Forscherin zu Lockdown-Optionen: „Schulschließungen helfen durchaus“

  • 20.000 Corona-Tote könnte es bis Ende November in Deutschland geben, wenn das Infektionsgeschehen ungebremst weitergeht.
  • Das zeigen Prognosen von Pandemiemodellierern führender Forschungsinstitute in Deutschland.
  • Im RND-Gespräch erklärt Statistikexpertin Prof. Anita Schöbel, wieso die Leopoldina-Forscher jetzt auf einen harten Lockdown setzen, was an Weihnachten zu beachten ist – und wieso Schulschließungen im Notfall erneut sein müssen.
|
Anzeige
Anzeige

Führende Forschungsinstitute in Deutschland fordern gemeinsam mit der Leopoldina in einer Stellungnahme von Bund und Ländern, härtere Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung durchzusetzen. Der dramatische Anstieg der bestätigten Coronavirus-Fälle lasse die Pandemie unkontrollierbar werden.

Auch Professorin Anita Schöbel war an der Ausgestaltung des Papiers beteiligt. Sie ist Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft und entwickelt mit Modellierern vom Helmholtz-Institut, der Leibnitz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft auf Basis mathematischer Modelle Prognosen und Szenarien zum weiteren Pandemieverlauf. Auf diese stützt sich auch die Bundesregierung.

Frau Prof. Schöbel, Sie und viele weitere Forscher plädieren seit Wochen dafür, dass jeder die eigenen Kontakte radikal im Privaten reduzieren sollte. Muss die Politik jetzt hart durchgreifen, weil die Gesellschaft die Pandemie nicht mehr ernst genug nimmt?

Wir haben es eindeutig zu weit kommen lassen. Die Situation ist außer Kontrolle geraten. Die Gesundheitsämter in vielen Landkreisen können die Nachverfolgung von Kontakten inzwischen nicht mehr gewährleisten, sodass sich viele Infizierte nicht mehr isolieren. Dadurch beschleunigt sich das Infektionsgeschehen, plötzlich ist der drastische Anstieg der Fallzahlen zu beobachten. Maske tragen, Abstand halten, Hygienekonzepte einhalten – das reicht dann leider nicht mehr aus.

Anzeige
Prof. Anita Schöbel ist Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft. © Quelle: Fraunhofer ITWM

Sind Sie überrascht, dass sich inzwischen die Fallzahlen pro Woche verdoppeln?

Anzeige

Unsere Modelle haben das genau vorhergesagt. Um das Schlimmste jetzt noch zu verhindern, helfen nur noch drastische Maßnahmen – auch wenn sie für uns alle hart sind. Daher wäre es schon gut, wenn sich die Politik zu härteren Maßnahmen ähnlich einem Lockdown wie im Frühjahr durchringt. Die bisherigen Regeln verunsichern die Menschen. Durch den Kopf geht dann beispielsweise: Treffen mit 25 Personen sind erlaubt, also wieso nicht mit acht Leuten zusammensetzen, wenn die Regeln das hergeben?

Selbst für diejenigen, die ihre Kontakte freiwillig beschränken wollen, wird die Umsetzung oft schwierig. Was mache ich, wenn ich beruflich zu einer Veranstaltung im großen Kreis eingeladen bin? Absagen geht dann oft schlecht. Deshalb braucht es härtere Signale zur Orientierung aus der Politik.

Corona-Kontaktnachverfolgung als Knackpunkt

Die Berechnungen zeigen: Wenn das Infektionsgeschehen so weitergeht wie bisher, verdoppeln sich auch die Todesfälle.

Was droht ohne härtere Maßnahmen?

Die Berechnungen zeigen: Wenn das Infektionsgeschehen so weitergeht wie bisher, verdoppeln sich auch die Todesfälle. Wenn wir so weitermachen wie bis Mitte Oktober, müssen wir bis Ende November mit insgesamt 20.000 Todesfällen in Deutschland rechnen. Immerhin besteht Hoffnung, dass die Rede der Kanzlerin am 19. Oktober möglicherweise bei den Menschen bereits zu einer Verhaltensänderung geführt hat. Das sehen wir aber erst im Nachhinein.

Anzeige

Ziel muss also sein, die Fallzahlen möglichst weit zu drücken, damit die Gesundheitsämter wieder mit der Kontaktnachverfolgung hinterherkommen. Wir müssen so schnell wie möglich reagieren. Ich halte es für eine sehr schlechte Idee, damit bis zum 4. November zu warten.

Ist wissenschaftlich bewiesen, dass ein harter Lockdown effektiv ist?

Je mehr Maßnahmen gleichzeitig umgesetzt werden, umso kürzer ist die Zeitspanne, wie lang ein Lockdown sein muss. Das zeigen zum Beispiel Erfahrungen aus Israel deutlich. Dort gab es landesweit 350 Infektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche, also eine sehr hohe Inzidenz. Die Regierung verordnete einen sehr harten Lockdown: Die Leute durften ihre Wohnungen nur zu beruflichen Zwecken, zum Einkaufen oder Arztbesuchen verlassen, auch die Schulen sind geschlossen worden.

Zehn Tage lang sind die Zahlen dann wegen der Inkubationszeit nach Infektionen zwar noch hochgegangen. Danach aber hat sich gezeigt: Pro Woche haben sich die Fallzahlen halbiert. Werden hingegen nur einzelne Maßnahmen ergriffen, wird sich nur langsam etwas ändern – und womöglich ohne Erfolg.

Kontaktbeschränkungen im Privaten, aber keine Schulschließungen – ist dieses Vorgehen effektiv?

Es kommt immer auf die Umsetzung durch die Bevölkerung an. Dass sich maximal zwei Haushalte treffen dürfen, ist grundsätzlich ein guter Ansatz. Trotzdem kann die Regel ausgenutzt werden, um weiterhin viele Kontakte zu haben. Wer sich jeden Tag mit einem anderen Haushalt trifft, was dann zwar den Vorgaben entspricht, kann das Virus trotzdem weiterverbreiten. Ich kann nur appellieren, dass in dieser Situation jeder eigenverantwortlich ein, zwei gute Kontakte regelmäßig trifft statt täglich neue Personen im Wechsel.

Die Meinungen gehen auseinander, inwieweit Kinder das Virus übertragen. Die Erfahrungen mit dem Lockdown im Frühjahr und Daten aus anderen Ländern zeigen aber schon, dass es ein Infektionsgeschehen in den Schulen gibt – und bei flächendeckenden Schließungen die Infektionszahlen rapide und schnell zurückgehen. Schulschließungen helfen durchaus. Deshalb muss auch in den Schulen und Kindergärten eingegriffen werden, wenn der Trend der beschleunigten Virusausbreitung sonst nicht gebrochen werden kann.

Weihnachten und Corona: Großeltern besuchen?

Schulschließungen machen also mit Blick auf die Daten Sinn. Aber Weihnachten kann trotzdem gefeiert werden?

Es ist riskant, wenn alle Kinder direkt aus dem Schulbetrieb herauskommen. Wir müssen auch Weihnachten vorsichtig sein. Deshalb wäre es eine gute Idee, die Schulferien eine Woche nach vorne zu verlegen. Dann können sich Familien einige Tage möglichst isolieren und mit geringem Ansteckungsrisiko während der Feiertage die Großeltern besuchen.

Was ist besser: Ein für alle gleichermaßen geltender bundeseinheitlicher Lockdown oder harte Maßnahmen nur in stark betroffenen Bundesländern?

Ein gutes und einheitliches Vorgehen wäre, dass Landkreise und Bundesländer mit hoher Inzidenz, also bei über 50 Infektionen auf 100.000 Personen pro Woche, harte Beschränkungen verordnen. Bewegt sich die Inzidenz im Bundesland wieder deutlich unter 50, sollten die Maßnahmen dann nur noch in den einzelnen Landkreisen gelten und können zuletzt dann auch dort bei wieder geringen Fallzahlen aufgehoben werden.

Die Prognosen zeigen, dass sich das Virus ohne Einschreiten auch auf die Bundesländer mit noch vergleichsweise niedrigem Infektionsgeschehen weiterverbreitet. Deshalb profitiert ganz Deutschland von härteren Maßnahmen ab einer gewissen Schwelle.

Selbst wenn Ende November die Fallzahlen aufgrund jetzt getroffener politischer Maßnahmen wieder sinken: Könnte im Winter erneut ein Lockdown drohen?

Wenn Deutschland jetzt einmal richtig auf die Bremse drückt, werden wieder sehr niedrige Fallzahlen wie nach dem Lockdown im Frühjahr erreicht. Dann könnte sich Deutschland wieder einen Modus mit weniger harten Maßnahmen erlauben: also zum Beispiel Maske tragen, Kontakte nur ein wenig einschränken, nach Möglichkeit im Homeoffice arbeiten, Abstand halten, Hygienekonzepte einhalten, lüften und die Corona-Warn-App nutzen. Wenn dabei dann alle diszipliniert mitmachen, können wir ohne einen weiteren Lockdown durch den Winter kommen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen