• Startseite
  • Gesundheit
  • Ein Landarzt erzählt vom kräftezehrenden Coronaalltag: “Wir löschen die Virusbrände”

Ein Landarzt erzählt vom kräftezehrenden Coronaalltag: “Wir löschen die Virusbrände”

  • Hausärzte sind während der Coronavirus-Pandemie die erste Anlaufstelle für Menschen, die infiziert sein könnten.
  • Im Protokoll erzählt Landarzt Thomas Carl Stiller vom veränderten Praxisalltag.
  • Seine größte Sorge: Schutzkleidung, Desinfektionsmittel und Testkits werden knapp.
|
Anzeige
Anzeige

Thomas Carl Stiller betreibt eine Landarztpraxis an zwei Standorten im niedersächsischen Adelebsen und Volpriehausen nahe Göttingen. Er ist Allgemeinmediziner und Notfallarzt, betreut rund 3000 Patienten im Quartal. Als diese Woche der erste positiv getestete Covid-19-Fall unter seinen eigenen Patienten bestätigt wurde, sei die Aufregung im Dorf groß gewesen, berichtet Stiller.

Am selben Tag seien viele Lebensmittel in den Supermärkten in der Nähe ausverkauft gewesen. Auch er und seine Mitarbeiter seien auf das Virus getestet worden. Das Ergebnis, nach 24 Stunden in Quarantäne: negativ. Im Protokoll erzählt der 50-Jährige, wie die Coronaviruslage in Deutschland seinen Alltag als Hausarzt derzeit fordert, worum er sich sorgt und wieso er sich manchmal allein gelassen fühlt.

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen
Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

“Seit vierzehn Jahren bin ich Landarzt und habe schon einiges erlebt. Aber was seit dem Coronavirusausbruch in Deutschland passiert, das ist schon außergewöhnlich. Auch ich denke viel darüber nach, was das jetzt für mich bedeutet. Wenn das Coronavirus mich erwischt, wer lässt dann die Praxis laufen?

Gerade wir Hausärzte stehen in vorderster Kontaktlinie zu Patienten. Wir sind quasi die Virusfeuerwehr. Wir löschen die Virusbrände, weil wir die Menschen untersuchen, krank schreiben, Notfälle weitergeben. Wo sollen die Menschen auf dem Land, wenn sie älter sind und nicht so mobil denn sonst bei einem Verdacht hingehen? Seit kurzem können wir begründete Verdachtsfälle auch zu Testzentren schicken. Das wird sicher Entlastung bringen.

Anzeige

Vor sechs Wochen dachten wir noch: Das ist alles meilenweit weg. Wir haben dieses Ausmaß nicht erwartet. Als es akuter wurde, habe ich dann zum ersten Mal Patienten mit Grippesymptomen auf ihre Urlaubsreisen angesprochen. Ach, Sie waren in Italien? Eigentlich müsste ich Sie in Quarantäne setzen, habe ich noch scherzend zu einem Patienten gesagt. Der war da schon richtig erbost.

Und heute? Da könnte es bei einer strengen Anamnese jeder Zweite sein. Es gibt ja keine spezifischen Symptome, die eindeutig auf das Coronavirus hinweisen. Je mehr Menschen aus dem Urlaub zurückkommen oder sich irgendwo anders anstecken, umso schlimmer wird es.

Anzeige

Reicht die Schutzausrüstung in den Hausarztpraxen?

Die Fallmeldungen gehen dann exponentiell nach oben. Das ist zwar infektionsbiologische Realität, aber die vielen Fälle lösen mediale Hysterie aus. Die sollte auch vermieden werden. Dafür brauchen wir dann Maßnahmen, die unser Sozialleben zeitweise einschränken, um Infektionsketten zu unterbrechen.

Betreibt eine hausärztliche Praxis in Niedersachsen: Allgemeinmediziner und Notfallarzt Thomas Carl Stiller. © Quelle: Privat


Als sich die Epidemie abzeichnete, waren die Schutzausrüstungen bereits vergriffen. Auch die Räumlichkeiten in der Praxis müssten zum Minimieren des Ansteckungsrisikos eigentlich viel größer sein. Eigentlich müssten wir zwei Eingänge haben und noch einen Quarantäneraum. Das hat aber niemand. Wir versuchen, diejenigen, die mit einem Coronaverdacht anrufen, ans Ende der Sprechstunden zu legen und möglichst jetzt alles telefonisch zu lösen. Krankschreibungen bei symptomatischen Patienten können jetzt auch telefonisch abgeklärt werden.

Anzeige

Ich habe mich allein gelassen gefühlt von der Politik und den verantwortlichen Behörden. Das Gesundheitsamt sagte mir, ohne die Hausärzte würden sie das alles gar nicht schaffen. Die sind auch komplett überfordert. Jeden Tag rufen dort Arztpraxen an, die ihre Patienten auf das Coronavirus nicht mehr überprüfen wollen, weil ihnen die Schutzkleidung fehlt. Wir Ärzte lassen dieses Land aber nicht im Stich, und wollen ja behandeln. Sonst bräche das ganze Gesundheitssystem auseinander.

Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus

Meine Mitarbeiter gucken schon komisch. Natürlich haben wir Angst. Wenn sich meine Kollegin morgen krank meldet, stehe ich da an zwei Standorten, ganz allein, bis 22 Uhr, bis ich auch irgendwann nicht mehr kann. Noch habe ich Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel in der Praxis. Noch reicht es, vielleicht kommen wir hin. Mein Apotheker am Ort sagte mir, er könnte Desinfektionsmittel herstellen, hätte aber keine Materialien, aufgrund eines Mangels an den Grundstoffen.

Wir sind ein wichtiger Teil des Gesundheitssystems mit einem klaren Versorgungsauftrag. Wir mühen uns jeden Tag ab, wollen nicht ausfallen, dürfen jetzt nicht ausfallen, wollen die Menschen nicht hängen lassen bei ihren Sorgen und Nöten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Hausärzte sicher und motiviert an die Herausforderungen durch das Coronavirus herangehen. Aber um das zu leisten, brauchen wir Basisschutz. Und der scheint in ganz Deutschland nicht gewährleistet zu sein, weil man im Grunde nicht daran gedacht hat, dass es noch zu Pandemien kommen kann.

Anzeige

Da muss die Regierung doch einmal sensibel auf die Akteure im Gesundheitswesen zugehen und sagen: Wir wissen, es wird knapp mit der Schutzausrüstung. Aber wir führen jetzt sofort Kontingente ein. Wir verteilen. Die Regierung hat sich im Vorfeld keine Gedanken darüber gemacht, wie das alles funktionieren soll. Und der Gesundheitsminister sagt weiterhin: Wir haben alles unter Kontrolle.

Testzentren in den Städten erreichen nicht die Landbevölkerung

Göttingen hat gerade ein zentrales Testzentrum für alle Verdachtspatienten eröffnet. Die Ärzte können dort freiwillig in Schutzausrüstung mitarbeiten, die Patienten müssten dafür in die Stadt kommen. Ich habe auch Kontakt zu einer Internetfirma, die anbietet, dass wir Patienten einen Online-Fragebogen nach Hause schicken. Die senden uns den dann zurück und wir können schauen, ob ein Abstrich auf Covid-19 sinnvoll ist. Das klappt ganz gut bei 30-Jährigen. Die Älteren über 70 Jahren erreicht man mit so einer Maßnahme aber nicht. Und genau das sind die Gefährdeten.

In ländlichen Regionen sind ältere Patienten oft nicht mobil, haben kein Auto, das Busticket in die nächste Stadt ist zu teuer. Und soll sich der Verdachtspatient überhaupt in den Nahverkehr setzen und die anderen Mitfahrer anstecken? Solche Maßnahmen sind zu sehr vom Elfenbeinturm aus gedacht. Bei uns im Landkreis wünscht man sich noch weitere lokale Teststationen, zu denen die Patienten kommen können. Aber es zeichnet sich schon jetzt ein Mangel an Testkits ab, daher ist es wichtig noch genauer zu prüfen, wer einen Test wirklich braucht. Vor allem die Virusträger ohne Krankheitsymptome sind eigentlich ohne Test gar nicht zu erkennen.

Bei vielen Patienten kommt das gar nicht an, dass das Virus auch für uns Ärzte und Pfleger gefährlich sein könnte. Viele denken: Du bist doch Arzt, du kannst doch gar nicht krank werden. Aber Ärzte, Pfleger, Mitarbeiter in der Praxis, Apotheker, Physiotherapeuten, Logopäden, Therapeuten – sie alle sind ständig oft auch ungeschützt in engem Kontakt mit Erkrankten.

Hausärzte könnten Bedarf an Atemschutzmasken melden

Und deshalb gehören die Kontingente an Schutzkleidung erstmal in die Praxen und Krankenhäuser. Sie gehören nicht als Hamsterkauf in den Keller eines Einfamilienhauses. Die Menschen müssen wissen, dass ihnen im Moment nur Folgendes hilft: Achtet auf mehr Distanz, haltet die Hygieneregeln ein, meldet euch rechtzeitig telefonisch beim Arzt. Es bestürzt mich zu hören, dass vereinzelt schon Menschen in Kliniken Desinfektionsmittel von der Wand reißen. Das zeigt: Wir kommunizieren in unserer Gesellschaft nicht genügend.

Video
Coronavirus: Diese Maßnahmen schützen mich
0:55 min
Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © Saskia Bücker/RND

Wir werden jetzt auf lange Sicht viel lernen. Seitens der Politik wäre es fürs nächste Mal zum Beispiel gut, nicht zu sagen: Wir haben alles unter Kontrolle, sondern die Ärzte zu fragen: Was braucht ihr denn, damit wir alles unter Kontrolle haben? Würden wir per Email von einer zentralen Logistikstelle angeschrieben werden, meldet euren Bedarf an Schutzausrüstung, hätte ich innerhalb einer Woche eine solide Antwort parat. Das könnte dann genau berechnet werden. Herr Spahn wüsste sofort, wie es den Praxen in Deutschland geht.

Natürlich ist das Leben nicht ohne Risiko, das ist mir schon klar. Aber es hat sich ja schon bei der Medikamentenknappheit in den letzten Monaten gezeigt: Wir sollten medizinisches Equipment wieder verstärkt in Europa herstellen. Und es sollte Notfallkontingente geben, um vorbereitet zu sein. Auch wenn Lagerhaltung betriebswirtschaftlich gesehen Kosten verursacht. Das müssen uns die Menschen in diesem Land aber wert sein."

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen