Fatigue: Wenn die Energie für den Alltag fehlt

  • Das Fatigue-Syndrom macht sich durch anhaltende Erschöpfung bemerkbar.
  • Meist tritt das Syndrom nach schweren Krankheiten auf – bei manchen Patientinnen und Patienten auch nach einer Corona-Infektion.
  • Fachleute erklären, wie Betroffene lernen, mit Fatigue umzugehen.
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Leipzig/Jena. Die Übersetzung aus dem Französischen macht schon klar, worum es geht: „Fatigue“ bedeutet Müdigkeit. Doch wer vom Fatigue-Syndrom betroffen ist, der braucht mehr als nur etwas Ruhe.

„Fatigue ist definiert als pathologische Erschöpfung und Erschöpfbarkeit, die sich den üblichen Erholungsstrategien verschließt“, erläutert Sabine Herzig, die als Fachärztin für Neurologie an der Tagesklinik für Kognitive Neurologie des Leipziger Uniklinikums arbeitet. Aspekte wie gesunder Lebensstil, erholsamer Schlaf und angemessene Pausen führen hier nicht dazu, dass der Energiemangel grundsätzlich behoben wird, so die Expertin.

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Wenn der Alltag die Kräfte raubt

Das heißt: Die Betroffenen leiden unter einem dauerhaften Erschöpfungsgefühl, gleichzeitig führen selbst Aufgaben des Alltags zu einer schnellen Abgeschlagenheit. „Es fällt den Patienten schwer, Anforderungen über einen längeren Zeitraum zu erfüllen – das können auch Unterhaltungen, Haushaltstätigkeiten oder leichte sportliche Aktivitäten sein“, sagt Herzig.

Während solcher Betätigungen nimmt die Kraft unverhältnismäßig schnell ab. Insgesamt sei die Leistungsfähigkeit im Alltag deutlich gemindert, sagt die Neurologin zur Fatigue. Geistige und körperliche Routinetätigkeiten führten zu einer „unangemessenen Angestrengtheit“.

Fatigue tritt nach Erkrankungen auf

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Die Ursachen dafür liegen in der Regel in vorangegangenen Krankheiten: „Wir beobachten es bei Patienten nach schweren Erkrankungen“, sagt Sabine Köhler, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte. „Das starke Erschöpfungsgefühl entwickelt sich nicht zurück, sondern bleibt als Beschwerde bestehen.“

Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie erlebt Fatigue häufig bei Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose oder nach Krebserkrankungen mit einhergehender Therapie. Sie sagt: „Wenn Patienten nach einer Behandlung als gesund entlassen werden, muss sich der Körper noch von der langen und kräftezehrenden Therapie erholen.“

Eigene Erwartungen anpassen – und zurücktreten

Liegt eine Fatigue vor, lässt sich diese nicht einfach mit einer medizinischen Behandlung beheben: „Zuerst einmal muss man anerkennen, dass diese Erkrankung da ist und die eigenen Erwartungen daran anpassen“, sagt Köhler.

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Anstatt so funktionieren zu wollen wie vorher, empfiehlt sie eine Bestandsaufnahme: „An welchen Stellen ist es mir wichtig, Leistung zu erbringen und wo ist es nicht so wesentlich?“ Kraftraubende Arbeiten oder Ziele könnte man so erst mal ein Stück zurücktreten lassen.

Leistungsfähigkeit langsam steigern

Für Betroffene sei es ratsam, ihr Leben um das Fatigue-Syndrom herum einzurichten, sagt Köhler. „Wichtig ist es, dass man eine moderate Anstrengung anstrebt, um die Leistungsfähigkeit langsam wieder zu steigern, ohne den Körper zu überfordern“, so die Expertin.

„Man sollte dranbleiben, leichten Sport durchführen und Entspannungsmethoden anwenden“, rät sie. Oft hilft es nach ihren Worten auch, wenn man sich Unterstützung holt, um durchzuhalten, und wenn man vor allem Dinge macht, die dem Körper wirklich gut tun.

Leistungsniveau bleibt auch langfristig anders

Ob die Fatigue verschwindet oder ein dauerhafter Lebensbegleiter bleibt, ist unterschiedlich. Köhler sagt: „Wir sehen Patienten, die nach einem langen Zeitraum wieder zurück in ihre Leistungsfähigkeit finden, aber meistens ist es nicht mehr so, wie es früher war.“ Die allermeisten Patienten finden demnach zwar in ihre Lebenssituation zurück, „aber auf einem anderen Leistungsniveau“.

Diagnose kann auch erleichternd sein

Die Diagnose einer Fatigue stützt sich auf verschiedene Verfahren, darunter Befragungen. „Zur Diagnose nutzen wir auch computerisierte Aufmerksamkeitstests, um die geistige Erschöpfung zu dokumentieren und objektivieren“, sagt Neurologin Herzig. „Fatigue-Patienten fällt es dabei unter anderem schwerer, monotone Anforderungen konzentriert durchzuführen: Sie driften schneller ab als gesunde Testpersonen.“

Wenn eine Fatigue festgestellt wurde, müssen sich Patientinnen und Patienten mit ihrem Krankheitsbild vertraut machen. Für viele ist die Diagnose in gewisser Weise auch eine Erleichterung: „Ein wesentlicher Faktor ist, dass die Patienten und Angehörigen die Leiden wirklich registrieren und als solche anerkennen“, sagt Herzig.

Welche Art von Pausen helfen wirklich?

Man sehe den Patienten ihre Fatigue in der Regel nicht an, deshalb fühlten sie sich oft unverstanden, sagt sie. „Es ist wichtig, ihnen zu spiegeln, dass wir die Beschwerden ernstnehmen.“

Im Anschluss sollten Betroffene herausfinden, was ihnen konkret helfen kann. Das ist individuell verschieden. Die Patienten müssen zum Beispiel lernen, welche Art von Pausen ihnen helfen und wie sie wieder etwas Kraft tanken können, erläutert Herzig. „Das vermittelt ihnen eine Selbstwirksamkeit. Sie haben nicht mehr das Gefühl, der Erschöpfung völlig ausgeliefert zu sein.“

Auch chronisches Fatigue-Syndrom kann eintreten

Von einer Fatigue nach einer schweren Erkrankung abzugrenzen, ist das Chronische Fatigue-Syndrom. Bei diesem eigenständigen Krankheitsbild kommen zur Erschöpfung noch körperliche Symptome wie Hals-, Muskel- oder Kopfschmerzen hinzu.

Per Definition liegt das mit CFS abgekürzte Syndrom erst nach einem Verlauf von mindestens sechs Monaten vor. „Hierbei handelt es sich in der Regel um eine postvirale Komplikation“, sagt Sabine Herzig. Oft tritt das CFS sehr plötzlich auf, die Krankheit schränkt die Lebensqualität unerwartet und sehr stark ein.

Fatigue nach Covid-19

Worunter Fatigue-Symptome nach einer Corona-Infektion fallen, ist aktuell noch Gegenstand der Forschung. „Fatigue kann im Rahmen eines Post-Covid-Syndroms auftreten. Bei den meisten werden die Beschwerden nach einigen Wochen oder Monaten abklingen“, sagt Herzig. Jene Patientinnen und Patienten sind nach Meinung der Neurologin nicht den beiden erklärten Varianten zuzuordnen.

„Es wird aber durchaus Betroffene geben, die eine chronische Fatigue entwickeln, wie wir es nach anderen schweren Infektionen kennen, für die dann das zuvor Berichtete zutrifft“, so Herzig.

Studien zu diesen Fragestellungen laufen, erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass einige Covid-19-Erkrankte sechs Monate nach der Infektion die Kriterien eines CFS erfüllen. An der Berliner Charité wurde für Betroffene eine spezielle Post-Covid-Fatigue Sprechstunde eingerichtet: Ganz unabhängig von der Definition ihrer Beschwerden finden Patienten hier Hilfe, um mit der starken Erschöpfung umzugehen. Auch andere Kliniken haben Post-Covid-Sprechstunden eingerichtet.

RND/dpa

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