie entsteht ein künstlicher Blutkreislauf, über den Nährstoffe und Sauerstoff zum Gehirn transportiert werden – und der Gehirntod wird verhindert. Die Atemspende ist Schunkert zufolge erst einmal zweitrangig: „Mehrere Studien haben gezeigt, dass in den ersten Minuten nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand noch ausreichend Sauerstoff im Blut ist. Es muss nur durch die Herzkreislaufmassage in die Organe befördert werden.“

Wie funktioniert eine Herzdruckmassage?

Bei einer Herzdruckmassage muss der Betroffene auf dem Rücken und auf einer möglichst harten Unterlage, zum Beispiel dem Fußboden, liegen. Der Ersthelfer kniet sich daneben und setzt den Handballen auf die Mitte des Brustbeins. Die zweite Hand wird auf den Handrücken der ersten gelegt. Mit gestreckten Armen muss dann das Brustbein mit einer Frequenz von 100 pro Minute vier bis fünf Zentimeter Richtung Wirbelsäule gedrückt werden. Wichtig hierbei: Das Brustbein muss nach jedem Drücken vollständig entlastet werden, ohne den Kontakt zwischen Brustbein und Hand zu verlieren.

Als mögliche Fehler benennt die Deutsche Herzstiftung:

  • Der Patient liegt auf einer weichen oder federnden Unterlage.
  • Der Kopf des Patienten ist nicht wirklich überstreckt.
  • Die Herzdruckmassage erfolgt nicht in der Mitte des Brustbeins.
  • Das Brustbein wird nicht tief genug gedrückt (4-5 cm), weil man die Herzdruckmassage zu hastig ausführt.

Ein kostenfreies Ratgeber- und Veranstaltungsangebot der bundesweiten Herzwochen (Motto: „Bedrohliche Herzrhythmusstörungen: Wie schütze ich mich vor dem plötzlichen Herztod?“) der Deutschen Herzstiftung finden Sie unter www.herzstiftung.de.