Gegen das Vergessen: Wie Künstler Demenzkranken helfen

  • 1,7 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Demenz - und es werden immer mehr.
  • Die Öffentlichkeit kann Erkrankten helfen: Mit “Alzpoetry” holt zum Beispiel ein Poetry-Slammer Patienten aus der Apathie.
  • Und die Fernsehmoderatorin Sophie Rosentreter entwickelt spezielle Filme für Demenzkranke.
Gitta Schröder
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Hannover. Die Krankheit des Vergessens wird zum beherrschenden Thema in der Pflege. Gegenwärtig leben in Deutschland rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Und jedes Jahr treten weitere 300.000 Neuerkrankungen auf. „Man muss sich das mal vorstellen: Alle 100 Sekunden erkrankt in Deutschland jemand an Demenz“, veranschaulicht Monika Kraus, Erste Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, die Fakten.

Dank der Gründung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft 1989 gibt es heute über 120 regionale Alzheimer-Gesellschaften sowie über 2000 Wohngemeinschaften für Demenzkranke, die einer vertrauten Familien-Situation eher gleichen als eine verwirrende Station. Man kann mittlerweile auch in speziellen Gedächtnis-Sprechstunden frühzeitige Tests machen und Angehörigen-Gruppen aufsuchen.

Wer nicht an Demenz leidet, kann sich engagieren

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„Das sind Dinge, für die wir gekämpft haben. Ebenso wie für mehr Forschung auf dem Gebiet – aber die ist kompliziert und dauert lange“, so Dr. Jens Bruder, Neurologe aus Hamburg und Mitbegründer der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Er empfiehlt jedem, einmal nachzuvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn das Gedächtnis plötzlich wie ein Sieb mit großen Löchern ist und Sprache, Denken, Emotionalität langsam verloren gehen – also alles, was den Menschen ausmacht. „Da wird man selbst viel demütiger und lernt, seinen Verstand, dieses ungeheure Gut, mehr zu schätzen“, meint Dr. Bruder.

Heute engagieren sich immer mehr Privatpersonen in der Arbeit mit Demenzerkrankten. Wie zum Beispiel der Poetry-Slammer Lars Ruppel. „Normalerweise trete ich als Poetry-Slammer vor jungem Publikum auf. Aber als ich die Arbeit mit dem Alzheimer-Poesie-Projekt begann, war das für mich wie eine Offenbarung. Denn mit den Gedichten kann ich viel mehr erreichen als nur coole Leute in angesagten Clubs“, sagt Lars Ruppel, der zum Beispiel mit kuriosen Ringelnatz-Gedichten alte Menschen aus dem Dämmern der Demenz erwecken möchte.

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"Alzpoetry": Lustige Gedichte holen aus der Apathie heraus

Sein Vorbild: der Erfinder von "Alzpoetry", der Amerikaner Gary Glazner, „Wenn ich zum Beispiel Heinz Erhardt vortrage – ‘Das Reh springt hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht, es hat ja Zeit’ - hebe ich die Stimme und mache ausholende Bewegungen, um meinen dementen Zuhörern das Verständnis des Gedichtes zu erleichtern. Manchmal streichle ich auch ihre Hände, um sie aus ihrer Apathie zu wecken“, erzählt der gebürtige Hesse.

Das Feedback bei den alten Menschen sei auf jeden Fall überwältigend. „Plötzlich erwachen sie aus dem Dahindämmern, sprechen die Worte mit oder lachen sogar. Das ist unglaublich bewegend.“

"Weckworte": Lebensfreude bei Menschen mit Alzheimer wecken

Aus diesem Grund möchte Lars Ruppel seine Fähigkeit, Menschen mit Worten glücklich zu machen, auch in Workshops an Schülerinnen und Schüler, Pflegende und Angehörige weiter geben. „Sie lernen von mir nicht nur die besondere Vortragstechnik sondern auch die Begeisterung für die Sprache und das spielerische Erfahren. Und gleich im Anschluss an den zweistündigen Workshop können meine Schüler alles direkt anwenden.“

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Denn dann stehen die Workshop-Teilnehmer vor einer Gruppe von bis zu 15 Demenzerkrankten einer kooperierenden Einrichtung. „Die Poesiebegeisterung bei Pflegenden wecken und damit die Lebensfreude in Menschen mit Alzheimer oder geistigen Behinderungen wecken – das ist das Ziel von Weckworte“, so Lars Ruppel.

MTV-Moderatorin entwickelt Filme für Demenzkranke

Auch die ehemalige MTV-Moderatorin Sophie Rosentreter setzt sich für Demenzkranke ein. Mit 17 Jahren wurde sie entdeckt und arbeitete sechs Jahre lang als Model. Später interviewte sie Stars für den Musiksender MTV – „das war ein Leben wie eine bunte Seifenblase. Wie wenig mir all das bedeutete, merkte ich allerdings erst, als meine Oma Ilse 2000 an Demenz erkrankte.“

Ihre Mutter und sie waren nun neun Jahre lang für Oma Ilse da. „Ich wollte ihr helfen. Sie verstehen.“ Doch irgendwann schafften Mutter und Tochter die Pflege nicht mehr und Sophies Oma kam ins Altenheim. „Da zerriss es mir jedes Mal das Herz, wenn ich sie nach meinem Besuch traurig zurückließ. Lieber hätte ich sie in eine weiche Bilderdecke gehüllt, die sie ablenkte“, erinnert sich Sophie Rosentreter.

Musiker Rolf Zuckowski und Ingo Pohlmann machen mit

Doch das übliche Fernsehprogramm war zu schnell und unübersichtlich und wenig geeignet für Demenzerkrankte. So entstand Sophie Rosentreters Idee, spezielle, langsame und sehr gefühlvolle Filme für Demenzkranke zu machen. Sie setzte sich mit Experten zusammen und es entstanden vier Filme, die nicht nur ruhig sind, sondern jede Menge Emotionen hervorrufen.

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Wie zum Beispiel der Streifen über die Hundefamilie mit ihren tapsigen Welpen – begleitet von sanfter, klassischer Musik. Auch der Film über eine fleißige Bäuern, die bei ihrem Tun im Garten begleitet wird – lässt den Zuschauer regelrecht die Sonne auf der Haut spüren oder das frisch gemähte Gras riechen.

Für „Musik – gemeinsam singen“ konnte Rosentreter sogar die beliebten Sänger Rolf Zuckowski und Ingo Pohlmann gewinnen, die in gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre alt vertraute Lieder singen, während der Musiktherapeut Jan Sonntag außerdem zu jedem Lied eine kleine Geschichte erzählt und mit auf die Reise nimmt.

"Ilses weite Welt": Durch Filme wieder aktiv werden

Leider konnte Oma Ilse nicht mehr bestaunen, was ihre Enkelin alles auf die Beine stellen sollte, weil sie 2009 starb. Aber ihr Name „Ilses weite Welt“ schmückt heute jeden der Filme als Prädikat.

„Die Arbeit für und mit Demenzkranken ist für mich immer noch sehr erfüllend. Dabei zu sein, wenn jemand wieder reagiert und lächelt, ist wunderschön“, sagt die 43-Jährige, die mittlerweile außerdem mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht hat und sich über Youtube, Instagram oder den DAK-Pflegeleicht-Kanal für Betroffene, Betreuende und Angehörige einsetzt.