• Startseite
  • Gesundheit
  • Großbritannien lässt Corona-Impfstoff von Biontech zu: Was bedeutet das für Deutschland?

Großbritannien lässt Corona-Impfstoff von Biontech zu: Was bedeutet das für Deutschland?

  • Während die EU und damit auch Deutschland noch auf eine Impfstoffzulassung durch die Arzneimittelbehörden wartet, lässt Großbritannien das erste Mittel bereits zu.
  • In der kommenden Woche sollen die ersten 800.000 Impfdosen geliefert sein, sagen die Hersteller Biontech und Pfizer.
  • Hat das Konsequenzen für die geplanten Impfstofflieferungen in Deutschland?
|
Anzeige
Anzeige

Großbritannien ist der Europäischen Union und den USA zuvorgekommen. Die Kooperation aus dem Mainzer Pharmaunternehmen Biontech mit dem US-Konzern Pfizer hat im Inselstaat an diesem Mittwoch eine Notfallzulassung für den gemeinsam entwickelten Corona-Impfstoff BNT162b2 erhalten. In der EU und damit auch in Deutschland heißt es hingegen: Warten auf die Zulassung. Lange dürfte es allerdings nicht mehr dauern. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema teilte am Dienstag mit, eine Entscheidung über die Zulassungsempfehlung noch im Dezember 2020 treffen zu wollen.

Nun ist das Vereinigte Königreich aber das erste Land auf der Welt, welches das weltweit begehrte Vakzin genehmigt hat. Von einem „historischen Moment“ spricht Pfizer-Chef Albert Bourla. Hat der Vorstoß aus Großbritannien Konsequenzen für die Impfpläne in Deutschland und der EU? Immerhin rechnet auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit ersten Impfungen in naher Zukunft. „Unser Ziel ist es, dass bereits im Januar die ersten Risikogruppen und Pflegebeschäftigten geimpft sind“, sagte er am Dienstag. Unter Hochdruck werden gerade überall in Deutschland Impfzentren aufgebaut – bis Mitte Dezember sollen sie stehen.

Wie schnell wird der Impfstoff nach der Zulassung geliefert?

Das Beispiel Großbritannien zeigt nun: Nach der Zulassung ist es offensichtlich nur ein kurzer Schritt bis zur Lieferung. Und bis zum Start der eigentlichen Impfungen an ersten Patienten ist es bei guter Vorbereitung von Logistik und Infrastruktur auch nicht mehr weit. Biontech/Pfizer erklärten, man werde sofort mit der Impfstoffauslieferung an Großbritannien beginnen können. Die ersten 800.000 Corona-Impfstoffdosen sollen dort bereits in der kommenden Woche zur Verfügung stehen.

Nun liegt es an der Umsetzung vor Ort. Britischen Medienberichten zufolge sind die Krankenhäuser in England bereits angewiesen worden, sich darauf vorzubereiten, ab der kommenden Woche mit dem Impfen ihres medizinischen Personals zu beginnen. Eine Herausforderung ist die Kühlung des Mittels: Der Impfstoff wird Biontech zufolge in Boxen geliefert und kann in diesen mit Trockeneis bis zu 30 Tage im jeweiligen Impfzentrum gekühlt werden oder bis zu fünf Tage in einem handelsüblichen Kühlschrank. Spezielle Gefrierschränke für eine Kühlung bei minus 70 Grad werden erst bei monatelanger Lagerung wichtig.

Anzeige
Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Dass der Impfstoff in Großbritannien dringend gebraucht wird, zeigen die Todeszahlen. In Großbritannien verbreitet sich das Coronavirus besonders intensiv. Rund 59.000 Menschen sind bislang nach einer Covid-19-Erkrankung verstorben. Zum Vergleich: In Deutschland, das rund 17 Millionen Einwohner mehr hat, sind es bislang rund 17.000 Menschen. Seit Anfang November hat die Regierung einen zweiten Lockdown über England verhängt. In den Landesteilen Schottland, Wales und Nordirland gelten eigene Regeln.

Anzeige

Gibt es durch die Zulassung weniger Impfstoff für andere?

Die Pharmaunternehmen produzieren schon länger Impfdosen auch ohne Zulassung auf Vorrat – und haben dabei nicht nur Großbritannien im Blick. Biontech/Pfizer haben vorab bestimmte Liefermengen mit einzelnen Ländern und Staatengemeinschaften in Verträgen festgelegt. Großbritannien wurde zugesichert, Impfstoffdosen für mindestens 20 Millionen Menschen bereitzustellen. Auch die EU hat Verträge mit den Pharmaunternehmen abgeschlossen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versicherte, die Kommission habe rund zwei Milliarden Impfdosen für die 27 Mitgliedsstaaten gesichert.

Sprich: Nur weil Großbritannien das Mittel früher zulässt, fehlen in Deutschland nicht automatisch Impfstoffdosen. Pfizer-Chef Albert Bourla versicherte nach der Zulassungsverkündung in Großbritannien: Das Unternehmen konzentriere sich darauf, den Impfstoff „mit der gleichen Dringlichkeit“ in der Welt zu verteilen. Ein wichtiger Faktor ist aber die Zeit. Also: Wie schnell kann wie viel geliefert werden? Klar ist, dass weltweit nicht sofort ausreichend Impfstoff für alle Menschen, die sich impfen lassen wollen, zur Verfügung steht. Und dass nicht das Mittel eines einzigen Herstellers kurzfristig die Pandemie stoppen kann.

Video
Wie entsteht ein Impfstoff?
1:52 min
Nach einem Impfstoff gegen Covid-19 wird unnachgiebig geforscht. Innerhalb von nur einem Jahr war bereits der erste Kandidat in der Zulassungsphase.
Anzeige

Um die Pandemie zu besiegen, wird es mehr als ein oder zwei Impfstoffe brauchen. Das Gute: Die Produktion bei Biontech/Pfizer wird 2021 weiter auf Hochtouren laufen. Das erklärte Ziel der Entwickler: 1,3 Milliarden Impfstoffdosen für 2021. Und es gibt bereits weitere Impfstoffe anderer Hersteller mit bereits erwiesener hoher Wirksamkeit, die kurz vor der Zulassung in der EU und auch Großbritannien stehen: die Mittel von Moderna und Astra Zeneca.

Wird der Impfstoff von den Behörden ausreichend geprüft?

Eigentlich braucht es Jahre, um einen Impfstoff zu entwickeln und auf Wirksamkeit, Verträglichkeit und Nebenwirkungen zu überprüfen. Bei Covid-19 muss es aber mitten in der Pandemie schnell gehen, um ebendiese zu beenden. Bis zur Zulassung durch die Behörden von Staatengemeinschaften beziehungsweise einzelnen Ländern gibt es zwei Schritte, die unter den besonderen Pandemiebedingungen beschleunigt werden:

  1. Zunächst wurde der Impfstoff von den Herstellern, also Pfizer und Biontech, an Tausenden Menschen in langfristig laufenden Studien getestet. Zwar sind diese noch nicht final abgeschlossen. Es gibt aber vorläufige Analysen und Zwischenberichte, die bereits eine 95-prozentige Wirksamkeit des Impfstoffs nahelegen, leichte bis schwere Verläufe der Covid-19-Krankheit zu verhindern. Die Unternehmen meldeten außerdem bislang keine schweren Nebenwirkungen. Bislang zeigt sich lediglich: Geimpfte Personen können nach der Impfung kurzzeitig Schmerzen und grippeähnliche Symptome wie Gliederschmerzen und Abgeschlagenheit erleben.
  2. Noch während der laufenden Studien übermitteln die Forscher ihre Daten an die Zulassungsbehörden. Großbritannien hat eine eigene Aufsichtsbehörde für Arzneimittel – die eine Notfallzulassung genehmigen kann. Deutschland gehört zur EU, weshalb hier die die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema zuständig ist. Sie prüft das Vakzin und kann durch den Ausschuss für Humanarzneimittel eine „bedingte Zulassung“ empfehlen, die dann formal von der EU-Kommission genehmigt wird. Die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit bleiben laut Ema aber unverändert hoch.

Gibt es noch offene Fragen zum Impfstoff von Biontech und Pfizer?

Auch wenn der Impfstoff von Biontech/Pfizer bereits in Großbritannien per beschleunigtem Verfahren zugelassen ist und die EU bald wahrscheinlich folgen wird: Gesundheitsexperten raten zur Vorsicht. Das Mittel sei weiterhin von experimenteller Natur und die Studien dazu müssten noch abgeschlossen werden. Die Hersteller haben bereits klargemacht, dass die Studien trotz Zulassung für mindestens zwei weitere Jahre weiterlaufen.

Anzeige

Ungewiss ist, ob der Impfstoff gegen Infektionen durch Menschen schützt, die erkrankt, aber ohne Symptome sind. Eine weitere Frage ist, wie lange der Schutz ausreichen wird. Bislang ist das Impfmittel auch nur an wenigen Kindern getestet worden, keines war jünger als zwölf Jahre alt. Und es gibt keine Informationen darüber, wie es bei Schwangeren wirkt. Eva Hummers, Mitglied der Ständigen Impfkommission in Deutschland, sagte zur Corona-Impfung am Montag in der Talkshow „Hart aber fair“: „Unproblematisch ist sie nicht, denn wir wissen noch nichts über die Langzeitfolgen.“ Es gebe viele Fragen, die bisher nicht sicher beantwortet werden könnten.




  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen