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Hausarzt zur Biontech-Deckelung: „So kommt die Impfkampagne zum Erliegen“

  • Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, die Auslieferung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer vorerst zu begrenzen.
  • An der Basis sorge die Entscheidung für Kopfschütteln, berichtet ein Hausarzt.
  • Das Vertrauen in Impfung und Ärzteschaft stehe dadurch auf dem Spiel.
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Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, die Auslieferung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer in den kommenden Wochen zu begrenzen. Begründet wird die Maßnahme mit einem drohenden Verfall eingelagerter Dosen des Impfstoffs Moderna. Es sei genug Impfstoff für alle da, versicherte das Ministerium am Samstag. Dr. Arne Krüger, Allgemeinmediziner im nordrhein-westfälischen Lünen, macht sich trotzdem Sorgen. Was bedeutet die Entscheidung nun für ihn konkret im Alltag? Ein Protokoll, aufgezeichnet von RND-Autorin Leonie Schulte.

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„Genau in dem Moment, in dem wir verzweifelt versuchen diese Impfkampagne zu beschleunigen, bremst uns die Politik mit diesen sinnfreien Entscheidungen aus. Was für eine falsche Gewichtung und letztlich auch politische Geisterfahrt. Dass der Impfstoff von Moderna verfällt, ist ein Problem von Herrn Spahn – und nicht unseres. Er hätte sich früher darum kümmern müssen. Jetzt ist es zu spät.

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In unserem Terminkalender stehen 1000 Impftermine. Wir haben die Praxen voll und wir haben keine Zeit, sofern wir die vierte Welle unter Kontrolle kriegen wollen. Wenn wir jetzt auf Moderna umstellen, werden die Patienten wegbleiben und bis Januar warten, bis sie ihre Biontech-Dosis kriegen. Damit macht die Politik das mühsam aufgebaute Vertrauen und die hohe Impfgeschwindigkeit kaputt. In spätestens zwei Wochen wird die Impfkampagne so zum Erliegen kommen. Ich glaube, Herr Spahn hat keine Ahnung, was die Stimmung der impfenden Basis angeht und auf der Patientenseite.

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Ein großer Protestzug, der gegen einen Lockdown und Impfungen demonstrierte, legte am Samstagnachmittag weite Teile des Verkehrs in der Wiener Innenstadt lahm.  © AFP

Aktuell impfen wir 500 bis 800 Menschen pro Woche. Wir impfen in den Mittagspausen, wir impfen große Gruppen nach Praxisschluss und wir impfen am Wochenende. Und zwar ausschließlich Biontech. Ich komme inzwischen locker auf 70 Arbeitsstunden die Woche. Und das ist nur eine Praxis. Meine Kollegen machen das ja auch.

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Gerade wir Hausärzte spielen bei den Impfungen eine entscheidende Rolle. Für die Patienten sind die Wege kurz und es ist ein gewisses Grundvertrauen da. Ich kann die Patienten in meiner Sprechstunde sofort abgreifen und zum Boostern schicken. Wenn man mich ließe, könnte ich in einem Monat mehr Impfungen abarbeiten als im ganzen zweiten Quartal zusammen. Nicht, weil es mir große Freude macht, sondern weil es notwendig ist.

Dr. Arne Krüger ist Allgemeinmediziner in Lünen (NRW). Die plötzliche Rationierung des Biontech-Impfstoffs kann er nicht verstehen. © Quelle: Privat

Wir können also impfen, wir wollen impfen. Jetzt aber kommt jemand am Freitagnachmittag daher und sagt, ab übernächster Woche bekomme ich nur noch 30 Dosen Biontech. Was sage ich meinen Patienten, die ab Montag bei mir anrufen werden? Eines ist für mich klar: Wenn die Politik das durchzieht, dann bin ich raus! Dann fällt eine Praxis mit über 1000 Impfungen innerhalb von zwei Wochen eben aus. Ich habe mich wirklich bemüht. Aber immerhin kann ich dann Golf spielen lernen. Die Wertschätzung der Politiker der CDU hat sich in dieser Woche ja schon mehrfach gezeigt.“

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Damit spielt Allgemeinmediziner Krüger auf eine Äußerung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann an. „Statt Golfplatz am Samstag, Impfen am Samstag“, sei seine Forderung, hatte die „Ärztezeitung“ den CDU-Politiker vor wenigen Tagen zitiert. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) seien in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Hausärzteschaft Patientinnen und Patienten rasch die Booster-Impfungen anbieten. Später berichtete das Fachblatt, Laumann bedauere seine Äußerung. Er habe sich dafür entschuldigt.

Allein ist Krüger nun nicht mit seiner Kritik an der Entscheidung, Biontech-Dosen zu rationieren. Auch andere Hausärzte sind entrüstet. „Impfplanung zerstört“, twittertenach Bekanntmachung etwa der Allgemeinmediziner Marc Hanefeldt aus Bremervörde. Wegen Rücknahme der Impfempfehlung des Moderna-Impfstoffs für unter 30-Jährige rechne er mit einem großen Diskussionsbedarf, auch in der Altersgruppe der über 30-Jährigen.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach übte ebenfalls Kritik. Das könne man sich aktuell nicht leisten, sagte er am Samstag im Deutschlandfunk. Viele Menschen in Deutschland würden dem Biontech-Impfstoff besonders vertrauen. „Wir müssen jetzt wirklich mit allen Kräften arbeiten.“ Dass bei den Moderna-Impfdosen das Verfallsdatum nahe, wisse man schon länger. Man habe sie auch anderen Ländern zur Verfügung stellen können.

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