Extrakte gegen HI-Viren: Diese Heilpflanzen haben antivirale Wirkstoffe

  • Heilpflanzen mit großem Potenzial gibt es einige – wiederholt für Aufsehen sorgt vor allem die Zistrose.
  • In Laborversuchen konnten Zistrosen-Extrakte HI-Viren ausbremsen.
  • Eine beteiligte Wissenschaftlerin erklärt, was die pinken Pflanzen leisten.
Angela Stoll
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Hannover. Die grau behaarte Zistrose ist eine hübsche Pflanze aus dem Mittelmeerraum. Sie hat eine lange Geschichte als Heilpflanze. In den vergangenen Jahren hat sie wiederholt für Aufsehen gesorgt: Unter anderem konnte das Helmholtz-Zentrum München zeigen, dass Extrakte von Cistus incanus in Zellkulturen gegen HI-Viren aktiv werden. Aus anderen Studien gibt es weitere Hinweise, dass Cistus-Auszüge bei viralen Infektionen helfen. Auch ein Einsatz gegen Coronaviren scheint denkbar. Die Virologin Prof. Ruth Brack-Werner vom Helmholtz-Zentrum München berichtet, was sie bei ihren Experimenten beobachtet hat.

Frau Brack-Werner, welches Potenzial hat die Zistrose?

Zunächst einmal: Ich bin keine Medizinerin, sondern Wissenschaftlerin. Als solche habe ich die antivirale Wirkung der Extrakte gegen HIV und andere behüllte Viren im Labor untersucht. Da haben wir deutliche Effekte gesehen. Daher glaube ich, dass Zistrosen-Extrakte das Potenzial haben zu verhindern, dass behüllte Viren Zellen infizieren.

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Welcher Stoff ist dafür verantwortlich?

Das würden wir auch gern wissen. Ich glaube, dass es nicht ein Stoff, sondern mehrere sind. Wir haben bei unseren Studien festgestellt: Je stärker wir versucht haben, die Substanz einzuengen, umso schlechter wurde die Aktivität. Wir haben auch mehrere Stoffe, die wir in den Extrakten identifiziert hatten, einzeln getestet. Die Effekte waren dann aber geringer als in Kombination.

Auf jeden Fall handelt es sich bei den wirksamen Substanzen um Polyphenole. Das ist allerdings eine große Gruppe von Stoffen.

Also spielen mehrere Substanzen eine Rolle?

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Genau. Es macht ja auch Sinn, da Pflanzen mehrere Stoffe produzieren, um sich in der Natur vor Angreifern zu schützen.

Wirksamkeit von gekauften und selbst gezüchteten Pflanzen untersucht

Wie sah Ihre Studie genau aus?

Mein Schwerpunkt ist die HIV-Forschung. Wir wollten wissen, ob Zistrosen-Extrakte gegen HI-Viren wirken. Dazu haben wir im Labor in Anwesenheit von Zistrosen-Extrakten Zellen mit HIV infiziert. Wir haben dann festgestellt, dass die Infektion blockiert wurde. Dabei haben wir ein spezielles Testverfahren genutzt, das auf HIV-infizierbaren Zellen mit einem Indikator-Gen beruht. Bei HIV-Infektion produzieren die Zellen einen roten Farbstoff. Wenn die Infektion verhindert wird, entsteht weniger oder gar kein Farbstoff. Auf diese Weise haben wir käufliche Präparate und auch Tees von Cistus incanus und andere im Handel befindliche polyphenolreiche Pflanzenextrakte getestet.

Es ist ja eine wichtige Frage, ob die antiviralen Stoffe durch Hitze zerstört werden. Die Tees waren aber genauso effektiv wie die bei Raumtemperatur aufbewahrten Extrakte. Außerdem wollten wir wissen, ob selbst erzeugte Produkte genauso wirksam sind wie gekaufte. Es hätte ja sein können, dass die Hersteller ein spezielles Extraktionsverfahren verwenden. Also haben wir im Labor selber Zistrosen gezüchtet und daraus Extrakte hergestellt. Sie waren genauso wirksam wie die käuflichen.

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Ich könnte also meine eigenen Zistrosen anbauen?

Ja, die kann man kaufen und im Garten ziehen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob die Extraktion außerhalb des Labors ohne Weiteres durchgeführt werden kann. Uns ging es nur darum zu zeigen, dass die Wirksamkeit nicht mit der Präparationsmethode der käuflichen Präparate zusammenhängt – also dass da kein spezielles Verfahren verwendet wurde, was für die Aktivität wichtig wäre.

Sind die Zistrosen-Präparate dann tatsächlich im Kampf gegen HIV angewandt worden?

Soweit ich weiß, nicht.

Antivirale Wirkung: HI-Viren eine andere Hülle geben

Wie erklären Sie sich die antivirale Wirkung der Extrakte?

In weiteren Experimenten haben wir zeigen können, dass sie die Viruspartikel daran hindern, an die Zelle anzudocken. Wir gehen davon aus, dass die Extrakte die Virenhülle in einer Art verändern, dass die Erreger nicht mehr infektiös sind. Außerdem wollten wir wissen, ob die Wirkung nur auf HIV beschränkt ist. Dazu haben wir ein Verfahren angewandt, das man Pseudotypisierung nennt.

Man kann Viren wie HIV nämlich eine andere Hülle geben. Sie haben also zum Beispiel einen HIV-Kern und eine Hülle mit Proteinen einer anderen Virusfamilie. In unserem Fall haben wir Hüllproteine von Filoviren verwendet. Das ist eine Virenfamilie, zu der zum Beispiel Ebola- und Marburgviren gehören. Wir haben gezeigt, dass wir auch die Infektion mit diesen Pseudotypen hemmen können. Daraus schließen wir, dass die antivirale Aktivität nicht auf HIV beschränkt ist.

Kann man davon ausgehen, dass die Extrakte dann auch gegen echte Ebolaviren aktiv werden?

Zumindest ist das eine Basis dafür, diese Frage weiter zu untersuchen.

Könnten die Auszüge auch gegen andere behüllte Viren wie das neue Coronavirus wirken?

Ich halte es für denkbar. Derzeit untersuchen wir in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, ob man die Infektion mit Coronaviren in Zellkulturen durch Zistrosen-Extrakte hemmen kann. Mehr kann ich momentan nicht dazu sagen.

Vergangene Studie ließ auf Wirkung schließen

Wie kamen Sie auf diese Pflanze?

Wir haben zwei Jahre vorher eine Arbeit publiziert, wo wir einen ähnlichen Effekt für Pelargonium sidoides, die Kapland-Pelargonie, gezeigt haben. Auch da haben wir gezeigt, dass angereicherte Polyphenole wichtig sind für die Aktivität. Und dann haben wir uns gefragt: Was gibt es denn noch für medizinische Pflanzen, die reich an Polyphenolen sind? So sind wir auf die Zistrose gekommen.

Gibt es noch weitere Pflanzen dieser Art?

Ja, es gibt weitere polyphenolreiche Pflanzen. Aber die beiden Pflanzen, die wir für unsere Studien gewählt haben, sind sehr gut untersucht.

Kann man davon ausgehen, dass Zistrosen- und Pelargonium-Extrakte ähnlich wirken?

Ja.

Zistrosen beim Anflug einer Erkältung

Es gibt viele Pflanzen, die antivirale Inhaltsstoffe haben sollen, etwa Kapuzinerkresse, Meerrettich, Schwarze Johannisbeere oder Ingwer.

Sie haben recht, es gibt sehr viele. Für unsere Forschung war uns wichtig, etwas zu untersuchen, was kommerziell erhältlich ist und wozu es klinische Studien in Bezug auf Sicherheit gibt. Deshalb haben wir uns auf diese beiden Pflanzenextrakte konzentriert. Es geht uns nicht darum, möglichst viele Pflanzen durchzutesten, sondern sie müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, es musste sich also um Phytomedizin handeln.

Tun Sie etwas, um Ihr Immunsystem zu stärken?

Ja, ich achte auf gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung. Ich möchte anmerken, dass die von uns beschriebene antivirale Wirkung der Zistrosen- und Pelargonien-Extrakte auf einem direkten Angriff auf die Viruspartikel beruht und nicht auf der indirekten Stärkung des Immunsystems. Ich persönlich nehme Zistrosen- beziehungsweise Pelargonium-Präparate beim ersten Auftreten von Erkältungssymptomen ein und setze die Einnahme bis Ende der Symptomatik fort.

Zur Person: Die Biologin Prof. Dr. Ruth Brack-Werner forscht seit 1989 am Helmholtz-Zentrum München. Im Jahr 2007 wurde sie zur außerplanmäßigen Professorin der Ludwig-Maximilians-Universität München ernannt. Unter anderem arbeitet sie daran, neue Strategien im Kampf gegen den Aids-Erreger HIV zu entwickeln. © Quelle: Sabine Maier

Weitere Pflanzen mit antiviralen Wirkstoffen

Kapuzinerkresse: Senföle und andere Inhaltsstoffe der bunten Gartenblume hemmen das Wachstum von Bakterien, Viren und Pilzen. Ähnlich wirksam ist Meerrettich, der ebenfalls reichlich Senföle enthält. Ein Präparat, das Senföle beider Pflanzen enthält, wird bei Erkältungen und Blasenentzündungen eingesetzt. Zur Wirksamkeit gibt es mehrere Studien.

Salbei: Die altbewährte Heil- und Gewürzpflanze hat viele unterschiedliche Eigenschaften. Die Blätter enthalten ätherisches Öl, Flavonoide sowie Gerb- und Bitterstoffe, die antientzündlich, antibakteriell und antiviral wirken. Ein Aufguss zum Gurgeln hat sich zum Beispiel als Mittel gegen Halsschmerzen bewährt.

Oregano: Der “wilde Majoran” enthält ätherische Öle sowie Bitter- und Gerbstoffe. Früher wurde die Gewürzpflanze als Allroundmittel verwendet, das gegen fast alle Beschwerden helfen sollte: angefangen von Erkältungen bis zu Verdauungsproblemen. Auch heute wird Oreganoöl als pflanzliches Antibiotikum beworben. In Laborversuchen zeigte sich, dass der Inhaltsstoff Carvacrol Herpes- und andere Viren bekämpft.

Zitronenmelisse: Melissentee ist wegen seiner beruhigenden Wirkung vor allem als Schlaftee bekannt. Die Pflanze hat unter anderem auch antivirale Eigenschaften: Eine Creme mit Melissenblätterextrakt wird äußerlich zur Behandlung von Lippenherpes eingesetzt.


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