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Virologe Streeck: „Wir müssen uns damit abfinden, dass jeder mit dem Virus in Kontakt kommen wird“

Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Bonn, steht in einem Labor. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über den weiteren Verlauf der Corona-Pandemie, die allgemeine Impfpflicht und die Omikron-Variante.

Bonn. Hendrik Streeck ist gerade mal wieder auf dem Sprung. Der Bonner Virologe hat Termine hier und dort – jüngst wurde er auch noch in den Corona-Expertenrat zur Beratung der Bundesregierung aufgenommen. Man kann sagen: Allein an Streecks Terminkalender lässt sich ablesen, dass Corona wohl noch lange nicht vorbei ist.

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Auch deshalb lohnt es sich, den Blick zum Jahreswechsel zu weiten. Was erwartet uns 2022? Wo wurden zuletzt Fehler gemacht? Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt Streeck, warum sich die Impfstoffe möglicherweise verändern müssen – und warum er erwartet, dass sich jede und jeder in Deutschland früher oder später auf einen positiven Corona-Test einstellen muss.

Herr Streeck, dass uns die Corona-Pandemie am Ende des Jahres 2021 immer noch so fest im Griff hat, hätten viele Menschen nicht gedacht. Wenn Sie zurückschauen: Wann und wo wurden in den vergangenen Monaten die entscheidenden Fehler gemacht?

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Die Botschaft war: Lass‘ dich impfen, dann ist Corona für dich vorüber. Das war ein fatales Signal.

Ich finde es besser, in einer Pandemie nach vorne zu schauen. Aber langfristig ist natürlich eine Aufarbeitung und ein Lernen aus Fehlern enorm wichtig. Ich glaube in der Tat, dass wir uns unzureichend auf Herbst und Winter vorbereitet haben. Mit der Impfung kam das Gefühl auf, dass die Pandemie vorbei ist. Das wurde auch so kommuniziert. Die Botschaft war: Lass‘ dich impfen, dann ist Corona für dich vorüber. Das war ein fatales Signal. Es wurde nicht klar gemacht, dass auch Geimpfte noch in der Pandemie sind. Und: Es gab auch mehr Wahl- als Impfwerbung.

Die Omikron-Variante könnte die Situation noch weiter erschweren. Waren Sie überrascht, dass sich das Virus noch mal derart verändert?

Wir lernen das Virus immer noch kennen. Von daher lässt sich die evolutionäre Entwicklung schwer vorhersagen. Es hätte aber genauso gut sein können, dass Delta die ausmutierte Form ist und nur noch minimale Veränderungen entstehen. Dass bei Omikron nun so viele Veränderungen auf einmal entstanden sind, deutet daraufhin, dass wir auch noch weitere Veränderungen des Virus sehen werden.

Was bedeutet das, wenn wir auf das kommende Jahr blicken?

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Für mich stellt sich die Frage, ob wir die Impfstoffe, die wir haben, mittelfristig erweitern sollten. In meinen Augen sollte man diskutieren, ob andere, mehr konservierte Regionen des Virus im Impfstoff enthalten sein sollten, die nicht so gravierend mutieren können. Mit den vorhandenen Impfstoffen zeigen wir dem Immunsystem mit dem Spike-Protein nur die Oberfläche. Es ist zu diskutieren, ob nicht auch das Nucleocapsid – ein grundlegendes Bauelement des Virus – enthalten sein sollte, gegen die der Körper robuste T-Zellantworten macht.

Wie wird sich die Pandemie im kommenden Jahr aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?

Dazu habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht.

Zuerst die gute.

Wir werden wieder einen ruhigen Sommer haben. Im März oder April werden die Zahlen wieder deutlich fallen.

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Und die schlechte?

Wir müssen uns – so glaube ich – damit abfinden, dass jeder in Deutschland mit dem Virus in den nächsten Jahren immer mal wieder in Kontakt kommen wird. Allerdings sollten Infektionen, die bei Geimpften, Genesenen und gerade in den Sommermonaten auftreten, keine großen Probleme bereiten – auch wenn man nicht jeden schweren Verlauf verhindern wird können.

Jeder muss sich darauf vorbereiten, in seinem Leben doch mal positiv auf Corona getestet zu werden.

Eine Infektion nach einer Impfung stellt die Immunantwort gegen das Virus auf eine noch breitere Basis. Das soll kein Aufruf dazu sein, sich zu infizieren. Aber jeder muss sich darauf vorbereiten, in seinem Leben doch mal positiv auf Corona getestet zu werden.

Wann endet die Pandemie unter diesen Bedingungen?

Wir werden erstmal weiterhin unsere Wellen haben in den Herbst- und Wintermonaten. Wie die genau aussehen werden, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von den Varianten, die noch kommen. Wir müssen einen Sommerreifen- und einen Winterreifen-Modus entwickeln. Im Sommer lässt sich entspannter mit vielen Dingen umgehen, im Herbst oder Winter sind Masken oder ähnliche Schutzmaßnahmen wichtig – das muss ins Bewusstsein. Ich kann aber unmöglich vorhersagen, ob es im nächsten Winter weiterhin der Fall sein wird.

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Zur Person

Hendrik Streeck (44) ist Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Seine medizinische Laufbahn begann er an der Charité in Berlin. Eines seiner Spezialgebiete ist die HIV-Forschung. In der Corona-Pandemie wurde er als Virologe deutschlandweit bekannt und zu einem oft befragten Experten. 2021 veröffentlichte er das Buch „Unser Immunsystem“.

RND/dpa

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