Coronavirus: Erste Verdachtsfälle in Schottland und Frankreich

  • Erst heute wurde die komplette chinesische Metropole Wuhan mit elf Millionen Einwohnern abgeriegelt.
  • Nun tauchen auch in Europa die ersten Verdachtsfälle auf den Coronavirus auf.
  • Alle Betroffenen haben sich innerhalb der letzten 14 Tage in Wuhan aufgehalten.
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Edinburgh/Paris/Peking. In China ist die Zahl der am Coronavirus Erkrankten auf über 600 gestiegen. Nachweisliche Todesursache war das Virus bisher bei 17 Menschen – zumeist ältere mit Vorerkrankungen. Nun könnten auch die ersten Fälle in Europa aufgetaucht sein (Stand: 23.01.2020).

Nach Berichten der schottischen BBC gibt es inzwischen vier Verdachtsfälle in Schottland, die Symptome einen möglichen Coronavirus-Erkrankung aufwiesen. Die Betroffenen waren innerhalb der letzten zwei Wochen in Wuhan, dem Epizentrum des Ausbruchs. Dieser Zeitraum entspricht der Inkubationszeit des Virus. Die Patienten befinden sich aktuell in Krankenhäusern in Edinburgh und Glasgow und werden auf die Lungenkrankheit getestet.

Gegenüber BBC sagte Professor Jürgen Haas, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Universität von Edinburgh, dass ein Ausbruch des Coronavirus in Großbritannien „sehr wahrscheinlich" war. „In allen europäischen Staaten besteht die Gefahr, dass diese Krankheit auftritt", ergänzte Haas. Allein an der Universität Edinburgh gebe es mehr als 2000 chinesischer Studenten, die ständig zwischen China und Schottland hin- und herreisten.

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Erster Coronavirus-Verdachtsfall auch in Frankreich

In Frankreich teilte die chinesische Botschaft mit, dass eine Frau mit entsprechenden Symptomen aus Wuhan zurückgekehrt sei. Es seien in der Botschaft mehrere Anrufe und Hinweise dazu eingegangen. In einem sozialen Netzwerk hatte die Frau erzählt, wie sie Fieber und Husten mit Medikamenten unterdrückte, um so die Flughafenkontrollen zu passieren und nach Frankreich einzureisen. Auch bei ihr muss jetzt untersucht werden, ob es sich tatsächlich um das Coronavirus handelt.

Air France hat seine Direktverbindungen nach Wuhan eingestellt. Die französische Fluggesellschaft fürchtet eine weitere Ausbreitung des neuen Coronavirus. Die Airline halte sich damit an von Behörden wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Maßnahmen, teilte Air France mit. Ein vorerst letzter Direktflug aus Wuhan sollte am Donnerstag noch am Pariser Flughafen Charles de Gaulle ankommen.

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Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron tauschte sich mit seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping über die Lage aus, wie der Élyséepalast mitteilte. Macron habe in einem Telefonat am Mittwochabend Unterstützung zugesagt, hieß es in der Mitteilung.

Millionenstädte in China abgeriegelt

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In der am stärksten betroffenen Provinz Hubei riegelten Behörden drei Städte mit Millionen von Einwohnern ab. In einer beispiellosen Aktion schottet China wegen der dort kursierenden Lungenkrankheit die 11-Millionen-Metropole Wuhan ab. Flüge, Zügen, Fähren, Fernbusse und der öffentliche Nahverkehr gestoppt, die Ausfallstraßen wurden nach und nach gesperrt. Zudem sollen in der Öffentlichkeit Schutzmasken getragen werden - bei Nichteinhaltung drohen Strafen. Rasch waren Straßen, Märkte und Einkaufszentren wie leergefegt. Etliche Besucher konnten die Stadt vorerst nicht mehr verlassen.

Wenige Stunden später folgten Restriktionen weitere Millionenstädte: In der 75 Kilometer östlich gelegenen 7-Millionen-Stadt Huanggang sollte der öffentliche Verkehr von Mitternacht an gestoppt werden, Menschen sollen die Stadt nicht mehr verlassen, wie die Stadtregierung mitteilte. Ähnliche Restriktionen gelten für die benachbarte Stadt Ezhou mit einer Million und für die Stadt Chibi mit einer halben Million Einwohnern.

Insgesamt sind von den Einschränkungen und 20 Millionen Menschen betroffen – eine beispiellose Maßnahme. „Das ist einmalig in der neueren Geschichte", sagt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Auch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist nach Angaben eines Sprechers kein vergleichbarer Fall bekannt.

Rund 100 Deutsche in betroffener Region

Von der Abriegelung sind nach einem Bericht der Bild-Zeitung auch etwa 100 Deutsche betroffen, die sich aktuell in der Provinz Hubei aufhalten. Das Auswärtigen Amt sagte gegenüber Bild: „In unserer Krisenvorsorgeliste, in die man sich freiwillig eintragen kann, sind für die gesamte Provinz Hubei um die 100 Deutsche mit ständigem Wohnsitz registriert. Es lässt sich aber derzeit nicht sagen, wie viele dieser Deutschen sich jetzt während der Feiertage tatsächlich in Wuhan aufhalten.“ Unter den Erkrankten sollen sich jedoch keine Deutschen befinden.

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Experten schätzen Gefahr als eher gering ein

Experten sehen das neue Virus aber weiter als eher harmlos an. Es handele sich um einen kaum ansteckenden Erreger. Die meisten Fälle beträfen nach wie vor Wuhan, das Virus habe sich nicht sehr stark ausgebreitet, sagte der Hamburger Virologe Schmidt-Chanasit. Zudem habe sich kaum Krankenhauspersonal angesteckt, und auch bei den Fällen in anderen Ländern habe es bisher keine Übertragung auf weitere Menschen gegeben. „Vielfach geht das Virus höchstens auf einen weiteren Menschen über, dann läuft sich die Infektion tot“, erklärte er.

Auch nach WHO-Informationen haben sich Menschen bislang nur bei engem Kontakt mit Infizierten angesteckt, in der Familie oder in Praxen und Gesundheitszentren. Das Virus sei zudem bislang stabil und es seien keine Mutationen beobachtet worden, sagte Michael Ryan, Direktor der WHO-Notfallprogramms. Coronaviren gelten als sehr anpassungsfähig und wandelbar - Veränderungen im Erbgut könnten das neue Virus gefährlicher und ansteckender machen.

Immer mehr bestätigte Fälle im asiatischen Raum

Auch in den Staaten rund um China werden vereinzelt bestätigte Fälle des Coronavirus bekannt. Erst kürzlich wurde ein Fall der Lungenkrankheit in Singapur nachgewiesen. Das Gesundheitsministerium bestätigte am Donnerstag, dass ein 66 Jahre alter Mann aus dem chinesischen Wuhan nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert ist. Der Mann sei am Montag mit seiner Familie in Singapur angekommen und befinde sich derzeit in einem Isolationszimmer eines örtlichen Krankenhauses.

Sein Zustand sei stabil, teilte das Ministerium weiter mit. Zudem seien die Gesundheitsbehörden über einen Verdachtsfall informiert worden. Eine 53 Jahre alte Frau - ebenfalls aus Wuhan – sei zunächst positiv auf den Erreger getestet worden. Auch ihr Zustand sei stabil. Eine endgültige Bestätigung, ob es sich tatsächlich um das Coronavirus handelt, stehe aber noch aus.

Ausbreitungsgefahr durch Chinesisches Neujahrsfest

Mit der Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest am kommenden Samstag wächst die Gefahr einer Ausbreitung der Viruskrankheit. Bei der größten jährlichen Reisewelle des Landes sind einige Hundert Millionen Chinesen unterwegs. In Peking wurde aus Angst vor dem Virus alle größeren Veranstaltungen und Tempelfeste anlässlich des Neujahrsfestes gestrichen.

Mit dpa

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