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Vorschlag zur Ein-Freund-Regel: Pädagogen warnen vor „tiefen Verletzungen“ und Entscheidungszwängen

  • Die Bundesregierung schlägt vor, dass sich Kinder nach der Schule nur noch mit einem einzigen Freund treffen sollen.
  • Pädagogen und Therapeuten sehen diesen Vorschlag äußerst kritisch.
  • Sollte er umgesetzt werden, könnte die Ein-Freund-Regel langwierigere Folgen haben als die Pandemie an sich.
Irene Habich
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„Die Kinder so einzuschränken, dass sie sich für den einen und gegen einen anderen Freund entscheiden sollen, finden wir nicht richtig“, sagt Heike Pöppinghaus. Die Diplomsozialpädagogin und systemische Kinder- und Jugendlichentherapeutin leitet den Fachbereich Kinderschutz beim Kinderschutzbund in Essen.

Der Alltag der Kinder sei bereits von Regeln durchdrungen: „In der Schule bestimmen jetzt Pfeile auf dem Boden und Schilder, wo sie langgehen sollen. Die Freiheit ist schon dermaßen eingeschränkt, dass Kinder sich ständig ängstlich fragen: ‚Was darf ich noch und was nicht?’“ Viele hätten immer mehr Angst, etwas falsch zu machen. „Jetzt kommen sie auch noch in das Dilemma, zwischen ihren Freunden wählen zu müssen.“

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Jetzt auf Bedürfnisse der Kinder achten

Würde die von der Bundesregierung vorgeschlagene Ein-Freund-Regel umgesetzt, dann würden viele Kinder außerdem die Erfahrung machen, dass Freunde sich gegen sie entscheiden: „Wenn ich acht Jahre alt bin und die Freundin sagt mir, ich will dich nicht mehr sehen, sondern jemanden anderen, dann ist das eine riesige Kränkung. Das Gefühl zu haben, ich verliere meine Freunde oder ich gehöre nicht mehr dazu, das verletzt wirklich tief“, sagt Therapeutin Pöppinghaus. „Das Virus wird eines Tages besiegt, aber wenn wir jetzt nicht darauf achten, was unsere Kinder wirklich brauchen, wird sich das noch lange Zeit später auswirken.“

Den Umgang mit Freunden zu untersagen hält die Therapeutin daher für falsch. „Wir sind der Meinung, dass Verbote nicht der richtige Weg sind. Wir sollten unsere Kinder nicht überfordern.“ Die Grundbedürfnisse der Kleinsten kämen durch die ganzen Maßnahmen ohnehin bereits zu kurz: „Kinder haben ein Recht auf Spielen, ein Recht auf ausgelassen sein und ein Recht auf Freunde.“

Persönliche Freiheit ist wichtig

Je nach Alter würden Kontaktbeschränkungen Kinder auf unterschiedliche Weise treffen. „Für die Jüngsten ist es deshalb schwer, weil sie es noch nicht verstehen“, sagt Pöppinghaus. Bei älteren Kindern und Jugendlichen in der Pubertät sei das zwar etwas anders. Kontaktbeschränkungen wären für sie aber deshalb hart, weil die persönliche Freiheit in dieser Entwicklungsphase immer wichtiger wird. „Es drängt sie raus in die Welt, aber wir machen durch immer mehr Maßnahmen die Tür zu dieser Welt zu.“ Da helfe es wenig weiter, dass Jugendliche heute über soziale Medien in Kontakt mit den Freunden bleiben. „Sie müssen auch echte Erfahrungen machen, die lassen sich nicht einfach durch das Smartphone ersetzen.“

Wie stark Kinder und Jugendliche unter weiteren Einschränkungen leiden, sei dabei auch eine Charakterfrage. „Einige kämen sicher damit zurecht, andere gar nicht“, sagt Pöppinghaus. Auch die Reaktion werde je nach Kind unterschiedlich ausfallen: „Wer introvertiert ist, zieht sich vielleicht zurück. Extrovertierte Kinder würden eher mit Widerstand reagieren und sich erst recht nicht mehr an Regeln halten.“

Kinder mit in Entscheidungen einbeziehen

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Eltern empfiehlt sie, mit ihren Kindern zu sprechen, anstatt strenge Vorschriften zu machen: „Wir sind alle gefordert, unsere Kinder mit einzubeziehen. Sie können zwar einen Beitrag leisten, aber man sollte sie auch fragen: Was geht für dich und was geht nicht?” Sie erlebt viele Kinder in der Corona-Krise als sehr rücksichtsvoll: „Wenn man ihnen trotzdem immer weiter Sachen wegnimmt, ist es, glaube ich, eine Überforderung. Ich finde nicht, dass die Kinder einen größeren Beitrag leisten sollten als wir Erwachsenen.“

Für Kinder nicht nachvollziehbar

Ramona Zander leitet das Kinderhaus Weimar, eine offene Einrichtung für die Kinder- und Jugendarbeit, die mit dem Deutschen Kinderhilfswerk zusammenarbeitet. Der Vorschlag der Ein-Freund-Regel habe unter den Kindern dort für viel Aufregung gesorgt, sagt die Diplomsozialpädagogin. „Es ist für sie in keiner Weise nachvollziehbar. Sie verstehen nicht, dass sie in der Schule wieder mit allen zusammen sind, aber privat auswählen sollen, mit wem sie sich treffen.“

Zander hat auch Angst, dass sie das Kinderhaus wieder schließen müssen, falls Kontaktsperren künftig für Kinder verbindlich gelten sollten. Die Einrichtung ist eine wichtige Anlaufstelle für Kinder, die aus einem oft schwierigen sozialen Umfeld kommen. „Hier wird gegessen, gespielt und gesprochen, wenn all das wegbrechen würde, wäre das fatal“, sagt Zander. Die Belastung für Kinder sei zu Corona-Zeiten ohnehin schon sehr groß: „Sie brauchen das gemeinsame Spiel und den Austausch mit Freunden. Auch, um ihre Sorgen miteinander zu teilen.“

Ein-Freund-Regel unverhältnismäßig

Die Ein-Freund-Regel findet sie unverhältnismäßig. Denn unter ihren Freunden nur einen zum Spielen wählen zu können, wäre hochproblematisch für die Kinder, sagt Zander: „Man würde sie damit zwingen, eine Entscheidung zu treffen, die sie eigentlich nicht treffen wollen.“ Der Entscheidungszwang könne bewährte Freundschaften durcheinanderbringen – und Verletzungen bei denen auslösen, die nicht ausgewählt werden. „So etwas führt natürlich zu Einsamkeit und Traurigkeit und wäre eine echte Belastung für die Psyche.“

Viele der Kinder aus Familien in sozialen Notlagen seien ohnehin schon isoliert, weil sie weniger an Freizeit und Kulturangeboten teilnehmen können wie andere. Neue Vorschriften würden das noch verschärfen, sagt Zander. „Nur noch einen Freund sehen zu können wäre aber wirklich für alle Kinder schlimm.“

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