Hat uns die Corona-Krise zu anderen Menschen gemacht? Wohl eher nicht

  • Am Anfang war die Hoffnung groß: Die Corona-Krise würde die Menschen dauerhaft dazu animieren, ihr Verhalten zu verändern.
  • Doch stattdessen kommt der Alltag mit voller Wucht zurück.
  • Warum ist es so schwer für Menschen, sich dauerhaft zu ändern?
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Eines war von Anfang an klar: Diese Krise wird nicht spurlos an uns vorübergehen. Wenn ein ganzes Land für Wochen praktisch stillstehen muss, wenn die Art, wie wir arbeiten, wie wir unsere Kinder betreuen, wie wir reisen und täglich miteinander umgehen, von heute auf morgen eine andere ist, dann kann das gar nicht folgenlos sein. Dann ist die Welt am Ende eine andere. Die Hoffnung war groß, dass sie vielleicht eine bessere sein würde. Dass wir die Krise, wenn sie denn überstanden ist, als bessere Menschen verlassen würden.

“Wenn Ihr Haus abgebrannt ist, würden Sie es ja auch nicht genauso wie vorher wieder aufbauen, sondern Sie würden die Gelegenheit nutzen, es zu verbessern. Jetzt haben wir die Möglichkeit, es besser zu machen. Es war nie einfacher”, sagte etwa der Klimaforscher Mike Berners-Lee im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland im April. Die Corona-Krise, so Berners-Lee, verschaffe uns eine dringend nötige Pause, um uns neu zu sammeln und einen neuen Plan zu machen. “In gewisser Weise bietet Covid-19 eine Chance zur Reflektion, wie wir sie normalerweise nicht erwartet hätten. Ja, es ist unangenehm, aber lassen Sie uns sie wenigstens nutzen”, lautete sein Appell, an dem er auch heute noch festhält.

In der Krise haben die Menschen zusammengefunden

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Die Logik war verlockend: Nach Wochen des Lockdowns würde es den Menschen gar nicht mehr schwerfallen, auf Flugreisen zu verzichten. Es wäre selbstverständlich, nicht mehr extra für ein Meeting durch die Republik zu fahren, sondern stattdessen einfach eine Videokonferenz zu machen. Nicht nur der Kampf gegen den Klimawandel würde davon profitieren: Die Zeit zu Hause würde uns auch die Möglichkeit geben, uns klarzumachen, was wirklich wichtig im Leben ist.

Eine ideale Gelegenheit, die eigenen Prioritäten neu zu ordnen, fand zum Beispiel auch Buchautor Robert Wringham. Die Corona-Krise, so schlimm sie auch sei, gebe uns die einmalige Gelegenheit zu erkennen, was uns im Leben wichtig ist – weniger Konsum, mehr Familie und Selbsterfüllung –, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem es nicht zu spät sei, sich zu ändern. “Es ist besser, diese Dinge zu erkennen, wenn man noch 50 Jahre vor sich hat und nicht bloß ein oder zwei Monate”, so Wringham im April.

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob etwas Wahres daran sein könnte. Im Moment der Krise rückte die Gesellschaft zusammen. Es sei wirklich beeindruckend gewesen, wie gut die Menschen dem gefolgt wären, was ihnen etwa von der Regierung empfohlen wurde, sagt zum Beispiel auch der Persönlichkeits- und Sozialpsychologe Florian Kaiser von der Uni Magdeburg. Eine Onlinebefragung, die von Ende April bis Mitte Mai lief, zeigt, dass das auch für das Privatleben gilt. Viele der Befragten hätten von mehr Zeit für die Partnerschaft, Kinder und Familie berichtet, berichtet die Studienleiterin Michaela Brohm-Badry von der Universität Trier der Deutschen Presse-Agentur. “Es zeigt, dass die Menschen in der Krise schon sehr zusammengefunden haben.”

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Sieht so ein nachhaltiger Wandel aus?

Doch das scheint nun vorbei zu sein. Wo vorher eine überraschende Einigkeit herrschte, sind jetzt wieder alte Konflikte aufgebrochen. Der Alltag ist zurück: Man will wieder verreisen, fliegen und zum Arbeiten zurück ins Büro. Überall liegen Einmalmasken herum und der Plastikmüll feiert dank Corona ein großes Comeback. Müllentsorgungsunternehmen berichten, die Abfallmengen – allen voran die des Verpackungsmülls – seien in der Corona-Zeit gewachsen. Laut einer aktuellen Umfrage wollen 41 Prozent der Deutschen nach der Corona-Krise auch wieder öfter Auto fahren. Mehr als die Hälfte der Befragten (51 Prozent) stimmte ganz oder teilweise der Aussage zu, der normale Alltag müsse bald wieder aufgenommen werden, auch wenn das mit einem Anstieg der Luftverschmutzung einhergehe.

Sieht so ein nachhaltiger Wandel aus? Natürlich hat Corona die Welt, wie wir sie kennen, verändert. Die Folgen – allen voran die wirtschaftlichen – sind noch gar nicht in Gänze abzusehen. Aber wie viel ist von der Idee geblieben, die Corona-Krise könnte uns Menschen nachhaltig verändern?

Die Absichten sind da

Die Absicht zumindest ist teilweise da. “Umfragen zeigen, dass vor allem jüngere Menschen sagen, dass sie wegen der Corona-Krise ihr Konsumverhalten überdenken”, sagt Ortwin Renn, Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. “Ältere Menschen sind diesbezüglich etwas zurückhaltender.” Beim Reiseverhalten sei es dagegen umgekehrt, sagt Renn: Die Jüngeren, vor allem aber die 30- bis 40-Jährigen wollen die verpassten Reisen nachholen, während die Älteren sich doch überlegen, auf Flugreisen eher zu verzichten oder sie zumindest einzuschränken.

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Kurze Krisen können Gewohnheiten kaum durchbrechen

Wie lange diese Absichtserklärungen allerdings im wiederkehrenden Alltag Bestand haben, ist schwer zu sagen. “Nach dem BSE-Skandal haben fast 40 Prozent der Deutschen gesagt, sie wollten zukünftig auf Fleisch verzichten oder zumindest ihren Konsum reduzieren”, sagt Renn. Daran gehalten haben sich aber nur die wenigsten. In Bezug auf die Corona-Krise ist der Experte aber etwas zuversichtlicher – zumindest, was manche Bereiche anbelangt.

Denn wenn Krisen nur kurzfristig die Gewohnheiten durchbrächen, sei der Effekt meist nicht andauernd, sagt Renn. “Wenn die Krise dagegen länger dauert, können sich neue Verhaltensweisen etablieren.” Im Fall der Corona-Pandemie sieht Renn deswegen gute Chancen, dass zum Beispiel die Nutzung digitaler Dienste von Dauer sein wird – im Homeoffice zum Beispiel oder als Ersatz für Konferenzen. Dass die Zahl der Urlaubsflugreisen dagegen abnehmen wird, hält Renn für unwahrscheinlicher. Thailand-Urlaub virtuell – das ist einfach kein gleichwertiger Ersatz.

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Die Corona-Krise war eine konkrete Bedrohung - zumindest zeitweise

Tatsächlich ist die Frage, wie und unter welchen Umständen Menschen ihr Verhalten und ihre Einstellungen langfristig verändern, gar nicht einfach zu beantworten. Es ist eine Frage, mit der sich Wissenschaftler im Bezug auf den Klimawandel schon länger auseinandersetzen. Vieles hängt dabei von den sogenannten Verhaltenskosten ab, erklärt Kaiser. Wie groß sind die Umstände, wie viel Aufwand bereitet es mir, mein Verhalten zu ändern?

Im Unterschied zum meist eher abstrakten Klimawandel hätten viele Menschen bei Corona eine persönliche Bedrohung verspürt – und deshalb ihr Verhalten zumindest kurzfristig angepasst, sagt Kaiser. Dass nun aber die Bereitschaft, etwa den Anweisungen Folge zu leisten, wieder nachlasse, sei nachvollziehbar. Auch das hat etwas mit den Kosten zu tun: “Wenn die Bedrohung wieder kleiner wird, dann verschiebt sich das Verhältnis zwischen der Motivation, uns selbst zu schützen und wieder die Dinge zu tun, die wir eigentlich gerne tun möchten.” Die bestehenden Präferenzen melden sich dann wieder zurück. Die Motivation, ausgelöst durch die Bedrohung der Corona-Krise, wird dagegen immer kleiner. Kaiser glaubt daher nicht, dass die Krise die meisten Menschen fundamental verändern wird.

Wenn die Krise Alltag wird

Am Anfang der Corona-Krise haben viele Menschen diese aktiv als Bedrohung wahrgenommen. Nun ist sie fast schon Alltag geworden. Das wirft auch die Frage auf, inwiefern Menschen bereit wären, das eigene Verhalten an weitere Wellen anzupassen. Bei einer starken zweiten Welle, glaubt Renn, säße die Erinnerung dafür noch tief genug. “Wenn es aber zu einer dritten Welle kommt, dann wird es immer schwieriger, dann hat man sich an die Bedrohung gewöhnt.”

Trotzdem kann man aus der Corona-Krise etwas über das Verhalten von Menschen ableiten. Renn sieht etwa im Umgang der Menschen mit der Corona-Krise auch eine Ermutigung für die Klimapolitik: “Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wenn man gute Argumente hat und nachweisen kann, dass Maßnahmen effektiv helfen, Menschen bereit sind, gewisse Belastungen in Kauf zu nehmen. Die meisten Menschen geben in Umfragen an, dass sie auch für den Klimaschutz weitreichende Schutzmaßnahmen akzeptieren würden.”

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