Kein Lockdown trotz alarmierender Zahlen: Frankreichs riskante Corona-Strategie

  • Frankreich versucht, einen dritten Lockdown zu verhindern.
  • Man möchte die Covid-19-Pandemie durch weniger einschränkende Maßnahmen im Griff behalten.
  • Doch Virologen fürchten, die Strategie könne nicht ausreichen.
Lisa Louis
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Frankreichs Corona-Zahlen geben Anlass zu großer Sorge. 21.333 Neuerkrankungen täglich in der vergangenen Woche sprechen eine deutliche Sprache. Dennoch scheut die Regierung vor einem dritten Lockdown zurück. Virologen warnen vor zu sanften Maßnahmen.

Dass Frankreich nicht viel Spielraum in Sachen Covid-19 hat, gibt Gesundheitsminister Olivier Véran zu. „Die Situation ist angespannt und besorgniserregend“, sagte er am Donnerstag in der wöchentlichen Pressekonferenz zur Corona-Lage. Dennoch setzt die Regierung seit Ende des zweiten Lockdowns auf eine Politik der kleinen Schritte in Sachen Covid-19. Es gilt zwar eine landesweite Ausgangssperre zwischen 6 Uhr abends und 6 Uhr morgens, doch abgesehen davon hat Frankreich nur lokale Lockdowns am Wochenende beschlossen. Und selbst die verhängt man nur nach langem Zögern. Die Regierung hofft, die Pandemie trotzdem im Griff behalten zu können. Doch Virologen sagen, die Lage sei außer Kontrolle und bezweifeln, dass die Strategie ausreichen wird.

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Rund 4000 Corona-Patienten liegen derzeit auf Intensivstationen

Die Zahlen sind im tiefroten Bereich. Rund 4000 Menschen liegen im Moment auf Intensivstationen in Frankreich. So viele wie Ende November, mitten im zweiten Lockdown. Laut Véran sind 80 Prozent der Intensivbetten belegt. Vor allem in gewissen Regionen würden sie knapp: in Hauts-de-France im Norden des Landes um Dünkirchen, in Provence-Alpes-Côtes-D’Azur am Mittelmeer und in der Region Ile-de-France um Paris. In Teilen der ersten zwei Regionen hat die Regierung Lockdowns am Wochenende verhängt, für die Hauptstadt schreckt man bisher vor einer solchen Maßnahme zurück.

Dort liegt die Inzidenz – also die Zahl der wöchentlichen Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner – immerhin „nur“ bei 340 im Vergleich zu zeitweise bis zu 600 oder gar über 1000 in manchen Gebieten der zwei anderen Regionen. Aber auch diese Zahl ist natürlich sehr hoch – und mehr als 50 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Diese Woche hat die regionale Gesundheitsbehörde Krankenhäusern in Ile-de-France empfohlen, 40 Prozent der Operationen, die nichts mit Covid-19 zu tun haben, zu verschieben. Véran sagte, dass ab dem Wochenende „Dutzende oder gar Hunderte“ Covid-Patienten in andere Regionen transportiert werden könnten.

Bürgermeisterin hält Lockdown für „unmenschlich“

Dennoch sieht es bisher nicht so aus, als ob die Lage in Paris oder auch anderen besonders betroffenen Regionen zu mehr als nur zeitweisen Lockdowns am Wochenende führen könnte. In Paris wehrt sich zudem Bürgermeisterin Anne Hidalgo gegen einen erneuten Lockdown, den sie als „unmenschlich“ bezeichnet. Ende Januar nämlich hatte Präsident Emmanuel Macron eine Politik der Gratwanderung beschlossen: Gut ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl wolle er nicht als Präsident des dritten Lockdowns in die Annalen eingehen, munkelte es aus seinem Umfeld.

Premierminister Jean Castex verkündete die Botschaft der Öffentlichkeit: „Wir können uns noch eine Chance geben, einen dritten Lockdown zu verhindern.“ Seitdem scheint der Präsident zu denken, von dieser Entscheidung gäbe es keinen Weg mehr zurück – zumindest, wenn er politisch glaubhaft bleiben will. Man zögert neue Maßnahmen so lange wie möglich hinaus – in der Hoffnung, dass die Intensivbetten gerade so ausreichen und die Impfkampagne schließlich die Zahl der Ansteckungen senkt.

Für Micrea Sofonea, Epidemiologe an der Universität von Montpellier im Süden Frankreichs, war Ende Januar ein Wendepunkt. „Seitdem will die Regierung sich nicht mehr auf die Meinung der Wissenschaftler verlassen, ist ihnen gegenüber sogar misstrauisch“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Regierung scheint einfach auf das Beste zu hoffen, aber dadurch ist die Lage jetzt völlig außer Kontrolle. Das ist schade – denn je früher man beschränkende Maßnahmen ergreift, desto wirksamer sind sie und desto früher kann man dann auch wieder alles öffnen.“

Immer noch in der zweiten Welle

Für ihn und andere Virologen ist Frankreich übrigens nicht in der dritten, sondern immer noch in der zweiten Welle: „Wir haben die Zahlen durch den zweiten Lockdown nicht weit genug gesenkt, und dann kamen die Feiertage und haben alles wieder angefacht – so waren wir die ganze Zeit auf einem sehr hohen Niveau.“ Das habe dem Land nie die Zeit gegeben, durchzuatmen und neue, kohärente Strategien für Kontakttracings und die Impfkampagne zu entwickeln. So rennt die Regierung jetzt den Dingen hinterher, anstatt sie zumindest ein bisschen zu antizipieren. „Ich glaube nicht, dass die Regierung langfristig verhindern werden kann, strengere Maßnahmen zu ergreifen“, meint Sofonea.

Das denkt auch die Pariser Epidemiologin Catherine Hill, die zwar bereits im Ruhestand ist, aber seit dem Beginn der Pandemie akribisch die Zahlen verfolgt und dokumentiert. „Die Zahl der täglichen Neuzugänge auf den Intensivstationen ist jetzt etwa so hoch wie zu Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr – und sie steigt rapide. Lange können wir so nicht mehr weitermachen“, warnt sie gegenüber dem RND. Das liegt laut Regierung vor allem daran, dass die englische Variante des Virus, die sich schneller verbreitet und wohl auch zu einer höheren Sterberate führt, inzwischen um die 70 Prozent der Neuansteckungen ausmacht.

Epidemiologin: Umfeld von Infizierten isolieren

Für Hill ist dabei selbst der Lockdown nur ein Behelfsmittel. Es gebe nur eine Lösung, die Situation halbwegs in den Griff zu bekommen. „Wir müssen massive Testkampagnen fahren und Covid-19-Infektionen, und zwar auch gerade die asymptomatischen Fälle, früh genug erkennen, um sie zu isolieren. Nur so können wir die Epidemie kontrollieren – wie in Ländern wie China und Australien“, sagt sie.

Dort isoliert man nicht nur Infizierte, sondern auch alle Personen um sie herum. Das sollte so lange die Strategie sein, bis man genügend Leute geimpft habe. Nur etwa 7 Prozent der französischen Bevölkerung haben bisher zumindest eine Dosis eines Vakzins bekommen.

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