Geburt: Zwischen Hoffen und Bangen

  • Zeitmangel, Kostendruck, Wissensschwund: In deutschen Kreißsälen herrscht Unterbesetzung und Überforderung.
  • Gleichzeitig steigt die Zahl der Komplikationen und Kaiserschnitte.
  • Können neue Richtlinien die Geburtssituation verbessern?
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Wenn man Ulrike Geppert-Orthofer länger zuhört, möchte man freiwillig kein Kind mehr in Deutschland bekommen. Überlastetes Krankenhauspersonal, verlorenes Fachwissen, falsche Abrechnungssysteme, Gewalt im Kreißsaal – die Präsidentin des deutschen Hebammenverbandes schlägt scharfe Töne an, wenn man sie nach dem Zustand der Geburtshilfe hierzulande fragt. Jede Geburt sei heutzutage ein Risiko, sagt sie. „Eine Geburt ist grundsätzlich ein gesundes Ereignis. Das ist nichts hoch Pathologisches, es läuft in der Regel gut ab. Aber wir haben es geschafft, ein gefährliches Ereignis daraus zu machen.“

Sie kenne Hebammen, die jedes Mal vor Beginn ihrer Schicht dafür beten würden, dass alles gut geht, sagt Geppert-Orthofer. Dass sowohl Kind als auch Mutter die Geburt überleben, dass keine Komplikationen auftreten, keine Geburtsfehler gemacht werden und im Nachhinein keine Klagewelle droht. Angst sei das vorherrschende Gefühl, das Hebammen und auch Ärzte im Kreißsaal heute begleite. Angst davor, den Patientinnen nicht gerecht zu werden, Angst davor, etwas Wichtiges zu übersehen, Angst davor, im Ernstfall zu scheitern.

Gut ausgebildetes Personal ist reichlich vorhanden

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Grund dafür ist nicht etwa, dass es in Deutschland zu wenig gut ausgebildete Hebammen oder Frauenärzte gibt. Im Gegenteil – es gibt mehr qualifiziertes Personal für die Geburtshilfe denn je. Das Problem ist vielmehr: Kaum jemand möchte noch in diesem Bereich arbeiten. “Die Arbeitsbelastung in den Geburtsstationen ist so hoch, dass viele Hebammen ihren Stellenumfang dort reduzieren oder sogar ganz aufhören möchten”, erklärt Verbandspräsidentin Geppert-Orthofer.

Die Situation, dass eine Hebamme während der heißen Phase der Geburt für drei Gebärende parallel zuständig ist und zwischen den Kreißsälen hin und her hetzt, sei keine Seltenheit, sondern immer öfter die Regel. Dauerstress, Frust und Überforderung bei gleichzeitig hoher Verantwortung – die wenigsten Hebammen hielten dem lange stand.

Die Arbeitsbelastung in den Geburtsstationen ist so hoch. © Quelle: Fluky/Getty Images/iStockphoto

Vom Kreißsaal in die Vorsorge: Viele Hebammen geben auf

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Ähnlich sieht es Professor Frank Louwen, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): “Der Hebammenmangel ist kein absoluter, sondern ein struktureller.” Die meisten Hebammen würden lieber in der Schwangerenvorsorge oder später in der Wochenbettbetreuung arbeiten, sagt er. “Da hat man weniger Nacht- und Wochenenddienste, verdient mehr Geld, trägt ein geringeres Risiko und ist selbstbestimmter.” Trotzdem sieht Louwen die Geburtshilfe in Deutschland auf einem guten Weg.

Seine Hoffnung stützt sich dabei vor allem auf die neuen, evidenzbasierten Leitlinien, die es seit Kurzem erstmals für seinen Fachbereich gibt – und die das gesamte, durch Studien gesicherte Wissen rund um die Schwangerschaft und Geburtshilfe bündeln. Stocherten Geburtsmediziner früher bei komplizierten Fällen häufig im Nebel oder handelten nach persönlichem Gutdünken, könnten sie jetzt in einem fundierten Regelwerk nachlesen, was zu tun ist, erläutert der Frauenarzt aus Frankfurt am Main. Ziel des Ganzen ist es, die Geburt sicherer zu machen und auf die steigende Zahl von Komplikationen besser reagieren zu können.

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Adipositas ist größtes Problem für Schwangere und Mediziner

Zwar steigt die Geburtenrate in Deutschland seit ein paar Jahren zur allgemeinen Freude kontinuierlich an (aktuell liegt sie bei 1,57 Kindern pro Frau), leider nimmt zugleich aber auch die Zahl der Probleme und Herausforderungen rund ums Kinderkriegen zu – und das liegt zuallererst an den Schwangeren selbst. Das größte Problem, sagt DGGG-Experte Louwen, sei Übergewicht bei den werdenden Müttern: “Seit 1990 hat sich der Anteil an Frauen mit Adipositas zu Beginn der Schwangerschaft mehr als verdoppelt. Inzwischen ist jede sechste Frau in Deutschland bei der Zeugung ihres Kindes adipös – mit teils drastischen Folgen.”

Das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt sei im Falle einer krankhaft fettleibigen Mutter deutlich erhöht: “Frühgeburten und Kaiserschnitte sind wahrscheinlicher, die Wundheilung ist schwieriger, die Babys sind oft zu klein oder kommen mit Beeinträchtigungen zur Welt”, weiß der Professor.

Für den Geburtsmediziner ist nicht das viel beschworene zunehmende Alter der Schwangeren (aktuell liegt das Durchschnittsalter bei 31,3 Jahren), sondern eher ihr allgemeiner Gesundheitszustand ein Problem. “Es kommt immer darauf an: Wie haben die Frauen bis zum Beginn der Schwangerschaft gelebt – gesund oder nicht? Eine 40-Jährige, die sich stets gut ernährt und sich viel bewegt, wenig Alkohol getrunken und nicht geraucht hat, kann problemlos gesunde Kinder bekommen. Anders sieht es bei einer 25-Jährigen aus, die seit Jahren stark übergewichtig ist sowie viel raucht und trinkt.”

Von der Geburt bis zur Stillberatung – ohne Hebammen funktioniert nichts. Viele von ihnen ziehen allerdings Hausbesuche dem Klinikalltag vor. © Quelle: imago/Panthermedia

Kaiserschnitte sind ein enormes Risiko für Mutter und Kind

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Der zweite fatale Trend ist die hohe Kaiserschnittrate in Deutschland. Zwei Drittel (69 Prozent) aller Babys kommen hierzulande “spontan” (sprich auf natürliche Weise) auf die Welt, ein Drittel (31 Prozent) wird per Kaiserschnitt geholt. Das sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) doppelt so viele Eingriffe wie nötig. Falsche Beratung, schlechte Expertise, Zeitmangel oder Kostendruck: Die Gründe, warum Patientinnen und Mediziner immer häufiger die Sectio wählen, sind vielfältig.

Doch die Folgen werden oft unterschätzt. Der Kaiserschnitt ist keine unkomplizierte Sache: “Es handelt sich um eine große Bauchoperation, inklusive aller Narkose-, Infektions- und Behandlungsrisiken”, warnt Hebamme Geppert-Orthofer. “Den Müttern drohen starke Blutungen, Gebärmutterentfernungen, Thrombosen und Lungenembolien. Den Kindern droht im schlechtesten Fall ein Leben mit Diabetes, Bluthochdruck und Allergien, außerdem müssen sie nach dem Kaiserschnitt häufiger atemunterstützt werden”, ergänzt Geburtsmediziner Louwen.

Da aber ein Kaiserschnitt, der im Durchschnitt zwölf Minuten dauert und je nach Verlauf knapp 3400 Euro kostet, dem Krankenhaus ein deutlich schnelleres und lukrativeres Ergebnis liefert als die Spontanentbindung, die mit durchschnittlich fünf Stunden viel mehr Aufwand macht, aber nur gut 1800 Euro einbringt, wird bei Beckenendlage, Zwillingen oder einem vorangegangenen Kaiserschnitt heutzutage lieber direkt zum Messer gegriffen. Dabei könnten in allen drei Fällen die Kinder genauso gut natürlich zur Welt kommen. “Doch es traut sich kaum noch jemand daran, und irgendwann kann es womöglich keiner mehr”, fürchtet Ulrike Geppert-Orthofer.

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Der Trend geht zum Geburtszentrum

Von der Insel Sylt bis ins ländliche Allgäu – viele kleine Geburtshilfeabteilungen in Deutschland wurden in jüngster Zeit geschlossen. Die Kritik daran war mitunter groß, der Grund dafür in vielen Fällen jedoch verständlich: Für zwei Dutzend Geburten im Jahr lohnt es sich oft schlichtweg nicht, eine ganze Station zu unterhalten. Für den Frankfurter Mediziner Frank Louwen sind große, zentrale Geburtskliniken, wie sie derzeit in einigen Großstädten entstehen, ohnehin die Zukunft. “Die Versorgung in den großen Krankenhäusern ist für Mutter und Kind erheblich besser”, sagt er. “Wir wissen schließlich: Die Kindersterblichkeit korreliert direkt mit der Größe der Krankenhäuser, und zwar umgekehrt: Je kleiner, umso höher.”

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