Geburt, Menopause, Menstruation: Wenn Frauen Schmerzen haben, ist das immer noch ein Tabu

  • Das Model Chrissy Teigen und die ehemalige First Lady Michelle Obama sprechen offen über Themen wie Fehlgeburten, Wechseljahre, Geburtsschmerzen.
  • Damit brechen sie ein Tabu: Meist schweigen Frauen über schmerzhafte körperliche Erfahrungen.
  • Sie sind eng mit Rollenbildern verknüpft.
Jutta Rinas
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Es sind Bilder, die manche Menschen niemals mit anderen teilen würden: intime Momente, Augenblicke voller Trauer, Schmerz. Eine Frau sieht man da, die gerade ihr ungeborenes Kind verloren hat. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto kauert sie nach einer Fehlgeburt im sechsten Monat verzweifelt auf dem Klinikbett. Das Gesicht ist vom Weinen geschwollen, die Hände wie zum Gebet ineinander verschränkt. Auf einem zweiten Foto liegt sie im Bett, das erschöpfte Gesicht hinter einer Sauerstoffmaske versteckt. Auf einem dritten, dem furchtbarsten, hält sie ihr totes Kind im Arm. Man kann es nur erahnen, winzig klein, eingewickelt in ein paar Tücher.

Das US-amerikanische Model Chrissy Teigen hat diese Bilder einer Fehlgeburt nicht nur mit ihrem Mann, dem Sänger John Legend, sondern auf Instagram mit einem Millionenpublikum geteilt. Es gab auch harsche, zum Teil entsetzte Kommentare. Aber die Rasanz, mit der sich die Posts im Netz verbreiteten, das zum Teil überwältigend positive Echo, das mit dem Sc hildern eigener Erfahrungen, ja sogar Gedichten, weit über bloße Anteilnahme hinausging, zeigt auch: Die 34-Jährige hatte einen Ausdruck für etwas gefunden, das zuvor zu oft verschwiegen wurde. Über Fehl- oder Totgeburten zu sprechen ist immer noch ein Tabu.

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Warum gibt es nicht selbstverständlich mehr Raum auch für solche Erfahrungen?

Das ist bemerkenswert, denn es betrifft offensichtlich nicht wenige Eltern. Die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt liegt bei 10 bis 15 Prozent, ab 35 Jahren bei etwa 20 Prozent, und sie steigt mit zunehmendem Alter der Mutter immer weiter. Warum also reden nicht mehr Menschen darüber, wenn es doch gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass die Freundin, die Nachbarin, die Kollegin, möglicherweise sogar die eigene Schwester betroffen ist? Warum gibt es nicht selbstverständlich mehr Raum auch für solche Erfahrungen? Chrissy Teigen jedenfalls, die schon in der Vergangenheit über intime Details wie eine Brustverkleinerung (nach vorhergehender operativer Vergrößerung) postete, konterte schon früher einen bissigen Kommentar mit bemerkenswerter Chuzpe. „Ich teile sonst auch alles, wieso dann nicht auch das hier,“ schrieb sie auf die Frage, wieso sie „so etwas“ öffentlich mache.

Bislang allerdings ist meist das Gegenteil der Fall. Meist schweigen Frauen über schmerzhafte körperliche Erfahrungen. Das gilt nicht nur für traumatische Erlebnisse wie Fehlgeburten, sondern viel grundsätzlicher: für Geburten, Menstruation oder Wechseljahre. Jedes Frauenleben hält Schmerzerfahrungen bereit, die Männern erspart bleiben. Sie sind ein Teil des Lebens und zudem eng mit einem bestimmten Rollenbild verknüpft. Frauen, die keine Kinder kriegen können, Frauen, die keine Kinder kriegen wollen, Frauen, die ihren Job so lieben, dass sie die Erziehung ihren Männern, den Großeltern oder Kinderfrauen überlassen, Frauen, die keine Männer wollen, sondern lieber allein leben: Sie alle sind immer noch mit übermächtigen Erwartungen, Versagensängsten und Schuldgefühlen in Bezug auf ihre potenzielle Rolle als Mutter konfrontiert. Es ist kein Zufall, dass mittlerweile so viele Frauen Fotos davon verschicken, wie sie kurz nach der Geburt ihr Neugeborenes in den Händen halten, egal wie überfordert oder erschöpft sie sind. Die Botschaft ist nicht nur: Wir sind glücklich. Die Botschaft ist auch: Wir haben funktioniert.

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„Worüber wir schweigen: über die Geburt“

Selten dagegen ist es, dass Frauen in aller Kompromisslosigkeit beschreiben, wie schmerzhaft eine Geburt in Wahrheit ist. „Wir sprechen über Orgasmusschwierigkeiten, fragen unsere Freundin, wie schmerzhaft das Tattoostechen war oder das Bikiniwaxing. Wenn eine Doku über Hirn-OPs läuft, schauen wir fasziniert zu“, schreibt die Journalistin Emilia Smechowski. „Worüber wir schweigen: über die Geburt.“ Smechowski prangert in einem heute noch aktuellen Artikel aus dem Jahr 2016 an, dass keine Schwangerschaftsbroschüre, kein Besuch in der Klinik und kein Gespräch mit der Hebamme sie auf die tatsächlichen Schmerzen vorbereitet habe. Wer jemals einen Geburtsvorbereitungskurs besucht hat, weiß, dass es tatsächlich ziemlich viel um das Schaukeln auf Pezzibällen oder den die Schwangere sanft streichelnden Partner geht. Dafür, dass der Geburtsvorgang selbst sich anfühlt wie das „Kacken eines 3,8 Kilogramm schweren Ziegelsteins“ (Smechowski) ist selten Platz.

Hebammen argumentieren damit, dass die Angst vor der Geburt Frauen verkrampft, sie möglicherweise sogar zum Zweck eines Kaiserschnitts zum Chirurgen treibt. Smechowski hält dagegen: „Wer eine Zahnwurzelbehandlung ohne Betäubung durchzieht, wird komisch angeschaut. Der Geburtsschmerz aber scheint heilig zu sein. Etwas Größeres zählt. Das Kind. Du als Frau, nimm dich doch nicht so wichtig!“

Weiblicher Schmerz wird missachtet

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Auch die französische Bloggerin Emma beschreibt in ihrem Buch „Mental Load“, dass die Gefühle von Frauen nach der Geburt beiseite geschoben werden. Es heiße dann nur, die Hormone seien schuld. Weiblicher Schmerz wird auch auf einer ganz grundsätzlichen, medizinischen Ebene missachtet. In dem Buch „Schmerz loswerden“ beschreibt der bekannte Schmerzmediziner Sven Gottschling, dass es erst seit den Neunzigerjahren ernstzunehmende Studien über geschlechtsspezifischen Schmerz gibt. „Wir verfügen eigentlich fast ausschließlich über Daten hinsichtlich Medikamentenwirkung bei Männern“, schreibt er. Diese seien von Pharmafirmen viel leichter zu erheben gewesen, weil Männer Wesen ohne größere hormonelle Schwankungen seien. Was für dramatische Auswirkungen das haben kann, lässt sich in der „Frauensprechstunde“ des Wissenschaftsredakteurs Werner Bartens und seiner Frau, der Frauenärztin Silke Bartens, am Beispiel des Herzinfarktes nachlesen. Was als klassische Männerkrankheit gelte, komme in Wirklichkeit viel häufiger bei Frauen vor, heißt es. Weil Frauen aber andere Symptome zeigten, müssten sie im Ernstfall länger auf den Notarzt warten. Auch im Krankenhaus würden sie später behandelt.

Erfahrungsberichte wie die von Chrissy Teigen oder Emilia Smechowski eint auch der Mut zur Hässlichkeit. Zu starkem Schmerz gehört, dass er keine Kontrolle mehr zulässt, dass wir entgleisen. Das ist es, was Teigens Bilder so verstörend macht – und sie zugleich tief ins Gedächtnis eingräbt. Ausgerechnet ein Model gibt für Momente die Kontrolle über sein Aussehen auf. Wer nicht glaubt, welcher Druck selbst rund um die Schwangerschaft in punkto Attraktivität heute auf Frauen lastet, braucht nur Angebote der Beautyindustrie zu studieren. Auf absurde Weise werden Schönheitsideale bis in den Kreißsaal hineingetragen. So gaben Mitarbeiter eines bekannten Drogeriemarktes Frauen auf einer Internetseite tatsächlich Make-up-Tipps für den Kreißsaal. YouTuberin Leeannjarrel drehte im Krankenhausbett das Make-up-Tutorial: „Wie schminke ich mich während meiner Geburt“. Auch figurformende postnatale Unterwäsche wie ein Bauchweg-Bindegürtel namens Herzmutter lässt in dieser Hinsicht tief blicken.

Lösungen können so simpel sein

Frauen schweigen über die klassischen Frauenschmerzen, weil sie Angst vor dem Verlust ihrer Attraktivität haben. Das gilt auch für die für ihre Hitzewellen und Schweißattacken berüchtigten Wechseljahre. Eine Tragödie nennt sie die heute 65-jährige, Ex-Fernsehmoderatorin Petra Gerster in ihrem Buch „Reifeprüfung“. Das erotisch knisternde Spiel zwischen Mann und Frau sei mit Beginn der Wechseljahre vorbei: „Die Männer interessieren sich nicht mehr für uns.“ Die neun Jahre jüngere ehemalige US-First Lady Michelle Obama ist da Gott sei Dank einen Schritt weiter. Sie fordert in ihrem Podcast nicht nur mehr Offenheit von Frauen bei diesen Themen. Besonders am Arbeitsplatz müssten die Wechseljahre berücksichtigt werden. Viele alltägliche Dinge seien dann praktisch unmöglich – zum Beispiel das Tragen eines Kostüms. „Du kannst inmitten eines eiskalten Büros schweißgebadet sein“, sagt Obama. „Die Hälfte von uns macht das durch, aber wir tun so, als würde es nicht passieren.“

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Ihr Mann, Ex-Präsident Barack Obama, habe im Weißen Haus sofort dafür gesorgt, dass die Klimaanlagen angestellt wurden, nachdem er bemerkt hatte, dass mehrere seiner Mitarbeiterinnen unter den Wechseljahren litten, berichtet Michelle Obama in ihrem Podcast weiter.

Wenn Frauen – und Männer – offen über weiblichen Schmerz reden, können Lösungen so simpel sein.

RND



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