Wärmeres Wetter: Bremst der Frühling das Coronavirus?

  • US-Forscher konnten durch eine Analyse meteorologischer Daten zeigen, dass die Rate neuer Corona-Fälle bei steigenden Temperaturen in der nördlichen Erdhalbkugel abnimmt.
  • Auch Wissenschaftler in Deutschland rechnen mit einem saisonalen Effekt durch mildere Temperaturen im Frühling und Sommer.
  • Das reiche aber angesichts der Corona-Mutationen und möglichen Lockerungen nicht aus, um eine dritte Infektionswelle zu vermeiden.
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Die nach oben kletternden Februartemperaturen ziehen die Menschen dieser Tage nach draußen. Es wird wärmer. Beim Durchatmen im Freien und Frühlingswetter liegt plötzlich Hoffnung in der Luft: Wird bald alles wieder etwas entspannter, kommen wir ähnlich wie 2020 vergleichsweise gut durch den Sommer? Forscher gehen nach Datenauswertungen davon aus, dass sich bei Sars-CoV-2 ein saisonaler Effekt bemerkbar machen kann – und die Übertragungsgeschwindigkeit des Virus ein Stück ausbremst. Aber – anders als 2020 – gibt es die Mutanten.

Die Virusvariante B.1.1.7 mit höherer Übertragbarkeit verbreitet sich in Deutschland gerade rasant. Eine dritte Infektionswelle ab März und April erachten einige Pandemieforscher deshalb als ein realistisches Szenario – vor allem, wenn Deutschland gleichzeitig an mehreren Stellen lockert. Optimistischeren Prognosen zum Pandemieverlauf könnte deshalb noch ein Strich durch die Rechnung gemacht werden.

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Studie zeigt: weniger Corona-Fälle bei steigenden Temperaturen

Sars-CoV-2 ist aus Forscherperspektive erst vergleichsweise kurz in der Welt, die Erfahrung mit seinem Verhalten fehlt – und dadurch auch langjährige Studien zur Relevanz des Temperatureffekts. Dass Wissenschaftler trotzdem damit kalkulieren, beruht auch auf den Erfahrungen mit anderen humanen Coronaviren, auch bekannt als Schnupfenviren. Viele Erreger, die akute Atemwegserkrankungen verursachen, verbreiten sich in der kälteren Jahreszeit generell besser. „Grund dafür sind unter anderem die niedrigeren Temperaturen, weniger UV-Strahlung, aber auch die Tatsache, dass man mehr Zeit dicht gedrängt in Räumen verbringt“, erklärt das Robert-Koch-Institut in seinem epidemiologischen Steckbrief zu Sars-CoV-2.

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Experimente mit 194 gesunden Studienteilnehmern zeigten, dass manche Menschen mehr Aerosole (Tröpfchen) produzieren als andere.  © Saskia Heinze/RND

Eine vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlichte Studie (17. Februar) zur Verbindung zwischen Sars-CoV-2-Übertragungen und Temperaturen liefert nun konkrete Datenauswertungen zu dieser Annahme. US-Forscher haben für eine umfassende Analyse meteorologische Daten und offiziell nachgewiesene Covid-19-Fälle in 50 Ländern der Nordhalbkugel zusammengeführt. Für die Untersuchung wurden Daten aus dem Zeitraum 22. Januar bis 6. April 2020 einbezogen – also als Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepte und Maskentragen noch eine geringere Rolle als heute gespielt haben.

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Das Ergebnis: Bei steigenden Temperaturen nahm die Rate neuer Corona-Fälle ab. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass die Sommermonate mit einer verlangsamten Übertragung von Sars-CoV-2 verbunden sind. „Obwohl Covid-19 eine Infektionskrankheit ist, die nicht temperaturabhängig übertragen wird, deuten unsere Untersuchungen darauf hin, dass es auch eine saisonale Komponente haben kann“, wird Aruni Bhatnagar, Co-Autor der Studie und Direktor des Brown Envirome Institute, in einer Mitteilung der University of Louisville zitiert. „Natürlich wird der Einfluss der Temperatur auf die Übertragungsrate durch soziale Eingriffe wie Distanzierung sowie die in Innenräumen verbrachte Zeit und andere Faktoren verändert.“ Eine Kombination dieser Faktoren bestimme letztendlich die Virusverbreitung.

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„Dieses Verständnis der Sars-CoV-2-Temperaturempfindlichkeit hat wichtige Auswirkungen auf die Vorhersage des Verlaufs der Pandemie“, wird der Studienerstautor Adam Kaplin von der Johns Hopkins University zitiert. Die nördliche und südliche Hemisphäre könnten das Virus wegen der entgegengesetzten Jahreszeiten weiter hin und her austauschen. Es sei noch unklar, inwieweit die derzeit verfügbaren Impfstoffe ihren Nutzen aufrechterhalten werden. Die Forschungsergebnisse deuteten darauf hin, „dass Sars-CoV-2 wie andere saisonale Viren im Laufe der Zeit äußerst schwierig einzudämmen sein könnte, es sei denn, es gibt konzertierte und kollaborative globale Anstrengungen, um diese Pandemie zu beenden“.

Coronavirus verschwindet nicht einfach im Sommer

Die wärmere Jahreszeit wird das Virus also nicht verschwinden lassen. Mit einem gewissen Effekt ist aber zu rechnen. „Wie stark der saisonale Effekt bei Sars-CoV-2 ausfällt, ist schwer abzuschätzen. Es könnten wie bei anderen endemischen Coronaviren 20 bis 30 Prozent sein“, erklärte die Physikerin Viola Priesemann vom Max Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen gegenüber dem RND. Recht sicher zeigten die Berechnungen aber, dass das nicht ausreiche, um das Virus zu stoppen und komplett lockern zu können.

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Anders als 2020 fallen in diesem Frühjahr zudem neue Herausforderungen ins Gewicht. Deutschland befindet sich auf einem hohen Level bei den Ansteckungen in der Bevölkerung. Mitten in der Impfkampagne haben erst 4 Prozent der Bevölkerung, Stand 21. Februar, eine erste Impfdosis erhalten. Gleichzeitig breitet sich die Virusvariante B.1.1.7 aus: Einer RKI-Datenanalyse zufolge dominiert diese Mutante inzwischen mindestens 22 Prozent der untersuchten Testproben. Epidemiologen gehen davon aus, dass B.1.1.7 eine höhere Übertragbarkeit mit sich bringt – und damit eine dritte Infektionswelle auslösen kann, auch wenn sich der Frühling ankündigt.

„Der Impfeffekt und auch der saisonale Effekt können die neue Dynamik durch die Virusmutation noch nicht ausgleichen“, sagt dazu die Mathematik-Professorin Anita Schöbel dem RND. „B.1.1.7 wird sich weiter ausbreiten, insbesondere, wenn wir ab März wieder lockern.“ Der Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik zufolge könnte es im April wieder sehr hohe Fallzahlen geben.

Es werde zwar zu sehen sein, dass die Sterblichkeit im Frühsommer durch die Impfungen nicht mehr so hoch sei wie jetzt. „Wenn die Neuinfektionen bei Lockerungen aber drastisch steigen, werden sie auch wieder Erkrankungen und Todesfälle nach sich ziehen.“ Die Anzahl der Kontakte sei wahrscheinlich noch bis zum Sommer der relevantere Faktor als Impfgeschwindigkeit und Saisonalität. Die Entwicklung der Infektionsdynamik hängt also auch bei wärmeren Temperaturen weiterhin sehr stark davon ab, wie sich die Menschen verhalten.

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