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Hendrik Streeck: „Wir kontrollieren die HIV-Pandemie weltweit nicht gut“

  • HIV sei eine Pandemie, die nicht gut kontrolliert werde, kritisiert Prof. Hendrik Streeck.
  • Im RND-Gespräch erklärt der Virologe, warum es immer noch keinen Impfstoff gegen Aids gibt und Medikamente mehr Hoffnung machen.
  • Aus 40 Jahren Aids-Bekämpfung werde deutlich: In Pandemien brauche es globales Denken.
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Seit Beginn dieser Pandemie ist Prof. Hendrik Streeck in der Öffentlichkeit bekannt als Experte für das Coronavirus. Eigentlich aber forscht der Virologe zu Aids und HIV, zu Ansätzen, wie man die Krankheit womöglich irgendwann heilen oder präventiv mit einer Impfung verhindern kann.

An der Universität in Bonn hat Streeck als Leiter des Instituts für Virologie auch ein Zentrum für HIV-Forschung aufgebaut. Aktuell laufen dort Studien, bei denen Forschende herausfinden wollen, welche Inzidenz es bei HIV in Deutschland und europaweit wirklich gibt. Denn man kennt – quasi wie bei Corona – nur die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen. Hierzulande gibt es laut RKI-Daten 90.000 HIV-Positive. Es wird von einer Dunkelziffer von rund 11.000 weiteren Menschen ausgegangen, die nichts von ihrer Infektion wissen.

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Herr Streeck, in Deutschland sind rund 90.000 HIV-Positive gemeldet, es wird von einer Dunkelziffer von rund 11.000 Menschen ausgegangen, die nichts von ihrer Infektion wissen. Was müsste passieren, damit es zu weniger Ansteckungen kommt?

HIV ist eine Pandemie, die wir im Moment weltweit nicht wirklich gut kontrollieren. Daraus resultiert die Erkrankung Aids, die immer noch nicht heilbar ist, die jeden Tag mit Medikamenten kontrolliert werden muss. Die meisten Menschen, die sich infizieren und nicht therapiert werden, sterben daran. Es braucht ein verstärktes allgemeines Bewusstsein dafür, dass HIV ein sehr gefährliches Virus ist.

Zur Prävention sollte man deshalb Kondome benutzen. Es gibt aber auch Medikamente, die präventiv eine Infektion verhindern können, die sogenannte Präexpositionsprophylaxe. Eine solche Pille pro Tag schützt gut vor einer HIV-Infektion. Darüber sollte man aufklären.

Der Umgang mit HIV und Aids ist ein mit Scham besetztes Thema. Leidet darunter auch die Pandemiebekämpfung?

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Wir müssen die Stigmatisierung und Diskriminierung bei Aids abbauen. Mehr Menschen sollten sich, ohne Schamgefühle zu entwickeln, niederschwellig auf HIV testen lassen können. Wer frühzeitig ein positives Testergebnis hat, kann eine Therapie beginnen – und hat dann auch eine normale Lebenserwartung. Seit 2018 weiß die Forschung ganz klar: Wer mit passenden Medikamenten behandelt wird, ist nicht mehr für andere ansteckend, auch nicht beim ungeschützten Sex.

Weniger Tabletten und Spritzen: Aids-Therapie hat sich verbessert

Man ist bei der Forschung zu Medikamenten in den letzten Jahren also wirklich weitergekommen?

Nachdem man 1983 das HI-Virus entdeckte und 1984 herausfand, dass HIV Aids auslöst, gab es über zehn Jahre lang keine wirklich lebensverlängernde Therapie. Es gab einzelne Wirkstoffe, aber mit oder ohne Behandlung sind die Menschen fast gleich schnell daran gestorben. Das erste Medikament kam im Jahr 1987 auf dem Markt, das Virus wurde aber schnell resistent dagegen.

Heute sind die antiviralen Therapien im HIV-Bereich wirklich gut geworden. Früher musste man eine Handvoll Tabletten schlucken, heute sind es ein bis zwei am Tag, weitgehend ohne Nebenwirkungen. Inzwischen können Wirkstoffe auch alle sechs Wochen in den Pomuskel gespritzt werden. Das ist die Zukunft: Man hofft, dass es irgendwann nur noch einmal im Jahr eine Spritze braucht.

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40 Jahre nach den ersten registrierten Aids-Erkrankungen fehlt eine Schutzimpfung gegen HIV – ganz anders als bei Corona. Wieso ist das so schwierig?

Es gibt nur wenig Ansatzpunkte beim HI-Virus. Ein Coronavirus besitzt Hunderte Spike-Proteine auf seiner Oberfläche. Da setzt das Immunsystem an, um das Virus zu neutralisieren. Ein HI-Virus hat aber im Durchschnitt nur 14 solcher Noppen. Diese sind in ihrer Struktur kompliziert, da sie ineinander verschränkt sind und einen Hohlraum bilden. Die Molekülstruktur ist also sehr komplex. 50 Prozent der Noppenoberfläche besteht dann auch noch aus Zucker, welches das menschliche Immunsystem nicht gut erkennt.

Und was an Mutationen weltweit bei Influenzaviren in einem Jahr passiert, findet bei einem unbehandelten HIV-positiven Patienten innerhalb von sechs Jahren im eigenen Körper statt. Das Virus verändert sich ständig.

Würde mehr Geld für die HIV-Forschung helfen, um die Impfstoffentwicklung zu beschleunigen?

Ganz sicher. HIV ist auch in Deutschland ein untergeordnetes Thema, das politische Interesse an der Forschung gering. Wir sehen, dass der Druck bei Corona ein ganz anderer ist und Fördergelder lockergemacht werden können. Inzwischen laufen in diesem Bereich zehn Phase-3-Impfstoffstudien. Bei HIV gab es in 40 Jahren nur sieben solcher Versuche.

Corona-Forschung könnte auch bei HIV/Aids-Impfstoffsuche helfen

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Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber bei einem möglichen Kandidaten gegen HIV.

Im Moment läuft eine fortgeschrittene Phase-3-Studie mit Tausenden Probanden. Dieses Jahr sind erste Daten dazu zu erwarten. Das ist ein Adenovirusvektorwirkstoff. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion hatte sich im Affenversuch um 67 Prozent reduziert. Bekannt ist, dass der Impfstoff im Menschen ähnliche Immunantworten erzeugt. Wie gut der Schutz im Menschen dann tatsächlich sein wird und ob es einen geben wird, kann man aber nicht vorhersagen.

Können wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Corona-Forschung auch bei der Aids-Bekämpfung helfen?

Die mRNA-Technologie, die hinter den Impfstoffen von Biontech und Moderna steht, könnte grundsätzlich auch bei HIV funktionieren. Verzeichnen wir erste Erfolge, wäre das fantastisch. Die Erfahrungen der Corona-Pandemie zeigen aber auch, wie wichtig Gebote statt Verbote sind. Die Menschen müssen bei der Bekämpfung von Pandemien mit ins Boot geholt werden, damit sie selbst aktiv Infektionen vermeiden. Ein Instrument sind bei Corona wie auch bei HIV regelmäßige Selbsttests.

Aus der Pandemiebekämpfung bei Aids und Corona lernen

Glauben Sie, dass wir die Aids-Pandemie irgendwann besiegt haben werden?

Natürlich hoffe ich auf einen Impfstoff, aber auch, dass wir Aids irgendwann heilen können. Hier hat die Wissenschaft aber bisher etwas Fundamentales noch nicht enträtseln können. Zurzeit bleiben uns die Medikamente als Mittel der Wahl, die Pandemie einzudämmen. Das kann erfolgreich sein, wenn wir weltweit gegen das Virus gleichermaßen vorgehen.

Wieso ist das auch beim HI-Virus so wichtig?

Es besteht die Gefahr, dass sich HIV so verändert, dass es resistent gegen bestehende Medikamente wird. Dem HI-Virus sind Grenzen egal, sodass solche Mutationen mit Resistenzen auch schnell bei uns ankommen. Auch sehen wir im Moment einen Anstieg der Neuinfektionen in Westafrika, im mittleren Osten und in Ost- und Zentraleuropa. Auch Kriegsregionen sind besonders getroffen. Pandemien sind ein Grund für Flucht und Migration. Deshalb geht das Thema Aids auch jeden etwas an.

Ist das auch eine Lehre, die Sie aus der Corona-Pandemie für die Zukunft ziehen?

Allerdings! Und in der Corona-Pandemie habe ich gelernt, dass unsere Strukturen nicht so funktionieren, wie sie eigentlich sollten. Ich dachte, die Weltgemeinschaft ist da weiter, gerade aufgrund der Lehren von 40 Jahren Aids und HIV. Wir haben gute Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation. Ich wünsche mir, dass wir uns weniger in einzelnen Aspekten der Krise verfangen und globaler denken.

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