Hatten wir das nicht schon geklärt?

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorinnenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Pandemiezeit ist Déjà-vu-Zeit.
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Liebe Leserinnen und Leser,

„die ungeklärten Fragen betreffen meistens die Kinder“ – das stand vor einigen Monaten schon einmal über einem unserer Corona-Newsletter. Und daran hat sich wenig geändert. Die Pandemie fühlt sich ja oft und in vielen Bereichen an wie ein einziges Déjà-vu. Diskussionen über den Sinnhaftigkeit von Masken – hatten wir die nicht schon mal? Die Frage, wie gut die Schnelltests sind – war das nicht schon längst geklärt? Wie aussagekräftig ist die Inzidenz – haben wir darüber nicht schon vor Monaten diskutiert?

Bei keinem Thema jedoch stellt sich der Déjà-vu-Effekt so schnell ein, wie wenn es um die Kinder und Schulen geht. Jetzt, wo immer mehr Bundesländer zum Schulalltag zurückkehren, wird wieder über Luftfilter diskutiert, als sei es 2020. Wieder sind viele der gleichen Fragen offen wie vor den Sommerferien. Der oberste Schülersprecher Deutschlands, Dario Schramm, kritisiert daher ganz treffend: „Wir haben wieder verschlafene Sommerferien erlebt.“ Einig sind sich zwar alle, dass man erneute Schulschließungen verhindern möchte. Eine vierte Welle mit Schulschließungen wäre nicht verkraftbar, mahnt etwa der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte eindringlich. Doch dafür braucht es eben Ideen, Konzepte und vor allem Vorbereitung.

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Zumindest in einem Bereich gibt es nun Klarheit: Die Ständige Impfkommission hat sich in dieser Woche für eine generelle Impfung aller Kinder ab zwölf Jahren ausgesprochen. Und auch bei der Frage, warum Corona bei Kindern meist harmloser verläuft, gibt es wissenschaftliche Fortschritte. Mehr dazu lesen Sie in diesem Newsletter.

Bleiben Sie stark!

Anna Schughart

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.
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Erkenntnis der Woche

Die Stiko hat sich nun doch entschieden: Bei Kindern ab zwölf Jahren überwiegt der Nutzen einer Corona-Impfung – egal ob sie eine Vorerkrankungen haben oder nicht. Die Impfkommission hat sich mit ihrer allgemeinen Empfehlung lange Zeit genommen, zuletzt war der politische Druck auf das Gremium deutlich gestiegen. Von einem „Einknicken” wollen Experten und Expertinnen trotzdem nicht sprechen. Stattdessen verweisen sie auf eine deutlich bessere Datengrundlage, vor allem bezüglich der sehr selten auftretenden Herzmuskelentzündungen. Daten aus den USA zeigen: Die Mehrzahl der Betroffenen sei im Krankenhaus behandelt worden, habe aber einen unkomplizierten Verlauf gehabt. Aber auch Covid-19 könne das Herz in Mitleidenschaft ziehen. Laut Stiko traten bisher keine Signale für weitere schwere Nebenwirkungen auf. Stattdessen erhöhe die Delta-Variante das Risiko einer Corona-Infektion auch bei Kindern.

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Einige Bundesländer veranstalten spezielle Impfaktionen, beispielsweise in der Schule. In Hamburg soll es etwa „weitere Impfangebote an den 59 Stadtteilschulen und 63 Gymnasien für die rund 100.000 Schülerinnen und Schüler über zwölf Jahren” geben. In Mecklenburg-Vorpommern haben am Dienstag mobile Teams mit Impfungen an Schulen begonnen. Kritik kommt vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte: Jugendliche stünden in der Schule sehr stark unter Gruppenzwang, sodass eine freie und unabhängige Entscheidung schwierig werde, sagte der Kinderarzt und Bundessprecher Jakob Maske dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Pandemie in Zahlen

Alltagswissen

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihre Empfehlung zur Corona-Impfung von Genesenen noch einmal aktualisiert: Wer sich mit Sars-CoV-2 infiziert hat, kann schon vier Wochen nach Ende der Symptome eine Impfdosis erhalten. Bislang hatte die Stiko Genesenen grundsätzlich dazu geraten, sechs Monate bis zur Impfung zu warten. Unverändert bleibt hingegen ihre Empfehlung, dass bei Genesenen eine einzige Impfdosis ausreicht. „Ob und wann zu einem späteren Zeitpunkt eine zweite Covid-19-Impfung notwendig ist, lässt sich gegenwärtig nicht sagen”, schreibt die Stiko in ihrer Impfempfehlung. Tatsächlich konnten mehrere Studien zeigen, dass Genesene nach einer einzelnen Impfdosis gut vor dem Coronavirus geschützt sind.

Und für Nichtgenesene? Braucht es die dritte Impfdosis – und wenn ja, wann? Für die meisten Geimpften wird das nach Überzeugung des Virologen Christian Drosten im Herbst nicht nötig sein. „Die Schutzwirkung der Corona-Vakzine ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen”, sagte er.

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Am Montag hatten die Unternehmen Biontech/Pfizer erste Daten für die Zulassung einer Auffrischungsimpfung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA eingereicht. Im Vergleich zu einer zweifachen Impfung hätten bei den Menschen mit Auffrischungsimpfung „signifikant höhere neutralisierende Antikörpertiter” nachgewiesen werden können – sowohl gegen das ursprüngliche Virus als unter anderem auch gegen die Delta-Variante.

Zitat der Woche

Die Testraten in weiten Teilen der Welt sind zu niedrig, insbesondere in Ländern mit geringem Einkommen, sodass ein Großteil der Welt blind für die Entwicklung der Krankheit und anfällig für neue Varianten ist.

Die Weltgesundheitsorganisation kritisiert die schleppende Bekämpfung der Corona-Pandemie

Forschungsfortschritt

Das Immunsystem von Kindern ist besser auf Corona vorbereitet als das von Erwachsenen. Die Zellen der oberen Atemwege befinden sich einer aktuellen Untersuchung zufolge bereits in erhöhter Alarmbereitschaft und können das Virus im Falle einer Infektion schnell bekämpfen, bevor es sich massiv vermehrt, zeigt eine Studie, die in „Nature Biotechnology” veröffentlicht wurde. Infiziert ein Virus die Zellen, bildet der Körper den Botenstoff Interferon, welcher die Bekämpfung des Virus einleitet. Bei Erwachsenen werde das Frühwarnsystem überrumpelt, das Virus wird nicht so effektiv bekämpft und kann sich stärker ausbreiten. Das könnte erklären, warum Corona für Kinder meist harmlos ist.

Pandemie im Ausland

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Lockdown in Wellington, der Hauptstadt Neuseelands. © Quelle: Getty Images

Nur ein einziger Corona-Fall und das ganze Land geht in den Lockdown. Wohl kein anderes Land der Welt verfolgt eine dermaßen strenge No-Covid-Strategie wie Neuseeland. Nun hat das Land seinen ersten Fall einer Infektion mit der Delta-Variante, weitere Ansteckungen wurden schnell bekannt. Lockdown in Neuseeland bedeutet strenge Restriktionen: Außer den essenziellen Geschäften müssen sämtliche andere Läden, Restaurants, Cafés, Fitnessstudios und Orte, an denen sich Menschen normalerweise zusammenfinden, schließen. Auch die Schulen des Landes haben auf Onlineunterricht umgestellt.

In Neuseeland ist die Methode erprobt und findet auch im Volk Zustimmung: So sammeln sich unter dem Facebook-Post der Regierungschefin Tausende Kommentare, die die Vorgehensweise der Politikerin unterstützen, berichtet unsere Korrespondentin Barbara Barkhausen. Doch das neuseeländische Pandemiemanagement hat auch Schwachstellen: „Neuseeland könnte viel gelassener mit den nun auftretenden Fällen umgehen, wenn besser und schneller geimpft worden wäre”, kritisiert etwa Oliver Hartwich, Direktor des Thinktanks New Zealand Initiative.

Was kommt

Zahlreiche Impflinge warten in einer Schlange in den Messehallen auf ihre Impfung. Am letzten Tag der Erstimpfungen hat es im Hamburger Impfzentrum noch einmal Andrang gegeben. © Quelle: Christian Charisius/dpa

Das Ende der Impfzentren naht. Spätestens mit dem Ende der Finanzierung durch den Bund stellen die Bundesländer den Betrieb ihrer überregionalen Impfzentren ein. Das ergab eine Umfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) unter allen 16 Landesgesundheitsministerien. Damit wird voraussichtlich kein Land seine zentralen Impfstellen über Ende September hinaus auf eigene Kosten betreiben. Die Gesundheitsministerkonferenz hatte bereits am 28. Juni eine Neuausrichtung der Nationalen Impfstrategie beschlossen. So sollten Impfzentren geschlossen, in ihrer Anzahl oder Kapazität reduziert und der Schwerpunkt auf mobile Impfteams gesetzt werden. Die Bundesländer sollen sich aber für den Fall bereithalten, dass die Impfkapazitäten kurzfristig wieder hochgefahren werden müssen.

Was die Pandemie leichter macht

Mundspülung gegen Covid-19, Gummidrops gegen Akne: Gesundheitsportale im Netz versprechen viel, wenn es um Heilung geht. Doch manche Produkte schaden nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch der Gesundheit. Das Projekt „Faktencheck-Gesundheitswerbung” bietet Hilfe und Tipps, wie man gute von schlechten Webseiten unterscheidet. „Wir haben schon zahlreiche Verstöße aufgedeckt und Abmahnungen ausgesprochen”, sagt Tanja Wolf, die das bundesgeförderte Projekt leitet. Irreführend sei vor allem, dass die Unterschiede zwischen Nahrungsergänzungsmitteln, Medizinprodukten und Arzneimitteln nicht gut als solche erkennbar sind. „Das führt häufig zu Fehlinformationen.“ Wer sich online informiert, sollte unter anderem darauf achten, keine persönlichen Daten anzugeben. Generell gilt: Das Internet ersetzt keinen Besuch bei der Ärztin oder dem Arzt.

Was sonst noch wichtig ist

Ein Erdbeben hat in Haiti schwere Schäden verursacht. © Quelle: Getty Images

Nach dem schweren Erdbeben in Haiti ist die Zahl der Opfer bis Mittwochabend auf 2189 angestiegen. Nach wie vor wird nach Überlebenden gesucht, auch wenn die Hoffnung, noch jemanden lebend zu retten, zunehmend schwindet. Schon vor dem verheerenden Erdbeben war die hygienische Situation in dem Karibikstaat katastrophal. Durch die Zerstörung der Kanalisation drohen laut dem Hygieneexperten Andreas Pobielski weitere Epidemien, vor allem mit Cholera und Denguefieber. „Jedes Mal, wenn dort etwas passiert, wie das jetzige Erdbeben, flammt die Cholera wieder neu auf. Das zeigt natürlich auch, dass die Cholera die ganze Zeit da ist, nur eben auf einem niedrigen Level. Wenn die Menschen noch enger zusammenrücken, wird die Krankheit für alle sichtbar”, erklärt er im Gespräch mit dem RND.

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