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Virenjäger zum Corona-Ursprung: „Es wird unglaublich schwierig sein, die ersten Infizierten zu finden“

  • Wo ist das Coronavirus Sars-CoV-2 zum ersten Mal auf den Menschen übergesprungen?
  • Zoonosenexperte Fabian Leendertz versucht in einem internationalen Forscherteam der WHO, Antworten auf die inzwischen hochpolitisierte Frage zu finden.
  • Im RND-Interview erklärt der Epidemiologe, welche drei Spuren vom Wuhan-Markt in China ausgehen und was die Suche nach dem Pandemieursprung so herausfordernd macht.
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Nach rund einem Jahr mit dem Virus ist einiges klarer geworden zu seinen Eigenschaften und der gefährlichen Dynamik, die Sars-CoV-2 ausbreitet. Ungeklärt ist aber nach wie vor: Wo hat das alles seinen Anfang genommen? Wer war Patient Null, wo genau ist der Erreger zum ersten Mal auf den Menschen übergesprungen? Der Weg führt nach China – wo der erste Ausbruch im Dezember 2019 registriert wurde.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Mitte November – fast ein Jahr später – ein internationales Forscherteam zusammenberufen, um den Spuren zum Ursprung der Pandemie verstärkt nachzugehen. Dazu gehört auch der RKI-Epidemiologe und Zoonosenexperte Fabian Leendertz, der auch schon Ebola-Ausbrüchen in Afrika nachgegangen ist. Vor wenigen Tagen hat der Virenkenner von der UN die Auszeichnung „Champion of the Earth“ für seine Forschung verliehen bekommen.

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Herr Leendertz, Sie gehen in einem von der WHO beauftragten internationalen Team aus zehn Wissenschaftlern dem Ursprung der Corona-Pandemie nach. Wo steht das Projekt gerade?

Seit Mitte November treffen wir uns wöchentlich in einer Onlinekonferenz – und stehen auch mit den Virologen und Veterinärmedizinern aus China in Kontakt. Die WHO koordiniert diese Treffen. Bei diesem Austausch passiert schon unglaublich viel. Es ist aber auch mindestens ein gemeinsamer Besuch vor Ort in China geplant. Wann genau das passieren wird, ist noch unklar. Ich rechne aber damit, dass wir innerhalb der ersten Monate 2021 aufbrechen können. Wuhan ist dann der Ausgangspunkt der Reise. Und dann müssen wir schauen, wohin uns die Spuren führen.

Das Fachgebiet von Zoonosenforscher Fabian Leendertz: die Schnittstellen zwischen Menschen und Wildtieren, der Evolution von Infektionserregern und der Ökologie von Wildtierkrankheiten. © Quelle: RKI

Die Debatte um den Ursprung des Virus ist momentan auch politisch sehr aufgeladen.

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Leider gibt es diese Politisierung. Diese Schuldzuweisungen schaden der Forschung. Es geht eigentlich um eine ganz fachliche, wissenschaftliche Fragestellung: Wo könnte es mit der Pandemie losgegangen sein? Wir sichten Daten, die es gibt, und folgen den Spuren in die Vergangenheit. Das hat eigentlich nichts mit Politik zu tun. Es ist ja nicht Chinas Schuld, wenn dort das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein sollte. Es wäre auch nicht Kambodschas, Indonesiens, Italiens, Österreichs oder Deutschlands Schuld. Jedes Jahr finden zoonotische Übertragungen von Tieren auf Menschen mehrfach in vielen Ländern statt. Dass daraus eine Pandemie entsteht, hängt stark von dem Virus ab und ist im Prinzip Zufall.

Corona-Ursprung: War es Fledermaus, Marderhund oder Schuppentier?

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Forschungen beweisen, dass viele Virusarten zu einer bestimmten Fledermausgattung gehört, der sogenannten Großen Hufeisennase. Die Varianten lösen sich ständig ab, sterben aus, neue kommen durch Genom-Rekombinationen auf. © Quelle: picture alliance / blickwinkel/A

Warum ist es aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt wichtig, den Ursprung von Sars-CoV-2 zu identifizieren?

Um Gefahren in Zukunft besser zu erkennen, müssen Übertragungsereignisse möglichst genau verstanden werden. Erst dann können Maßnahmen entwickelt werden, die das Risiko reduzieren. Ein gutes Beispiel ist das Lassa-Virus. Das ist ein fieser Erreger, der vor allem in afrikanischen Ländern zu Erkrankungen mit hämorrhagischem Fieber führt. Seit wir wissen, dass der Erreger von Vielzitzenmäusen übertragen wird, können die Menschen vor Ort bessere Hygienekonzepte entwickeln: zum Beispiel Lebensmittel nicht mehr auf dem Boden lagern und Häuser auf andere Weise bauen.

Welche Tiere kommen bei der ersten Übertragung von Sars-CoV-2 auf den Menschen denn am ehesten in Frage?

Das wissen wir noch nicht genau. Am wahrscheinlichsten gilt die Beteiligung von Fledermäusen. Wahrscheinlich haben auch Zwischenwirte eine Rolle gespielt, etwa Marderhunde oder auf Farmen gehaltene Wildtiere. Das Schuppentier stand auch einige Zeit auf der Liste der Zwischenwirte – erscheint inzwischen aber weniger relevant.

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Spurensuche startet im chinesischen Wuhan

Wie gehen Sie bei der Suche nach dem Ursprung der Pandemie konkret vor?

Das ist eine Reise zurück in die Vergangenheit. Ausgang sind die ersten bekannten Fälle, die im Dezember 2019 per DNA-Sequenzierung bestätigt wurden. Das war auf einem Markt in Wuhan, wo wahrscheinlich der erste größere Ausbruch mit vielen Infektionen stattfand. Es gibt von dort aus grob drei Spuren:

Die Erste geht der Frage nach, ob das Virus möglicherweise schon vor dem Ausbruch auf dem Markt auf den Menschen übergegangen ist. Die chinesischen Kollegen schauen sich also den Radius der ersten Fälle genauer an und suchen in den umliegenden Krankenhäusern nach Blutsammlungen und Rachenabstriche aus einem größeren Zeitraum. China hat glücklicherweise seit den Erfahrungen mit dem Sars-Ausbruch von 2002 und Influenza ein sehr gutes System, das schwere Atemwegserkrankungen registriert und überwacht.

Eine zweite Spur folgt den Wildtieren auf dem Markt. Also, welche Arten wurde dort angeboten, wo kommen sie her und wo werden sie noch verkauft? Und die dritte Spur folgt näheren verwandten Erregern von Sars-CoV-2. In bestimmten Fledermausarten wurden weitere Coronaviren gefunden. Es wird von verschiedenen Teams überprüft, ob sich in verwandten Arten womöglich auch Sars-CoV-2 finden lässt.

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Chronologie des Coronavirus
2:47 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Patient Null kann man in dieser Pandemie also nicht mal eben so bestimmen?

Es wird unglaublich schwierig sein, die ersten Infizierten mit Sars-CoV-2 zu finden. Bei Ebola ist das Kontakt-Tracing bis in die Vergangenheit beispielsweise wesentlich einfacher, weil nach eindeutigen Symptomen gefragt werden kann – wie blutigem Durchfall oder hohem Fieber. Bei Sars-CoV-2 verspüren Infizierte aber oft milde oder gar keine Symptome. Von Patient zu Patient in der Zeit zurückzugehen wird deshalb so gut wie unmöglich sein.

Welche Rolle spielt bei der Nachverfolgung der Faktor Zeit?

Das ist schon ein bisschen wie eine Schnitzeljagd: Je frischer die Spur, desto leichter ist es natürlich, ihr zu folgen. Die Ergebnisse werden also mit der Zeit weniger präzise. Aber die Untersuchungen lohnen auch nach einem Jahr auf jeden Fall noch und es ist auch noch nicht zu spät. In China macht man sich ja auch nicht erst seit November Gedanken darüber. Dort stellen sich die Wissenschaftler die gleichen Fragen wie hier auch.

Von Mutation bis Laborunfall: Es kursieren viele Theorien zum Virusursprung

Könnte es auch mehrere Ursprünge für die Pandemie geben mit unterschiedlichen Varianten von Sars-CoV-2?

Bis jetzt deuten die Daten darauf hin, dass diese Pandemie auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführt. Da ist höchstwahrscheinlich keine Wolke aus Viren, die aus einem Reservoir auf Menschen übergegangen ist. Mit der weltweiten Ausbreitung haben sich dann ein paar Subtypen entwickelt. Sars-CoV-2 ist aber glücklicherweise relativ lahm und verändert sich nicht so schnell wie manch andere Viren. Mutationen sind nach heutigem Kenntnisstand kein großes Problem, auch nicht für die anstehenden Impfungen.

Geheimer Laborunfall, Transport per Schweinshaxe: Es gibt neben der Zoonose viele weitere Theorien, wie Sars-CoV-2 durch die Welt zirkuliert.

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass das Virus durch einen Laborunfall in die Welt gekommen ist. Die Verbreitung über kontaminierte Lebensmittel halte ich auch für extrem unwahrscheinlich. Wir schließen das aber nicht kategorisch aus und prüfen alle Theorien, weil das sonst schlechte wissenschaftliche Praxis wäre. Das Forscherteam der WHO geht grundsätzlich allen Spuren und Daten nach.

Wann ist denn mit ersten Ergebnissen Ihrer Spurensuche zu rechnen?

Vielleicht haben wir Glück und können in ein paar Monaten eine Antwort auf den Ursprung von Sars-CoV-2 geben. Es kann aber auch noch Jahre dauern. Das kommt darauf an, was wir und die chinesischen Kollegen finden. Aber der Wille ist groß, etwas mehr Klarheit zu bekommen.

Sie sind bereits in Afrika dem Ursprung von Ebola-Ausbrüchen nachgegangen. Kommt Ihnen Sars-CoV-2 da im Vergleich überhaupt gefährlich vor?

Ja sicher. Das ist ein Erreger mit genau den falschen Eigenschaften. Sars-CoV-2 kann auch tödlich sein – besonders für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Das Virus kann langwierige Erkrankungen auslösen, verbreitet sich unglaublich schnell und macht sich beim Zirkulieren durch die Bevölkerung nur teilweise bemerkbar. Es gibt ja auch viele milde und asymptomatische Verläufe. Das ist schon ziemlich gemein.

Weitere Pandemien werden kommen

Gefällte Bäume liegen am Rande eines Urwaldes in der Amazonasregion in Brasilien. Die Abholzung in den Tropen, oft für landwirtschaftliche Anbauflächen, gilt als besonders problematisch.

Steigt mit der Klimakrise die Gefahr weiterer Pandemien?

Es ist offensichtlich, dass die Übertragung neuer Erreger mit Pandemiepotenzial wieder passieren wird. Intensive Tierzuchten sollten deshalb vor Kontakten zu Wildtieren abschottet werden. Es muss mehr auf Hygienebestimmungen im Tierhandel geachtet werden. Wildfleischhandel ist eine offensichtliche Problematik: Es werden immer mehr kleinere Säugetiere gegessen, etwa Flughunde. Dafür gehen die Menschen immer tiefer in die Wälder und kommen in Kontakt mit einem neuen Erregerreservoir. Das ist wirklich gefährlich.

In welchen Regionen könnten solche Zoonosen am wahrscheinlichsten auftreten?

Ein hohes Risiko für Zoonosen liegt in Gebieten mit hoher Biodiversität, beispielsweise in den Tropen. Dort gibt es dann gleichzeitig oft ein hohes Maß an Umweltzerstörung, Abholzung der Wälder, ein starkes Bevölkerungswachstum. Dazu gibt es meistens eine schlecht aufgestellte Infrastruktur in der Gesundheitsversorgung. Es ist wirklich wichtig, diese durch die Weltgemeinschaft zusammen mit den lokalen Entscheidungsträgern vor Ort zu stärken. Denn je besser alle Länder weltweit aufgestellt sind, desto früher lässt sich das Ungewöhnliche entdecken – und Alarm schlagen.

RND

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