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  • Folge- und Langzeitschäden durch Covid-19: Gefäße und Organe betroffen - Interview mit Lungenarzt

Lungenarzt im Gespräch: Covid-19 schädigt Gefäße und Organe

  • Ärzte und Forscher finden immer mehr zur Lungenkrankheit Covid-19 heraus.
  • In den letzten Wochen haben Mediziner viel Neues gelernt, sagt Michael Pfeifer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin.
  • Im RND-Interview berichtet er von den Tücken der Erkrankung, Folgeschäden und schwerstkranken Patienten.
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Professor Michael Pfeifer arbeitet als Chefarzt einer Lungenklinik in Bayern und betreut derzeit auch eine Covid-19-Abteilung mit 30 Intensivbetten. Außerdem ist er Professor an der Universität in Regensburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP).

Herr Pfeifer, was überrascht Sie bei Covid-19 im Vergleich zu anderen Lungenleiden?

Zum einen, dass Erkrankte oft keine Symptome verspüren, aber schon infektiös sind. Zum anderen, dass viele Patienten zunächst keine Atemnot haben, aber schon eine deutlich eingeschränkte Blutgas-Situation in der Lunge. Bei denen, die schwerer erkranken, setzen erst im weiteren Verlauf Atemnot, Fieber und Husten ein. Diesen zeitlichen Verlauf kennen wir von anderen Lungenerkrankungen in dieser Art so nicht.

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Prof. Michael Pfeifer ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. © Quelle: Mike Auerbach

Haben Sie in den letzten Wochen Neues zum Verlauf von Covid-19 gelernt?

Es zeigt sich, dass Covid komplexer als bisherige Lungenerkrankungen ist. Die Regulation von Durchblutung und Durchlüftung der Lunge ist frühzeitig gestört. Es kommt zu einem Ungleichgewicht zwischen der Atmung und der Durchblutung der Lunge. Bestimmte Areale werden zwar durchblutet, aber nicht mit Sauerstoff gesättigt. Das ist ein Phänomen, das bei dieser Krankheit sehr früh auftritt. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer gesteigerten Entzündungsreaktion, die den ganzen Körper betrifft. Das nennen wir Hyperinflammation.

Covid-19 schädigt nicht nur die Lunge

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Welche weiteren Folgen kann die Entzündungsreaktion bei Covid-Patienten haben?

Diese Erkrankung ist nicht nur eine Lungenentzündung. Sie geht nach aktuellen Daten einher mit einer deutlichen Gefäßschädigung. Wir wissen, dass die innerste Schicht der Gefäße durch Covid-19 viel stärker beeinträchtigt ist als bei ähnlichen Erkrankungen. Darüber lassen sich dann viele daraus folgende Phänomene ableiten: Organschäden, Niereninsuffizienz, Herzbeschwerden, Blutdruckabfälle, Blutgerinnungsprobleme. Eine ganz aktuelle Studie bei zwölf verstorbenen Patienten aus Hamburg zeigt, dass bei 58 Prozent der Patienten eine Thrombose und eine Lungenembolie gefunden wurde.

Kann das Virus nach dem Eintritt über die Atemwege auch direkt die Gefäße angreifen?

Es ist derzeit noch unklar, ob das Virus selbst diese Gefäßschicht angreift oder die schwere Entzündungsreaktion des Körpers dafür verantwortlich ist. Wäre es das Virus selbst, das diese Schicht angreift, würde das viele Phänomene erklären, die wir derzeit bei den Patienten beobachten. Sehr viele erzählen beispielsweise, dass sie ausgeprägte Geschmacks- und Riechstörungen haben. Möglicherweise gelangt das Virus also über den Riechnerv in das zentrale Nervensystem. Aber das sind bislang nur Einzelbeobachtungen. Noch ist nicht genau bewiesen, wie das alles zusammenhängt.

Raucher erkranken schwerer an Covid-19

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Wie würden Sie den „klassischen“ Covid-19-Patienten auf der Intensivstation beschreiben?

Den gibt es so nicht. Bei vielen Patienten hätte man vorher nicht angenommen, dass sie so schwer erkranken könnten. Sie gehören nicht zur klassischen Risikogruppe und sind aus dem vollen Leben in so eine Situation gekommen. Wir sehen auch viele Menschen im Alter zwischen 50 und 60, mit keinen schweren Vorerkrankungen, beobachten aber bei vielen leichtes Übergewicht und Bluthochdruck. Höheres Alter, Diabetes, Herzerkrankungen und chronische Erkrankungen der Atemwege und der Lunge erhöhen auch das Risiko, schwerer zu erkranken.

Und Rauchen? Es gibt eine Studie französischer Forscher, die Hinweise darauf gefunden hat, dass Nikotin womöglich sogar vor einer Infektion mit dem Virus schützen könnte.

Rauchen muss aus gesundheitlicher Sicht weiter kritisch gesehen werden. Bei allen bisherigen Studien hat sich zwar bestätigt, dass der Anteil der Raucher bei den bestätigten Covid-Fällen vergleichsweise gering ist. Schaut man aber genauer hin, zeigt sich, dass Raucher, wenn sie denn erkranken, einen schwereren Verlauf haben. Das eine ist also das Risiko sich zu infizieren, das andere, schwerer zu erkranken.

Wie begleiten Sie Covid-19-Patienten auf der Intensivstation?

Bei diesem Virus können wir nicht wie bei anderen Pneumonien, die durch Bakterien ausgelöst werden, mit Antibiotika behandeln. Das ist auch der Grund, warum die Krankheitsphase so lange andauert, manchmal beatmen wir sogar mehr als vier Wochen. Mit unterstützenden Maßnahmen wie der Sauerstoff-Zugabe geben wir dem Körper bislang nur mehr Zeit, sich selbst zu heilen. Die Wissenschaft geht deshalb der Frage nach, ob neue Medikamente oder auch die passive Immunisierung durch Plasmagabe von genesenen Patienten den Krankheitsverlauf abkürzen und verbessern können.

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Wie etwa das Medikament Remdesivir, das derzeit für Schlagzeilen sorgt?

Das war schon immer ein heißer Kandidat, verursacht aber auch viele Nebenwirkungen. Es scheint nach ersten veröffentlichten Daten zumindest die Symptom-Dauer zu verkürzen. Ob es einen schweren Verlauf verhindern kann, wissen wir aber noch nicht. Es gibt dazu erste Daten, die aber noch sehr dünn sind. Zudem ist das Medikament noch nicht offiziell verfügbar und steht auch noch nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.

Verschiedene Stufen der Beatmung

Müssen eigentlich alle Covid-Patienten, die mit Atemnot in die Klinik kommen, mit einem Schlauch intubiert werden?

Wir haben in den letzten Wochen dazugelernt. Erfahrungen aus anderen Ländern haben vermittelt, dass Patienten bei Atemnot frühzeitig intubiert werden sollten. In Deutschland hat sich aber gezeigt, dass es mehr Behandlungskapazitäten gibt und Patienten oft schon in einem frühen Krankheitsstadium stationär aufgenommen werden. Viele sind dann noch vergleichsweise stabil, können beobachtet und auch mithilfe von Sauerstoff-Masken oder Masken zur nicht-invasiven Beatmung beim Atmen unterstützt werden.

Erst wenn das nach einem Stufensystem nicht erfolgreich ist, muss mit einem Schlauch intubiert werden, weil der Patient sonst in dieser Phase sterben würde. Die Entscheidung zur Intubation erfolgt unter Berücksichtigung vieler Faktoren, wie klinischer Zustand, Schwere der Gasaustausch-Störung, der Kreislaufstörung und der individuellen Situation des Patienten.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Unter Experten gab es zuletzt eine Debatte darüber, ob palliativmedizinische Aspekte bei der Behandlung vor allem älterer Covid-19-Patienten zu wenig berücksichtigt werden.

Die Diskussion hat mir ein bisschen weh getan und viele Patienten verunsichert – nach dem Motto, Intensivmediziner würden alle sofort intubieren. Grundsätzlich ist es aus medizinischer Sicht immer das Ziel, nach Möglichkeit nicht zu beatmen. Es handelt sich um einen nicht natürlichen Eingriff in den Organismus und kann auch schädigend sein.

Auf der anderen Seite wissen wir: Ohne Beatmung überleben viele Patienten akute Erkrankungen nicht. Das gilt auch bei Covid. Daten zeigen, dass eine zu späte Intubation eine höhere Wahrscheinlichkeit des Sterbens provoziert. Natürlich wird nach den Vorgaben der Patienten gehandelt und falls keine intensivmedizinische Behandlung gewünscht wird, eine palliative Behandlung mit jeglicher Unterstützung durchgeführt.

Wonach entscheiden Sie in kritischen Fällen, ob beatmet wird?

Wenn immer möglich, sprechen wir mit Patienten oder ihren Angehörigen darüber, ob sie intensivmedizinisch betreut werden wollen. Wenn aber plötzlich jemand in die Notaufnahme kommt, habe ich oft keinen Hintergrund. Ich weiß nicht, wie es der Person vorher erging, welche Vorerkrankungen es gibt. Der Intensivmediziner hat dann keine Grundlage, zu entscheiden, keine intensivmedizinische Behandlung durchzuführen, ohne das Risiko einzugehen, dass der Patient verstirbt.

Solange keine Informationen vorhanden und diese nicht in der kritischen Phase zu bekommen sind, werde ich mich als Arzt in dieser Situation für das Leben entscheiden und alles dafür tun. Entscheidet sich ein Patient aber bewusst gegen die Intubation, wird er in der Klinik weiterhin mit Medikamenten unterstützt, damit er beim Sterben nicht leidet. Denn irgendwann kommt eine Phase, in der der Patient Erstickungsgefühle bekommt.

Im Vergleich zu anderen Lungenerkrankungen dauert die Genesung bei Covid-19 sehr lange. © Quelle: Jonas Güttler/dpa

Lange Erholungsphase nach der Erkrankung

Worauf müssen sich Patienten nach der Zeit auf der Intensivstation einstellen?

Uns fällt auf, dass Patienten lange brauchen, bis sie sich wieder vollständig erholen. Auch junge Menschen, auch solche, denen nur Sauerstoff über eine Maske verabreicht wurde und keine lange Intubation stattgefunden hat. Bei Covid hat man den Eindruck, dass die Erholungsphase deutlich länger dauert. Patienten sagen häufig, sie können sich noch nicht gut konzentrieren, fühlen sich nicht leistungsfähig und abgeschlagen. Es ist noch nicht klar, ob es zu langfristigen Folgeschäden kommt. Das werden die Nachkontrollen unserer Patienten zeigen.

Es gibt weitreichende Lockerungen, zudem ruft Gesundheitsminister Spahn Kliniken dazu auf, wieder Kapazitäten für andere Bereiche freizugeben. Worauf stellen sich Intensivmediziner ein?

Wir werden auf lange Sicht mit der Erkrankung leben müssen. Auf den Intensivstationen erleben wir im Moment einen deutlichen Rückgang der Fälle, befürchten aber, dass es durch die Lockerungen wieder zum Anstieg kommt. Unsere Strategie ist ganz klar, einen bestimmten Teil von Betten und Intensivkapazitäten freizuhalten, um dann bei Bedarf schnell reagieren zu können. Dazu sind wir auch gesetzlich verpflichtet. Wir haben aber auch eine Verantwortung gegenüber anderen Patienten, die betreut werden müssen. Es wäre medizinisch nicht vertretbar, diese nicht auch mit zu bedenken.

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Gibt es etwas, das Sie für die Zukunft positiv stimmt?

In Deutschland gab es bislang keine chaotischen Zustände. Nur an ganz wenigen Stellen hat es mal gebrannt, ansonsten ist alles sehr kontrolliert abgelaufen und unsere Gesundheitsressourcen waren ausreichend. Das ist ein Stück weit beruhigend. Ich bin auch positiv gestimmt, dass sich die meisten der Erkrankten auf der Intensivstation erholen und zu einem normalen Leben zurückfinden werden. Bislang liegt die Sterblichkeit von Intensivpatienten bundesweit bei rund 30 Prozent. Wenn wir über den Verlauf einer schweren Covid-Erkrankung sprechen, dürfen wir aber nie vergessen, dass es sich nur um über rund drei Prozent der Menschen in Deutschland handelt. Die überwiegende Zahl der Infizierten ist nach drei, vier Wochen wieder fit.

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