60.000 Fans beim EM-Finale in London: Ist das Corona-Ansteckungsrisiko zu hoch?

  • Voll ausgelastete Stadien und große Fanmeilen: Corona-Expertinnen und Experten sind skeptisch, ob die Fußball-EM bei gleichzeitiger Ausbreitung der Deltavariante eine gute Idee ist.
  • Zwar sinkt das Ansteckungsrisiko im Freien, Hygienekonzepte und Impfungen schützen.
  • Aber eine neue Studie zeigt, womit Infektionen nach dem Stadionbesuch zusammenhängen könnten.
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Mehr als 60.000 Fans dürfen bei den Halbfinals und dem Endspiel der Fußball-Europameisterschaft teilnehmen. Darauf haben sich die britische Regierung und die Europäische Fußball-Union Uefa geinigt. Das Wembley-Stadion in London soll zu 75 Prozent ausgelastet werden können. Und das, obwohl Großbritannien das Land in der EU ist, in dem sich die besorgniserregende Deltavariante bereits fast komplett in der Bevölkerung durchgesetzt hat. Und obwohl die Variante in Deutschland weiter auf dem Vormarsch ist.

Schon seit Beginn der EM sind europaweit wieder mitfiebernde und ausgelassene Fangemeinden zu sehen. Und auf dem Weg zu den Sportstätten, wie eindrucksvoll etwa auf der Fanmeile in der ungarischen Hauptstadt Budapest zu beobachten war, feiernde Menschenmengen. Teils mit Abstand und Maske, oft aber auch ohne. Auch in München sind rund 14.000 Gäste im Stadion erlaubt. Laut DFB müssen sie einen negativen Test oder einen Impfnachweis vorweisen, am Sitzplatz gilt eine Maskenpflicht.

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Mitte Juni 2021 birgt das internationale Großevent dank weitaus mehr Erkenntnissen zum Virus, fortschreitender Impfungen, Test- und Hygienekonzepte sowie sinkender Inzidenzen in vielen teilnehmenden Ländern zwar weniger Infektionsrisiken als noch vor einem Jahr. Die Inzidenz hierzulande liegt diese Woche bei acht und damit auf einem so niedrigen Niveau wie lange nicht mehr.

Allerdings nimmt der Anteil der Virusvariante Delta stetig zu, in der ersten Juniwoche lag er bei 6 Prozent – Tendenz steigend. Und in Großbritannien, ebenfalls Austragungsort der EM, zeigt sich die Infektionslage bereits weit dramatischer.

EM fällt in eine Zeit, in der sich neue Virusvarianten ausbreiten

Corona ist also nicht weg, auch nicht bei Fußballspielen. Daran erinnern nicht zuletzt nachgewiesene Infektionen bei Spielern, auch gleich zu Beginn der EM, etwa in der spanischen und schwedischen Mannschaft. Und die Lage in Großbritannien zeigt aktuell beispielhaft, wie schnell die pandemische Lage weiterhin kippen kann – trotz Impffortschritt.

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Wie schnell es zu großen Ausbrüchen mit europaweit vielen Fällen durch nur ein Zusammentreffen kommen kann, hat vergangenes Jahr Ischgl gezeigt. Sogenannte Superspreading-Ereignisse, bei denen sich viele Menschen auf einmal anstecken, können immer noch passieren – wenngleich auch sie weniger wahrscheinlich sind, weil man inzwischen viel dazugelernt hat.

Große Fußball-Events bräuchten mehr Geimpfte

Corona-Expertinnen und Experten sind deshalb wegen des bevorstehenden Finales in Großbritannien in Sorge. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich zuletzt gegenüber dem RND gegen Halbfinalbegegnungen und ein Endspiel in London aus. Er riet deutschen Fans zudem, nicht nach London zu reisen. „Wer nach Großbritannien fährt, läuft Gefahr, sich mit der Deltavariante zu infizieren“, sagte Montgomery. „Ich halte das sogar für Geimpfte für verantwortungslos.“ Immerhin stellten auch sie mögliche Überträger des Virus dar. Darüber hinaus sei unklar, wie konsequent die Quarantänevorschriften eingehalten würden.

Thorsten Lehr, Professor an der Universität des Saarlandes und Entwickler eines mathematischen Modells zu Vorhersagen der Corona-Infektionslage, ist sich sicher: „Die Deltavariante wird sich in Deutschland ausbreiten und dominieren, unabhängig von der Fußball-EM. Allerdings wird die Ausbreitung beschleunigt, wenn viele Fans nach London reisen.“ Vor allem Jüngere, die noch nicht oder bislang einfach geimpft sind, sieht Lehr in Gefahr. „Nur eine vollständige Immunisierung hilft im Kampf gegen die Deltavariante“, sagte er dem RND. „Außerdem gelten Vorsichtsmaßnahmen wie Abstandhalten oder Händewaschen weiterhin.“

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Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung kritisierte bereits vor dem EM-Startschuss, dass die Ausrichtung der Fußballspiele aktuell nicht die höchste Priorität haben sollte. „Ach ja, die Fußballspiele. Haben wir keine anderen Sorgen?“, sagte die Corona-Expertin Anfang Juni im Interview mit der „Rheinischen Post.“ Sie fände es deutlich wichtiger, „dass Kinder wieder in die Schule und zum Sport gehen können, Menschen ihre Jobs nicht verlieren und wir bei sozialen Benachteiligungen und Bildungslücken gegensteuern“.

Fußballspiele fänden zwar draußen statt und es ginge mit dem Impfen voran. „Doch sinnvoller wäre es gewesen, erst beim Impfen weiter Tempo zu machen“, sagte Virologin Brinkmann damals. Auch wenn die Impfstofflieferungen hoffentlich bald zunähmen, müsse noch viel Energie investiert werden, mehr Menschen von der Impfung zu überzeugen.

Studie: Höheres Infektionsrisiko nach Stadionbesuchen ohne Maske

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Es gibt auch eine neue Datenanalyse zu Auswirkungen von Ansteckungen in Stadien auf die Infektionsdynamik in Deutschland. Forschende des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und der Universität Sonderburg in Dänemark haben dafür Bundesliga-Spiele der ersten, zweiten und dritten Liga von 2020 genauer unter die Lupe genommen.

Dafür wurde die lokale Infektionsentwicklung in den Landkreisen, in denen ein Profifußballspiel mit mindestens 1000 Zuschauerinnen und Zuschauern stattfand, mit der Entwicklung in Landkreisen, in denen keine Profimannschaften beheimatet sind, verglichen. Die Ergebnisse werden nach eigenen Angaben in der Fachzeitschrift „The Econometrics Journal“ veröffentlicht. Laut zugehöriger Pressemitteilung kam bei der Analyse heraus:

  • Bei einer Gesamtbetrachtung aller Ligen seien keine signifikanten Auswirkungen der Spiele auf das Infektionsgeschehen festgestellt worden.
  • Dies ändert sich allerdings, wenn nur die Spiele der ersten Bundesliga – und mit höheren Zuschauerzahlen – betrachtet werden: Diese Spiele haben zu einer statistisch signifikant höheren Infektionsdynamik geführt.
  • Im Durchschnitt führten Erstligaspiele an den ersten beiden Spieltagen zu 0,6 Infektionen mehr pro 100.000 Einwohner pro Tag. Dies entspricht im betrachteten Zeitraum einem lokalen Anstieg der Infektionsraten um etwa 7 bis 8 Prozent.
  • Der Effekt sei auf die Spiele zurückzuführen, bei denen Masken lediglich auf den Wegen zum Platz getragen werden mussten. Spiele mit strenger Maskenpflicht, also permanenter Tragepflicht auch am zugewiesenen Platz, haben der Studie zufolge nicht zu höheren Infektionszahlen geführt.

„Die Studie deutet darauf hin, dass Sportveranstaltungen mit vielen Zuschauern ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellen, wenn im Stadion keine konsequente Maskenpflicht gilt“, wird Studienautor Philipp Breidenbach, stellvertretender Leiter des Forschungsdatenzentrums Ruhr am RWI, in der Mitteilung zitiert. „Gute Hygienekonzepte im Stadion scheinen das Risiko wirksam zu reduzieren, zumindest bei Spielen mit begrenzter Zuschauerzahl.“

Corona-Ansteckungsrisiko im Freien?

Wie hoch das Infektionsrisiko beim EM-Finale dann im Einzelnen ist, hängt also auch vom konkreten Verhalten der Zuschauer und Zuschauerinnen ab. Zuträglich ist, dass anders als bei einem Indoor-Konzert das Mitfiebern wie auf der Fanmeile in Budapest oder im Stadion im Freien stattfindet. Und Corona wird bekanntermaßen über Tröpfchen und Aerosole übertragen, ein effektiver Luftaustausch kann die Aerosolkonzentration in der Luft vermindern. Das Ansteckungsrisiko an der frischen Luft ist im Gegensatz zu Zusammenkünften in Innenräumen also sehr viel geringer.

„Übertragungen im Außenbereich kommen insgesamt selten vor und haben einen geringen Anteil am gesamten Transmissionsgeschehen“, resümiert das Robert Koch-Institut die Studienlage. Die Übertragungswahrscheinlichkeit im Außenbereich sei aufgrund der Luftbewegung sehr gering.

Allerdings gibt es dabei eine zentrale Voraussetzung, die gerade beim ausgelassenen Feiern in der Fußball-Fangemeinde zur Herausforderung wird: Die Wahrung des Mindestabstandes von anderthalb Metern. Sonst können nämlich auch draußen noch größere und infektiöse Virenpartikel übertragen werden – vor allem beim lauten Sprechen, Schreien und Singen. Kommt es zum näheren Kontakt, bleibt vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die Studienergebnisse des RWI das Tragen der Maske relevant.

Wir haben diesen Text am 23. Juni 2021 aktualisiert.

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