Mögliches Ende der Corona-Maßnahmen: Warum nicht einfach das Virus laufen lassen?

  • Nachdem KBV-Chef Andreas Gassen einen Freedom Day gefordert hat, diskutiert Deutschland über das Ende aller Corona-Maßnahmen.
  • Europäische Nachbarn wie Großbritannien und Dänemark gehen diesen Weg bereits.
  • Wieso sprechen sich Fachleute hierzulande gegen so eine Strategie aus?
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Deutschland debattiert wieder über Corona-Maßnahmen. So fordert Kassenärztechef Andreas Gassen die Aufhebung aller Beschränkungen zum 30. Oktober. Das Datum gebe jedem, der es wolle, genug Zeit, um sich noch impfen zu lassen. Also brauche es jetzt eine klare Ansage der Politik. „In sechs Wochen ist auch bei uns Freedom Day!“, sagte der KBV-Chef der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er sei zuversichtlich, durch die Ankündigung rasch eine Impfquote von 70 Prozent zu erreichen.

Prompt kommt Gegenwind von Gesundheitsexpertinnen und -experten aus Politik und Ärzteschaft. Die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) hält ein Ende der Corona-Maßnahmen „noch für zu leichtsinnig“. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz warnt vor zu schnellen Lockerungen. Kopfschütteln auch von Karl Lauterbach. Sars-CoV-2 besiege man nicht mit der „Brechstange“, twitterte der Epidemiologe.

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Vorbilder Dänemark und Großbritannien?

Anlass für die KBV-Forderung sind Corona-Strategien anderer europäischer Länder. Großbritannien hat bereits Mitte Juli eine konsequente Öffnungsstrategie mit einem Freedom Day eingeläutet. Zunächst gingen die Fallzahlen dort zurück, stiegen ab August jedoch wieder kontinuierlich an. Auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen und Toten ging dann wieder hoch – allerdings weniger stark als noch im vergangenen Winter. Im August und September wurden regelmäßig mehr als 100 Tote am Tag gemeldet – der höchste Stand seit März. Inzwischen haben in Großbritannien rund 73 Prozent der Erwachsenen eine erste Impfdosis erhalten, rund 67 Prozent sind vollständig geimpft.

Auch in Dänemark wird wieder in großem Stil gefeiert. Dort haben 75 Prozent der Menschen vollständigen Impfschutz. Den Nachweis über Impfung, Genesung oder negativen Test braucht es dort nicht mehr, auch nicht bei Großveranstaltungen mit Zehntausenden Zuschauerinnen und Zuschauern. Und in den Niederlanden sollen ab kommender Woche die Abstandsregeln wegfallen. Der Impfnachweis muss dort aber noch vorgezeigt werden, in Bussen und Bahnen weiter Maske getragen, Arbeitnehmende müssen zum Homeoffice aufgefordert werden. Rund 63 Prozent der Menschen sind dort vollständig geimpft, 70 Prozent mit erster Dosis versorgt.

Abschied vom Lockdown: neue Strategie auch in Deutschland

Und Deutschland? Setzt im öffentlichen Bereich auf 3 G, zunehmend auch 2 G. Abstandsregeln und Maske tragen, Quarantäne für Infizierte wie auch enge Kontakte bleiben bislang ebenfalls Standard. Im Vergleich zum vergangenen Herbst vollzieht also auch Deutschland gerade einen Strategiewechsel – wenn auch schleichender als Großbritannien.

Am deutlichsten zeigt sich das im neuen Stufenkonzept des RKI, das den Bundesländern vorliegt. Ein Lockdown wie im vergangenen Winter ist demzufolge keine wahrscheinliche Option. Zwar müsse das Infektionsgeschehen weiterhin durch Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden – „allerdings eher mit individuellen Maßnahmen als mit Schließungen von Einrichtungen oder Einschränkungen ganzer Gesellschaftsbereiche“, heißt es in einem Strategiepapier.

Dass es in Deutschland in diesem Herbst aber wohl kein Ende aller Maßnahmen gibt, hat mit der ansteckenderen Delta-Variante im Zusammenspiel mit der vergleichsweise niedrigen Impfquote zu tun. Hierzulande haben 63 Prozent der Menschen einen vollständigen Impfschutz, 67 Prozent eine erste Dosis erhalten (Stand: 20. September). Unter den über 60-Jährigen, die ein erhöhtes Risiko für schweres Covid-19 haben, sind 17 Prozent noch nicht geschützt. Aber auch bei den 18- bis 59-Jährigen gibt es noch große Impflücken. Rund 68 Prozent sind in dieser Altersgruppe vollständig geimpft. Bei den Zwölf- bis 17-Jährigen haben erst 29 Prozent den Impfschutz.

Impfquote statt festes Datum als Kennzahl für Maßnahmenende

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Aktualisierte Modellierungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass Gassens Forderung nach einem Freedom Day nach britischem Vorbild nur aufgehen könnte, wenn mindestens 85 Prozent der Menschen vollständig geimpft sind. Erst dann könnte eine starke vierte Welle mit der Delta-Variante vermieden werden.

„Die Modellierungen des Robert Koch-Instituts und anderer zeigen klar, dass bei Beendigung aller Schutzmaßnahmen eine ganz erhebliche Zunahme der Infektionen mit den bekannten Folgen für Erkrankte und das Gesundheitssystem anstehen würde – die Impfquote ist noch zu niedrig, um dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verhindern“, erklärte auch Hajo Zeeb, Professor für Epidemiologie am Leibniz-Institut für Präventionsforschung, gegenüber dem Science Media Center (SMC).

Die große Hoffnung: Sind fast alle Menschen geimpft oder genesen, tritt die sogenannte endemische Phase ein, die Pandemie wäre dann unter Kontrolle. Das heißt: Größere Ausbrüche und viele schwere Krankheitsfälle kämen dann nur noch selten vor. In diesem Herbst wird dieser Zustand in Deutschland allerdings nicht erreicht sein, „weil die erwartbaren Impfquoten insbesondere unter den jüngeren Erwachsenen hierzu noch nicht ausreichen“, heißt es im RKI-Strategiepapier.

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Bei der Strategie, Maßnahmen beizubehalten und möglichst niedrige Fallzahlen anzustreben, geht es also darum, Zeit zu gewinnen. Wieso sich das lohnen könnte? Etwa, um Menschen vor schwerer Erkrankung, Spätfolgen und Tod zu bewahren, solange der endemische Zustand nicht erreicht ist. Oder um das Gesundheitswesen nicht schon wieder an seine Grenzen zu bringen.

Auch könnten in dieser Zeit insbesondere die 18- bis 59-Jährigen zeitnah zum Impfen bewegt werden. Währenddessen könnte auch die Zulassung von Impfstoffen für die unter Zwölfjährigen und die Entwicklung von Medikamenten vorangetrieben werden und die langfristigen Gefahren durch Covid-19 wie Long Covid besser verstanden werden. Darüber hinaus könnte das Risiko gesenkt werden, dass neue Varianten entstehen, die noch übertragbarer sind und die Impfstoffe weniger wirksam machen. Denn hohe Fallzahlen begünstigen das.

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