Gefäßspezialist: „Eine Thrombose ist wie ein Chamäleon“

  • Thrombosen, also Blutgerinnsel, gelten als „lautlose Gefahr“.
  • Sie werden oftmals nicht eindeutig als solche erkannt und können zu plötzlichen, akuten Symptomen führen.
  • Im RND-Interview erklärt Gefäßspezialist Christoph Kalka, welche Symptome auf ein Blutgerinnsel hindeuten – und inwieweit das Thromboserisiko für Covid-19-Patienten steigt.
Angela Stoll
|
Anzeige
Anzeige

Baden/Schweiz. Im Zuge der Corona-Pandemie wird häufig über Thrombosen berichtet. Längst ist nämlich offensichtlich, dass sich bei Covid-19-Patienten öfter Blutgerinnsel bilden als bei gesunden Menschen. Auch Covid-Impfungen können das Throm­bose­risiko erhöhen – dabei geht es allerdings vor allem um seltene Hirnvenenthrombosen.

Es gibt jedoch noch viele andere Gründe, aus denen sich ein Blutpfropfen bilden und eine Vene verstopfen kann. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn ein Gefäß in den tiefen Bein- oder Beckenvenen betroffen ist. Dann kann der Blutklumpen über den Blutkreislauf in die Lunge geschwemmt werden und dort eine Arterie verschließen.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
Anzeige

Schätzungen zufolge sterben in Deutschland mehr als 40.000 Menschen jährlich an einer solchen Lungenembolie. Privatdozent Christoph Kalka (55) leitet das Zentrum für Gefäßmedizin am Standort Baden in der Schweiz. Der Gefäß­spezialist erklärt, wie man sich schützen kann.

Herr Kalka, Thrombosen werden auch als „lautlose Gefahr“ bezeichnet. Warum?

Weil sie sich oft nicht ankündigen. Thrombosen und Lungenembolien sind eng miteinander verknüpft, und Letztere können zu schweren Schäden, schlimmstenfalls dem Tod, führen. Häufig entwickelt sich eine Embolie spontan in der Lunge. Auf einmal stellen sich Symptome wie akute Luftnot und Todesangst ein. Manche Patienten haben davor auch eine Bein­venen­throm­bose, die zuvor nicht erkannt wurde. Tage später bekommen sie dann akute Luftnot. Auch in diesen Fällen gibt es keine weiteren Vorzeichen.

Ist Luftnot also ein Alarmzeichen?

Anzeige

Man braucht nicht bei jedem Fall von akuter Luftnot gleich an eine Lungenembolie zu denken. Aber der Mensch muss gewarnt sein: Alles, was plötzlich auftritt, darf man nicht unterschätzen – gerade, wenn man ein paar Risikofaktoren hat. Das sind Alter, Krebs, ein Infekt oder dass man immobil ist, etwa durch Verbände oder einen Gips. Wenn man dann plötzlich Luftnot oder ein dickes Bein hat, sollte man sich umgehend dem Arzt vorstellen.

Christoph Kalka (55) gilt als Gefäßspezialist. Der Internist gehört unter anderem dem Beirat der Deutschen Gesellschaft für Angiologie und dem Aktionsbündnis Thrombose an. © Quelle: Dr. Christoph Kalka

Sind die Symptome immer so ausgeprägt?

Nein. Das Tückische bei einer Lungenembolie ist: Gerade, wenn man vorher eine Thrombose hatte, ist es nicht immer so ganz akut. Letzte Woche hat mir eine Patientin berichtet: „Ich hatte ein dickes Bein, dann hat man mich zum Orthopäden und hier- und dorthin geschickt.“ Auf Nachfrage sagte sie, sie habe in zwei Nächten auch schwere Luftnot gehabt und sei tagsüber ziemlich erledigt gewesen. Sie nahm das aber nicht so ernst. Anhand einer Computertomografie habe ich festgestellt, dass sie eine schwere Lungenembolie hatte. Der Körper gewöhnt sich ein bisschen an die Situation. Die Patienten sind zwar weniger belastbar, erklären sich ihren Zustand aber damit, dass sie älter sind und sich vielleicht einen Infekt eingefangen haben. Für Ärzte ist das oft schwer zu differenzieren.

Ärzte erkennen eine Thrombose also auch nicht unbedingt?

Eine Thrombose ist wie ein Chamäleon. In der Medizin ist oft nicht alles so eindeutig, wie es im Lehrbuch steht. Da heißt es über die tiefe Beinvenenthrombose: plötzliche Schwellung des Beines, rötlich bis bläulich verfärbtes Bein, etwas glänzend. Aber das ist nicht immer so. Manche Leute haben eine Thrombose geringeren Ausmaßes und nicht mit diesen ganzen Ausprägungen. Aber: Das Bewusstsein hat sich in den letzten Jahren durch Aufklärungsarbeit insgesamt verändert. Man denkt heute häufiger an eine Thrombose.

Kann es sein, dass sich kleinere Thrombosen von selbst auflösen?

Ja, auf jeden Fall. Kleinere Embolien übersteht der Körper sicherlich zum Teil, indem er sie durch Gerinnungsmechanismen auflösen kann. Es gab vor ein paar Jahren eine Untersuchung von Patienten, die eine Synkope, also eine plötzliche Ohnmacht, erlitten hatten. Da hat sich herausgestellt, dass sich hinter jeder sechsten Synkope eine Lungenembolie verborgen hat.

Wie groß ist das Thromboserisiko auf Reisen?

Anzeige

Wenn man länger als vier bis fünf Stunden sitzt, ist das Risiko erhöht. Normalerweise ist das aber kein Problem, wenn Sie sich bewegen und ausreichend trinken. Bringt man allerdings bereits bestimmte Risiken mit sich, sollte man vorsichtig sein – vor allem, wenn man schon mal eine Thrombose hatte. In solchen Fällen sollte man vorher mit seinem Arzt sprechen. Zum Beispiel könnte man dann auf der Reise Kompressionsstrümpfe tragen oder ein Medikament zum Vorbeugen nehmen.

Auch heute noch orientieren wir uns an der Trias, die Rudolf Virchow vor mehr als 150 Jahren beschrieb: Verletzungen der Gefäßwand, ein verlangsamter Blutfluss und eine erhöhte Gerinnungsneigung begünstigen eine Thrombose. Das heißt zum Beispiel: Wenn man nicht mobil ist, betätigt man weniger die Muskelpumpe. Dadurch verändert sich der Blutfluss und die Thrombosegefahr ist erhöht.

Sind Frauen besonders gefährdet?

Das muss man differenziert betrachten. In bestimmten Situationen steigt die Gefahr für Frauen wegen des Einflusses von Hormonen. So ist das Thromboserisiko in der Schwangerschaft und vor allem im Wochenbett erhöht. Außerdem spielen Hormonpräparate wie die Antibabypille eine Rolle. Pillen mit einem hohen Östrogenanteil können das Risiko steigern.

Je mehr Gestagen sie dagegen enthalten, desto weniger gibt es eine Thromboseneigung. Daher sollte man die Pille wie ein Medikament betrachten, das auch Nebenwirkungen hat, und im Gespräch mit dem Gynäkologen Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber: Die Gefahr, noch mal eine Thrombose zu bekommen, ist bei Männern höher als bei Frauen.

Wie schlimm sind Krampfadern?

Sie erhöhen vor allem die Wahrscheinlichkeit, dass man eine oberflächliche Venenentzündung bekommt. Die Patienten bemerken dann meist eine schmerzhafte Verhärtung und Rötung in ihren Krampfadern. Das ist im Prinzip eine Thrombose, die man daher auch sorgfältig beobachten muss. Wir untersuchen, ob sie in die Tiefe geht, und behandeln prophylaktisch. Krampfadern allein führen zwar nicht zu einer tiefen Beinvenenthrombose, können die Entstehung aber begünstigen.

Wie groß ist das Thromboserisiko bei Covid-19?

Inzwischen ist durch Studien erwiesen, dass Patienten, die schwerer an Covid-19 erkrankt sind, ein erhöhtes Risiko haben, eine Thrombose zu entwickeln. In der Folge können sie eine gefährliche Lungenembolie erleiden, die auch Langzeitschäden nach sich ziehen kann. Deshalb ist es gerade bei Covid-Patienten, die stationär im Krankenhaus aufgenommen wurden und vielleicht sogar bettlägerig sind, wichtig, früh mit der Thromboseprophylaxe zu beginnen.

Video
Thrombosepatientin nach Astrazeneca-Impfung: „Plädiere nach wie vor für Impfen“
3:14 min
Gespräch mit einer 65-Jährigen, die nach der Impfung mit Astrazeneca eine Sinusvenenthrombose bekam. Auch Prof. Kleinschnitz vom Uni­klinikum Essen berichtet.  © Reuters

Auch bei anderen Krankheiten können Blutgerinnsel entstehen. Wissen die Betroffenen Bescheid?

Das ist immer so ein Punkt. Der Klassiker ist Krebs. Es gibt manche Arten, etwa Eierstock-, Lungen- oder Bauch­speichel­drüsen­krebs, die mit einem erhöhten Thromboserisiko einhergehen. Da haben wir das Gefühl, dass die Patienten nicht so gut aufgeklärt werden. Eine Thrombose kann auch ein Vorbote einer nicht erkannten Krebserkrankung sein. Wer ab 50 eine unerklärliche Thrombose bekommt, sollte hellhörig werden und zu den üblichen Früherkennungsuntersuchungen gehen, etwa zur Darmspiegelung.

Wie lautet Ihr wichtigster Tipp zur Vorbeugung?

Sich viel zu bewegen! Treppen statt Fahrstuhl, Fahrrad statt Auto: Alles, was die Durchblutung verbessert, ist wichtig. Ganz toll sind Wassergymnastik und Schwimmen. Auch Ausdauertraining tut vielen gut. Ansonsten gilt: ausreichend trinken, sich ausgewogen ernähren und aufmerksam sein, was Veränderungen im Körper anbetrifft.

Info zur tiefen Venenthrombose: das Wichtigste in Kürze

  • Was ist das? Es handelt sich um einen Blutpfropfen, der eine große, tief liegende Vene verstopft. Häufig ist der Ober- und Unterschenkel betroffen. Wenn sich ein Teil des Gerinnsels löst, kann er über die Blutbahn in die Lunge gelangen und dort Adern verschließen, die für das Atmen lebenswichtig sind (Lungenembolie).
  • Was sind die Symptome? Eher plötzlich einsetzende Schwellungen, Schmerzen und Druckgefühle im Bein, seltener an der Hüfte oder im Arm. Die Haut im betroffenen Bereich ist oft rötlich bis bläulich verfärbt. Wer solche Symptome an sich beobachtet, sollte zum Arzt gehen.
  • Wie kommt es dazu? Eine Thrombose kann sich bilden, wenn ein Gefäß verletzt ist oder das Blut langsam fließt oder besonders leicht gerinnt. Längeres Liegen (zum Beispiel bei Krankheit) erhöht das Risiko, weil der Blutfluss mangels Bewegung schlechter ist. Auch nach einer Operation kann es leichter zu Thrombosen kommen, da Blutgefäße verletzt werden oder man sich nicht ausreichend bewegen kann. Zudem kann sich die Zusammen­setzung des Blutes ändern, wenn man Medikamente nimmt (etwa die „Pille“), an bestimmten Krankheiten leidet (unter anderem fieberhafte Infekte, Gerinnungsstörungen, Krebs). Bei Frauen in Schwangerschaft und Wochenbett ändert sich die Blutgerinnung, sodass sich das Thromboserisiko ebenfalls erhöht. Abgesehen davon verdickt sich das Blut, wenn man wenig trinkt.
  • Wie sieht die Behandlung aus? Bei einer akuten Thrombose bekommen Patienten ein gerinnungshemmendes Medikament, zum Beispiel Heparin. Es verhindert, dass das Gerinnsel weiter wächst und eine Embolie entsteht. Anschließend folgt eine mindestens drei- bis sechsmonatige medikamentöse Behandlung, meist mit einem der neueren Blutverdünner (beispielsweise Rivaroxaban oder Apixaban). Außerdem bekommen die Patienten zunächst meist einen Kompressionsverband, später Kompressionsstrümpfe, um Schmerzen zu lindern und einem Krampf­ader­leiden vorzubeugen.
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen