Kügelchen gegen Corona: das Märchen von der homöopathischen Impfung

  • Globuli aus Corona-Impfstoff sind im Umlauf – aber schützen die kleinen weißen Pillen vor Covid-19?
  • Eine wirksame homöopathische Impfung gibt es nicht.
  • Zwar ähneln sich die Ansätze der alternativen Mittel und der klassischen Impfung in einer Hinsicht – sind ansonsten aber grundverschieden.
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Globuli zur Behandlung von Krankheiten sind stark umstritten. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine derartige alternative Arznei über den Placeboeffekt hinaus eine therapeutische Wirkung hat. Das ist gemeinhin bekannt. Jede Person hierzulande kann für sich selbst entscheiden, ob dieser Behandlungsansatz für sie infrage kommt.

Wenn die kleinen weißen Pillen aber als vermeintlicher Präventivschutz gegen Covid-19, als „homöopathische Impfung“, genutzt werden, betrifft das nicht nur die eigene Person und die freie Entscheidung, ob und wie man persönlich medizinisch behandelt werden möchte. Es geht auch um den Schutz anderer vor dem Virus – vor allem in einer Pandemie.

„Homöopathischer Corona-Impfstoff“ im Umlauf

Ein prägnantes Beispiel: Der US-amerikanische Footballspieler Aaron Rogers hat sich diversen US-Medien zufolge mit einer sogenannten „homöopathischen Langzeit­immunisierung“ gegen das Virus gewappnet. Dass sein alternativer Impfschutz nicht ausreichte, wurde spätestens klar, als sich Rodgers Anfang November nachweislich mit Corona angesteckt hatte – und dann offiziell für zehn Tage vom Sportbetrieb ausgeschlossen wurde, wie die „Sportschau“ berichtete.

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Der Sportler hat täglich viele Kontakte beim Training, bei Spielen, beim Reisen. Und vertraute offensichtlich eher der Homöopathie als dem erwiesenen Impfschutz durch die von Gesundheitsbehörden empfohlenen Impfungen. Natürlich kann man sich auch nach einer Biontech-Impfung noch mit der Delta-Variante infizieren, im Einzelfall auch schwer erkranken. Das ist aber um einiges unwahrscheinlicher als ohne den Immunschutz.

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Auch in Deutschland sind homöopathische Kügelchen als vermeintliche alternative Impfdosen im Umlauf. So wurde etwa im April der Fall einer Koblenzer Apotheke bekannt, die den Anschein erweckte, sogenannten homöopathischen Corona-Impfstoff zu verkaufen, wie die Nachrichten­agentur dpa berichtete. Für das eigene Mittel wurde nach eigenen Angaben sogar ein Teil des Impfstoffs sehr stark verdünnt genutzt. Auf der Internetseite pries die Leitung einige Zeit an: „Wir haben Pfizer/Biontech-Covid-19-Vaccine in potenzierter Form bis D30 als Globuli oder Dilution (zur Ausleitung) vorrätig.“

Das Produkt sei einzeln auf Kundenanfrage hergestellt und in den Vorwochen weniger als ein Dutzend Mal verkauft worden, beteuerte zwar die Apothekenleitung. Von der zuständigen Aufsicht in Rheinland-Pfalz gab es aber ein klares Signal: Der Verkauf wurde verboten.

Homöopathinnen und Homöopathen raten von alternativer Impfung ab

Expertinnen und Experten vom Fach selbst raten ebenfalls von so einer vermeintlichen Art der Immunisierung gegen Covid-19 ab. In einer Stellungnahme vom März betonte der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte e.V. (DZVhÄ): „Es gibt keine ‚homöopathischen Impfungen‘! (…) Anderslautende Aussagen oder Empfehlungen lehnen wir strikt ab.“ Solche Arzneien könnten keine nachweisbare Immunität hervorrufen.

Die homöopathisch tätigen Ärztinnen und Ärzte betonen zudem, während einer Pandemie allgemeine öffentliche Schutzmaßnahmen mitzutragen. Dazu zählten auch die Impfungen als „vorbeugende Maßnahmen, um Infektionskrankheiten möglichst zu verhindern“, heißt es im Schreiben. Unter Impfung verstehen die im Verein organisierten Homöopathinnen und Homöopathen die Vakzine, welche die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt.

Und die Stiko-Empfehlung fällt eindeutig aus – eine homöopathische Impfung kommt darin nicht vor. Das Gremium rät allen Menschen, die älter als zwölf Jahre sind, die Immunisierung mit einem der zugelassenen Impfstoffe vorzunehmen. Dazu zählen die Vakzine der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Hausärzte und Hausärztinnnen verimpfen die Stoffe ebenso wie Impfzentren und mobile Impfteams. Das Gute: Auf diese Mittel kann man sich verlassen. Sie wirken prophylaktisch vor der Infektion sowie einem schweren Covid-19-Verlauf mit Todesfolge, sind sicher und gut verträglich. Das ist wissenschaftlich eindeutig belegt.

Impfung und Homöopathie: ähnlich in einer Hinsicht, aber ansonsten grundverschieden

Homöopathische Heilmethoden und die offiziell zugelassene Impfung gegen Covid-19 ähneln sich historisch gesehen zumindest in einer Hinsicht: Potenziell krankmachende Erreger können verdünnt oder inaktiviert werden, um dann den Körper für den Ernstfall vorbereitend damit zu konfrontieren. Der Grundsatz: Ähnliches soll mit Ähnlichem geheilt werden.

Diese Regel formulierte vor mehr als 200 Jahren, und zwar 1796, bereits einer der damaligen Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann. Bis heute ist diese Formel ein Charakteristikum der Homöopathie. Globuli basieren auf diesem Verständnis: Die Scheinmedikamente beinhalten bestimmte verdünnte Stoffe, die ähnliche Symptome wie die Krankheit hervorrufen sollen. Durch sie wird aber kein Impfschutz aufgebaut.

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Auch die Impfung arbeitet mit abgeschwächten Krankheitserregern – das ist aber nachweislich wirksam. Das Prinzip wurde im selben Jahr entdeckt, wie der Grundsatz der Homöopathie formuliert wurde: 1796 verabreichte der Mediziner Edward Jenner die erste moderne Schutzimpfung überhaupt, und zwar gegen Pocken. Heute ist die Impfstoff­forschung sehr viel weiter, hat Vakzine gegen zahlreiche Infektions­krankheiten entwickelt. Im Detail unterscheidet sich die Funktionsweise fundamental von den Ansätzen der Homöopathie.

Im Falle der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna funktioniert das so: Es werden per Injektion in den Oberarm kleine Teile der RNA in die Zelle eingeschleust. Sie transportieren den Bauplan des für das Coronavirus typischen Spike-Proteins. Der große Vorteil: In den Körper gelangen keine infektiösen Virenpartikel. Trotzdem lernt der Körper, sich für den Fall der Fälle gegen Corona mit einer Immunantwort zu wehren – und das, ohne zu erkranken. Ist diese Vorlage in den Zellen angekommen, baut er sich innerhalb von Tagen von selbst wieder ab. Die mRNA gelangt auch nicht in den Zellkern, wo die DNA sitzt, sondern nur in das Zellplasma. Langzeitfolgen durch die Impfung sind deshalb nicht zu erwarten.

Impfreaktionen und Impffolgen mit Impfstoff-Nosoden behandeln?

Homöopathische Mittel regen die Immunantwort nicht an. Sie werden aber auch mit dem Ziel verkauft, Impfreaktionen wie einen schmerzenden Impfarm oder Muskelschmerzen zu mildern. Auch hierbei steht das Ähnlichkeitsprinzip dahinter: Als Ausgangsmaterial für die Kügelchen wird ein sehr stark verdünnter Teil des Impfstoffs verwendet – wie das beispielsweise die Apotheke aus Karlsruhe getan hat. Die Substanzen werden dann nach den Regeln der Homöopathie „potenziert“. Diese Mittel nennen die Hersteller auch Nosoden.

Aber auch hier gilt: Es gibt keinen nachweislichen Nutzen durch die Einnahme der Mittel. „Die Covid-19-,Impfnosoden‘ der Homöopathie sind weder ein Ersatz für Impfungen, noch leiten sie irgendwelche ‚Nebenwirkungen‘ einer Impfung aus!“, twitterte dazu etwa die Ärztin und ehemalige Homöopathin Natalie Grams, die regelmäßig zur alternativen Medizin aufklärt. „Leider scheint die Empfehlung dafür trotzdem zuzunehmen.“ Das sei gefährlich.

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