Keine Corona-Updates mehr: Fehlen die RKI-Briefings?

  • Zu Beginn der Pandemie informierte das Robert-Koch-Institut regelmäßig mit Briefings zur Corona-Lage. Doch die sind inzwischen selten geworden.
  • Das RKI hat damit die Deutungshoheit über aktuelle Trends des Infektionsgeschehens anderen überlassen.
  • Regionale Gesundheitsämter tun sich mit der professionellen Krisenkommunikation schwer.
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Berlin. Punkt 10 Uhr, Präsident oder Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) berichten über die aktuelle Corona-Lage in Deutschland. Bis Anfang Mai boten die täglichen Pressebriefings der Bundesbehörde einen Überblick über das Infektionsgeschehen, zudem wurden Fragen von Journalisten besprochen. Doch dann entschied das RKI: Die Informationsveranstaltung soll es nur noch anlassgebunden geben.

Viele Nachrichtensender und Internetportale übertrugen die RKI-Pressekonferenzen live. Neben der Presse hatten so auch interessierte Bürger Zugang zu den Briefings und den Informationen daraus, wie die Erfurter Kommunikationswissenschaftlerin Constanze Rossmann erklärt.

RKI hat die Deutungshoheit anderen überlassen

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Zuletzt wurden bei dem Treffen die Schwankungen der Reproduktionszahl erklärt – mehr als zwei Wochen ist das nun schon her. Doch Fragen zu medizinischen, wissenschaftlichen oder statistischen Corona-Aspekten gibt es nach wie vor zuhauf. “Wir stehen natürlich auch weiter für Presseanfragen zur Verfügung”, hatte RKI-Vizepräsident Lars Schaade beim vorerst letzten Briefing gesagt. Der Pressesprecherin Susanne Glasmacher zufolge wird die Anfragenflut vor allem nach Reichweite der Medien sortiert, wie die “Tageszeitung” im April berichtete.

Viele Fragen dürften der Behörde mit dem Wegfall der Briefings nun doppelt und dreifach gestellt werden. Oft dauert es lange, bis eine Reaktion kommt. Und Bürger bekommen die Antworten nicht mehr unmittelbar mit, sondern nur noch via Medienberichte. Die Deutungshoheit über Trends und mögliche Zusammenhänge wird anderen überlassen. Viele waren daher nicht sonderlich glücklich mit dem Stopp der Briefings.

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Infektionsgeschehen ist inzwischen vor allem regional interessant

Der Fraktionschef der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, wertete die Absage als “falsches Signal” und forderte in der “Neuen Osnabrücker Zeitung” wieder regelmäßige Briefings. Auch über den Kurznachrichtendienst Twitter, wo die Livestreams der Briefings eine gewisse Popularität erreichten, wurde Kritik laut.

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Joachim Trebbe, Kommunikations- und Politikwissenschaftler der Freien Universität Berlin, hält den Rückzug des RKI für einen logischen Schritt. “Die Zahlen des RKI waren interessant, als auch die Fallzahlen groß waren und wir sozusagen Wellen über Deutschland gesehen haben”, sagt er. Inzwischen sei das Infektionsgeschehen regional zu betrachten, einzelne Ausbrüche etwa in Schlachthöfen bestimmten die Lage. Auch das RKI selbst begründete die Absage der regelmäßigen Briefings mit den rückläufigen Fallzahlen.

Gesundheitsämter haben nicht genügend Ressourcen für professionelle Kommunikation

Die Frage sei nun allerdings, wer das Kommunikationsvakuum fülle, das das RKI womöglich hinterlasse, sagt der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Markus Schäfer. Mit der Entscheidung, das Pandemiemanagement neu zu ordnen, gehe auch die Krisenkommunikation zunehmend auf Länder und Kommunen über. Aber gerade die Gesundheitsämter hätten mit der Nachverfolgung der Infektionsketten ohnehin schon viel Arbeit. Für professionelle Kommunikation könne es dort an Ressourcen mangeln.

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Auf der Ebene der Landesministerien könne die Kommunikation noch gelingen, sagt der Berliner Kommunikationsforscher Trebbe. Auf der Kreisebene aber gebe es eher auch mal “halbprofessionelle Strukturen”. Bei einem Infektionshotspot drohe schnell Überforderung. “Das ist der Preis, den man dafür zahlt, wenn wir zu einer Ebene kommen, wo Personal fehlt und professionelle Kommunikation nicht mehr gewährleistet werden kann.”

Wie dem auch sei: Zum Infektionsgeschehen in Deutschland und den jeweiligen Bundesländern können Journalisten wie auch Bürger – wenn auch ohne Einordnung durch einen Experten – weiter auf RKI-Informationen zurückgreifen: etwa auf den täglichen Corona-Lagebericht auf der Webseite der Behörde.

RND/dpa

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