Fehlbildungen bei Neugeborenen: Droht ein neuer Contergan-Skandal?

  • Was verursachte die Fehlbildungen an den Händen von drei Neugeborenen in Gelsenkirchen?
  • Für Fehlbildungen bei Neugeborenen gibt es viele Ursachen, erklärt der Pränataldiagnostiker Constantin von Kaisenberg im Interview.
  • Den Auslöser zu finden sei schwer.
|
Anzeige
Anzeige

Der Pränataldiagnostiker Constantin von Kaisenberg redet mit dem RND über die Fehlbildungen an den Händen von drei Neugeborenen in Gelsenkirchen. So sieht seine Analyse aus.

Herr von Kaisenberg, in einer Klinik in Gelsenkirchen sind zwischen Mitte Juni und Anfang September drei Kinder mit fehlgebildeten Händen geboren worden. Gibt es da einen größeren Zusammenhang, oder ist das Zufall?

Die Fälle können auf eine Häufung hinweisen, aber das ist noch kein Beweis. Dafür sind die Fallzahlen zu gering. Trotzdem sollte man versuchen, die Ursachen für diese drei Fälle zu ermitteln, um so früh wie möglich Substanzen oder andere Auslöser zu identifizieren, damit nicht weitere Schwangere und Kinder betroffen sind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Im wenige Kilometer von Gelsenkirchen entfernten Datteln soll im Sommer ebenfalls ein Kind mit der gleichen Fehlbildung zur Welt gekommen sein. Könnte es da einen Zusammenhang geben?

Um diese Frage zu beantworten, muss man jeden Fall einzeln untersuchen. Das kann auch ganz unterschiedliche Ursachen haben. Was man generell sagen kann: Es ist normal, dass Kinder mit Fehlbildungen geboren werden. Es ist auch normal, dass Kinder mit Handfehlbildungen geboren werden – auch wenn sie selten sind.

Lesen Sie hier: Fehlbildungen bei Neugeborenen: Ärzte für Register

Welche Ursachen können solche Fehlbildungen denn generell haben?

Anzeige

Da gibt es viele verschiedene Auslöser. Die sogenannten angeborenen oder auch unerklärten Fehlbildungen können zum Beispiel durch einen Mangel an Folsäure ausgelöst werden. Häufig findet man aber hier die Ursache nicht heraus, es ist dann, einfach gesagt, in der Embryonalentwicklung etwas schiefgelaufen. Fehlbildungen können aber auch einen Auslöser im Erbgut haben: Wenn zum Beispiel das Chromosom 13 dreifach vorhanden ist, haben die Kinder zu viele Finger. Auch auf einzelnen Genen können Mutationen auftreten, die dann auch Handfehlbildungen auslösen können. Von erworbenen Fehlbildungen spricht man, wenn die Hände eigentlich ganz normal angelegt sind, im Mutterleib aber zum Beispiel abgeschnürt werden.

Welche Rolle spielen bestimmte Medikamente oder auch Pestizide?

Anzeige

Auch sie können Fehlbildungen verursachen. So können sie zum Beispiel direkt toxisch – also giftig – sein. Das Medikament Contergan griff beispielsweise direkt in die Embryonalentwicklung der Kinder ein. Andere Substanzen machen sich indirekt bemerkbar, indem sie etwa das Erbgut schädigen und so Mutationen auslösen.

Sie haben das Medikament Contergan schon angesprochen. Muss man sich Sorgen machen, dass der nächste Skandal sich schon abzeichnet?

Eher nicht, wahrscheinlich muss man nicht beunruhigt sein. Vollständig beantworten kann man das aber natürlich erst, wenn man die Ursache der jetzt aufgetretenen Fälle zweifelsfrei identifiziert hat, so sie denn überhaupt ermittelt werden kann. In Frankreich gab es zwei Regionen, in denen es mehrere Fälle von Handfehlbildungen gab. Sie sind sehr intensiv untersucht worden, aber der Grund konnte nicht ausfindig gemacht werden.

Constantin von Kaisenberg ist Bereichsleiter der Pränatalmedizin und Geburtshilfe an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Ermittlung der Ursachen in solchen Fällen ist also schwierig. Wie genau geht man dabei vor?

Dazu müssen verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten und diese Fälle ganzheitlich intensiv durchleuchten. Also zum Beispiel Genetiker, Arbeits- und Umweltmediziner oder Epidemiologen, die gemeinsam ein klinisches Profil der Kinder erheben und schauen: Gibt es vielleicht in der Nähe ionisierende Strahlen, werden vielleicht bestimmte Substanzen in der Landwirtschaft eingesetzt? Es könnte auch sein, dass eine bestimme Berufsgruppe betroffen ist, die mit entsprechenden Substanzen in Berührung kommt.

Anzeige

Haben Sie in Ihrer Zeit als Arzt selbst schon Fälle von Handfehlbildungen erlebt?

Ja, aber sie sind wirklich sehr selten. Ich bin jetzt seit 25 Jahren in der Pränatalmedizin tätig und habe weniger als fünf Fälle gesehen.

Werden Handfehlbildungen vor der Geburt festgestellt?

In der Regel nicht. Was bei einem Fehlbildungsultraschall untersucht wird, legen Standards der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin fest. Demnach müssen Ärzte zwischen der elften und dem Ende der 14. Schwangerschaftswoche nachschauen, ob das Kind zwei Arme und Beine hat. Hände und Füße zu untersuchen ist zu diesem Zeitpunkt noch optional. Später dann – zwischen 18 und 21 Schwangerschaftswochen – sollen auch die Hände und Füße durch Ultraschall untersucht werden. Dabei werden Finger und Zehen jedoch meist nur nach einer entsprechenden familiären Vorgeschichte untersucht, da die Hände in der Regel zur Faust geschlossen sind.

Können Fehlbildungen korrigiert werden?

Das kann man so global nicht sagen, dazu gibt es viele verschiedene Ansätze. Aber häufig kann die Funktion der Hände verbessert werden, zum Beispiel, um einen Griff zu schaffen.