“Mit einem Impfstoff werden wir nicht plötzlich die Normalität zurückbekommen”

  • Auch ohne zugelassenen Impfstoff gegen Covid-19 wird bereits die Impfstrategie in Deutschland diskutiert.
  • Im RND-Interview berichtet Prof. Eva Hummers von der Ständigen Impfkommission von Schwierigkeiten bei der Priorisierung von Bevölkerungsgruppen.
  • Die Gesundheitsexpertin gibt zu bedenken: Die Coronavirus-Pandemie sei auch nach großflächigen Impfungen nicht vorbei.
|
Anzeige
Anzeige

Der Ständigen Impfkommission, kurz Stiko, kommt in Zeiten der Coronavirus-Pandemie eine besondere Verantwortung zu. Professorin Eva Hummers ist eines der 18 Mitglieder. Ähnlich wie bei anderen Infektionskrankheiten, beispielsweise Masern, Pneumokokken und Grippe, wurde das Gremium von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) damit beauftragt, eine Empfehlung zur Impfstrategie bei einem möglichen Mittel gegen Covid-19 zu erarbeiten.

Frau Hummers, Sie haben schon viele Impfempfehlungen mitveröffentlicht, sind seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko), bis Juni 2020 waren Sie eine Amtsperiode lang stellvertretende Vorsitzende. Was ist bei Sars-CoV-2 anders als bei bisherigen Diskussionen im Gremium?

Wir können uns nicht zurücklehnen und abwarten, bis die wissenschaftlichen Daten und Studien so vollständig sind, dass wir das bewerten können. Weltweit gibt es eine Notsituation und eine neue, sich schnell ausbreitende Erkrankung. Es müssen schnellere Entscheidungen getroffen werden, die womöglich mit größerer Unsicherheit behaftet sind. Da werden wir versuchen, einen vernünftigen Ausgleich zu finden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Noch gibt es keinen für die breite Bevölkerung anwendbaren Impfstoff. Worüber macht sich die Stiko trotzdem schon jetzt Gedanken?

Es ist davon auszugehen, dass ein zugelassener Impfstoff zu Beginn nicht gleich in für alle Menschen ausreichender Menge zur Verfügung steht. Deshalb muss er anhand einer Priorisierung verteilt werden. Die Stiko überlegt im Voraus, was dafür vernünftige Kriterien sind.

Prof. Dr. Eva Hummers ist Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) und Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. Zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. © Quelle: Privat

Welche Kriterien ziehen Sie für eine Impfempfehlung zurate?

Anzeige

Die Stiko soll Impfempfehlungen geben, die im öffentlichen Interesse sind. Da spielt das Gemeinwohl und der Schutz der Gesamtbevölkerung eine wichtige Rolle. Aber auch das Wohl einzelner Personen wird betrachtet. Beide Aspekte müssen abgewogen und in einer Nutzen-Risiko-Abwägung diskutiert werden. Es geht auch darum, wie in Deutschland das Erkrankungsrisiko und das mögliche Risiko und die Wirksamkeit einer Impfung zueinander stehen. Die Infektionszahlen hängen auch mit der Akzeptanz von Maßnahmen wie Distanz halten und Maske tragen zusammen.

Was bedeutet das konkret bei der Verteilung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus?

Der Ansatz einer Priorisierung geht der Frage nach, wie man mit einer limitierten Impfstoffmenge den größtmöglichen Nutzen erzielt. Es gibt grob gesagt zwei Ansätze: Wer ist durch die Erkrankung in besonderem Maße gefährdet und könnte daran sterben? Und wer ist in großer Gefahr, sich überhaupt anzustecken? Teilweise fällt das ja zusammen. Wenn man zum Beispiel überlegt, zuerst medizinisches Personal zu impfen, insbesondere diejenigen, die Covid-19-Patienten pflegen, bedeutet das, sie sind als Einzelpersonen besonders ansteckungsgefährdet. Sie können das Virus aber auch in Besonderem an andere gefährdete Personen weitertragen.

Um abschließend zu beurteilen, ob diese Strategie sinnvoll ist, fehlt uns derzeit aber noch viel Wissen. Zum Beispiel auch darüber, ob ein Impfstoff nicht nur vor einem schweren Verlauf der Erkrankung schützt, sondern auch verhindern kann, dass geimpfte Personen das Virus weiterübertragen, und ob er eine langfristige Immunität bewirken kann.

Video
RND-Videoschalte: “Bei den Wissenschaftlern schrillen die Alarmglocken”
7:34 min
Der Pharmakonzern AstraZeneca hat die sogenannte Phase-III-Studie mit Tausenden Versuchspersonen vorerst gestoppt.  © RND

Keine Stiko-Empfehlung ohne Impfstoffzulassung

Trotz Impfung könnten Menschen andere noch mit Sars-CoV-2 anstecken?

Das wissen wir letztlich noch nicht, es wäre aber denkbar und hängt auch von den Eigenschaften des jeweiligen Impfstoffes ab. Mit einer Impfung werden, vereinfacht gesagt, die Abwehrkräfte des Körpers gegen das Virus trainiert, sodass zum Beispiel Antikörper vorhanden sind oder schnell gebildet werden können oder andere Immunmechanismen den Erreger unschädlich machen können. Dadurch kann vielleicht verhindert werden, dass sich das Virus sozusagen im Körper einnistet und weiter repliziert, vielleicht aber auch nur, dass die Erkrankung schwer verläuft.

Eine Person könnte also möglicherweise auch nach einer Impfung noch genug Virus in sich tragen, um es an andere Menschen weiterzugeben. Eben solche Fragen müssen Gegenstand von Studien sein und haben auch Auswirkungen auf die Impfempfehlungen der Stiko.

Anzeige

Wann rechnen Sie mit einer konkreten Impfempfehlung für die deutsche Bevölkerung?

Nicht, bevor es einen zugelassenen Impfstoff gibt. Es werden schon ein paar Kandidaten auf der Welt in Studienphasen II und III erprobt. Das heißt aber noch längst nicht, dass sie den europäischen Zulassungskriterien entsprechen und hinreichend effektiv und sicher sind. Wir möchten keinen Impfstoff, von dem wir krank werden oder der nicht funktioniert – und dann wiegen sich die Menschen in falscher Sicherheit.

Video
Spahn: Corona-Warn-App wirkt
1:21 min
100 Tage nach ihrer Einführung hat die Bundesregierung die Corona-Warn-App als großen Erfolg bezeichnet.  © Reuters

Vergleichsweise viele Impfskeptiker in Deutschland

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will bei einer Impfung gegen Covid-19 auf Freiwilligkeit setzen. Ist das der richtige Weg?

Deutschland ist ein hoch entwickeltes Land mit einem gut ausgebauten Gesundheitssystem. Aber es gibt hier auch vergleichsweise viele Impfskeptiker. Von daher bin ich gespannt, wie viele Menschen dann selbst einen Covid-19-Impfstoff haben wollen. Ich bin aber kein Fan einer Impfpflicht. Es ist unklar, ob diese irgendeinen Zusatznutzen zur Freiwilligkeit bringt. Jemand, der sich absolut nicht impfen lassen will, findet immer Mittel und Wege, sich herauszuziehen.

Ich halte eine Verpflichtung auch nicht für angemessen, weil über einen Impfstoff gegen Covid-19 wahrscheinlich weniger bekannt sein wird, als es jemals zuvor der Fall war. Er wird zudem nicht zu hundert Prozent effektiv sein und es wird Verteilschwierigkeiten geben. Und die Infektionsrate ist in Deutschland im internationalen Vergleich bislang auf niedrigem Niveau.

Wenn es so weit ist: Wo werden die Menschen dann geimpft?

Ich denke, das wird man sich ähnlich wie bei einer Grippeimpfung vorstellen können. Man geht also zum Hausarzt oder lässt sich beim Betriebsarzt impfen. Ganz grundsätzlich wäre es auch denkbar, dass es zentrale Anlaufstellen gibt, man beispielsweise aus einem Testzentrum ein Impfzentrum macht. Das ist noch nicht im Detail diskutiert. Dafür fehlen bislang allerdings die Strukturen.

Impfstoff gegen Covid-19 nur ein Baustein zur Pandemiebekämpfung

Welche Notfallmechanismen entwirft die Stiko für den Fall, dass nach einer Zulassung Komplikationen auftreten?

Es gibt Studien im Vorfeld, bei denen Nebenwirkungen hoffentlich auffallen. Allerdings werden in Untersuchungen mit zum Beispiel 5000 Menschen womöglich keine Nebenwirkungen entdeckt, die nur bei jedem 10.000 auftreten. Es wird deshalb wichtig sein, auch nach einer Zulassung und Empfehlung bei geimpften Personen aufgetretene Nebenwirkungen zu melden. Wobei es dabei oft schwierig zuzuordnen ist, ob das aufgetretene Symptom wirklich in ursächlichem Zusammenhang mit der Impfung steht. Häufen sich solche Fälle, muss der Impfstoff womöglich zurückgerufen und die Empfehlung zurückgezogen werden.

Mal angenommen, es gibt einen verträglichen Impfstoff, viele Menschen lassen sich impfen und ein ausreichender Herdenschutz wird aufgebaut: Ist die Pandemie dann überwunden?

Das halte ich für ausgesprochen unwahrscheinlich. Mit einem Impfstoff werden wir nicht plötzlich wieder die Normalität aus dem Jahr 2019 zurückbekommen. Sars-CoV-2 ist ein Erreger, der sich potenziell schnell verändert und für den es ein tierisches Reservoir gibt. Das macht die Wahrscheinlichkeit, ihn wieder loszuwerden, verschwindend gering. Und wir wissen nicht, wie lange ein Impfschutz Bestand hat, wie zuverlässig er ist, wie er sich auf Überträger auswirkt. Da gibt es noch viele Fragezeichen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen