Falsche Behandlung: Wenn Ärzte Fehler machen

  • Wie oft es im Klinikalltag zu falschen Behandlungen kommt, lässt sich nur schätzen.
  • Ist es aber zu einem Kunstfehler gekommen, kann der Patient Schadensersatz verlangen.
  • Um sich nicht um die Chance auf Schmerzensgeld zu bringen, sollten Patienten ihre Rechte kennen.
Irene Habich
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Hannover. Es kommt tatsächlich vor, dass Ärzte bei einem chirurgischen Eingriff Tupfer oder gar Operationsbesteck im Körper des Patienten "vergessen". Oft wird das erst Jahre später beim Röntgen entdeckt - weil Betroffene unter Bauchschmerzen unbekannter Ursache leiden. Manchmal operieren Chirurgen sogar an der falschen Stelle: So wurde einer Frau in Österreich vor einigen Jahren das gesunde anstelle des kranken Beins amputiert. Beides sind besonders drastische Beispiele für ärztliche Kunstfehler, klar ist aber auch: Fehler können stets passieren - was für Patienten unangenehme Folgen haben kann. Umso wichtiger ist es, als Patient in solch einem Fall seine Rechte genau zu kennen.

Der Arzt schuldet dem Patienten keinen Heilerfolg

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Wie oft es im Klinikalltag zu falschen Behandlungen kommt, lässt sich nur schätzen. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) hat im "Krankenhaus-Report 2014" eine Hochrechnung dazu veröffentlicht. Sie geht bei rund 19 Millionen Krankenhausbehandlungen pro Jahr von rund 190 000 Behandlungsfehlern jährlich aus, die in einem von tausend Fällen tödliche Folgen haben. Was aber können Patienten oder Angehörige tun, wenn sie glauben, dass ein Arzt Fehler gemacht hat - und wie lässt sich das überhaupt prüfen?

Anja Lehmann ist juristische Beraterin bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). "Zunächst einmal schuldet der Arzt seinem Patienten keinen Heilerfolg. Nur, weil eine Operation nicht erfolgreich war, bedeutet das noch nicht, dass der Arzt einen Fehler gemacht hat", sagt sie. Die Behandlung muss aber nach dem allgemein anerkannten und aktuellen medizinischen Standard durchgeführt werden. Grobe Verstöße gegen die Sorgfaltspflicht - wenn zum Beispiel ein Patient tatsächlich am falschen Fuß operiert wird - sind dabei leicht zu erkennen. In anderen Fällen sind Patienten vielleicht nur misstrauisch, weil Beschwerden fortbestehen oder es ihnen nach einer OP schlechter geht als vorher. "Wenn jemand wegen eines Behandlungsfehlers Schadensersatz oder Schmerzensgeld fordert, muss er aber nicht nur nachweisen können, dass ein Arzt ihn falsch behandelt hat, sondern auch, dass dadurch ein Schaden entstanden ist", sagt Lehmann.

Anspruch auf Schadensersatz: Gutachten liefern kostenlose Einschätzung

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Gesetzlich Versicherte können sich an ihre Krankenkasse wenden, die dann ihren medizinischen Dienst mit einem Gutachten beauftragen kann. Erforderlich ist dafür eine Kopie der Patientenakte sowie eine schriftliche Schilderung des Patienten. Kosten fallen keine an. Auch muss der behandelnde Arzt nichts von diesem Schritt wissen. Es bleibe dem Patienten selbst überlassen, ob er das Gespräch mit ihm sucht. "Viele wollen es jedoch gar nicht, weil sie bereits das Vertrauen in den Arzt verloren haben", sagt Lehmann.

Auch Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern liefern eine kostenlose Einschätzung dazu, ob grundsätzlich Anspruch auf Schadensersatz besteht oder nicht. Diese ist zwar rechtlich nicht bindend, kann aber zum Beispiel als Grundlage für eine außergerichtliche Verhandlung zwischen dem Patienten und der Haftpflichtversicherung des Arztes dienen. Der Arzt muss allerdings damit einverstanden sein, dass Patienten eine Beurteilung der Gutachterkommission anfordern.

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Expertenrat: Auch außergerichtliche Möglichkeiten ausschöpfen

Nach einer Statistik des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) stuft dieser nur etwa 25 Prozent der von ihm geprüften Fälle als Behandlungsfehler ein, die restlichen drei Viertel nicht. Das bedeute aber keinesfalls, dass die Patienten übertreiben, sagt Julika Unger, Beraterin im Referat Gesundheit und Pflege der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. "Es gibt sicher mindestens genauso viele Fälle, in denen ein Behandlungsfehler vorliegt, aber die Patienten erst gar nichts unternehmen. Und damit vergeben sie sich die Chance auf Schmerzensgeld oder Schadensersatz, der ihnen möglicherweise zusteht."

Vor allem, wenn durch den Behandlungsfehler die Berufsfähigkeit eingeschränkt ist, geht es dabei um erhebliche Summen. "Wir raten daher jedem dazu, zumindest die außergerichtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen", sagt Unger. Patienten hätten dabei kaum etwas zu verlieren. Wer mit dem Ergebnis nicht zufrieden sei, könne immer noch einen Anwalt hinzuziehen.

Sandra Leßmann ist als Fachanwältin für Medizinrecht in der Kanzlei Gellner & Collegen tätig und vertritt vor Gericht geschädigte Patienten. Sie weiß, dass Betroffene ohne Rechtsschutzversicherung oft Angst vor den Anwaltskosten haben. "Wir geben daher vorab eine kurze telefonische Einschätzung der Erfolgsaussichten", sagt sie. Leßmann empfiehlt, in jedem Fall einen Fachanwalt für Medizinrecht zu konsultieren, der zudem Spezialist für Arzthaftungsrecht ist. "Es sollte am besten auch jemand sein, der nur auf Patientenseite tätig ist. Wer gleichzeitig große Kliniken vor Gericht vertritt, gerät zu leicht in Interessenkonflikte - man kann nicht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen", betont sie.

Außergerichtliche Hilfe vom Anwalt kann ratsam sein

Auch wenn nicht geklagt wird, kann die Hilfe eines Anwalts hilfreich sein - etwa um mit der Haftpflichtversicherung des Arztes professionell zu verhandeln. Manchmal ist rechtlicher Beistand schon früher nötig, etwa wenn sich Ärzte weigern, die Patientenakte herauszugeben, obwohl sie dazu verpflichtet sind. "Wir können dann auf Herausgabe klagen und haben eine hundertprozentige Aussicht auf Erfolg", sagt Leßmann. Der Patient müsse dann zwar in Vorleistung gehen, im Nachhinein muss aber die Gegenseite die Kosten tragen. Dass Ärzte nicht kooperieren, wenn es um mögliche Fehler geht, komme aber leider sehr häufig vor. Wohl auch, weil diese Probleme mit ihrer Haftpflichtversicherung befürchten, wenn sie Fehler zu schnell zugeben.

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Schuldeingeständnisse seien bei Ärzten selten, wenn es um Behandlungsfehler geht, das kann auch Anja Lehmann von der UPD bestätigen. Dabei klagten Patienten oft erst dann wenn die Ärzte abblocken: "Viele hätten sich einfach nur eine Entschuldigung gewünscht."

Weiße Liste gibt Aufschluss

Das Risiko für Behandlungsfehler ist umso geringer, je mehr Erfahrung ein Arzt oder eine Einrichtung mit einem Eingriff haben. Über das Internetportal "Weiße Liste" finden Patienten Informationen dazu, wie oft eine bestimmte Behandlung in einem Krankenhaus in der Näher schon durchgeführt wurde und wie andere Patienten den Aufenthalt in der Klinik bewertet haben.