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Egoismus vs. Solidarität: Warum es uns so schwer fällt, zu Hause zu bleiben und solidarisch zu sein

  • Aktuell verbannt die massive Ausbreitung des Coronavirus viele Menschen in die heimischen vier Wände und damit in die Isolation.
  • Doch längst nicht alle halten sich an die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden und suchen trotzdem weiter eifrig den persönlichen Kontakt.
  • Warum ist das so? Eine Spurensuche mit Experten.
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Der Winter neigt sich dem Ende entgegen und vielerorts locken dieser Tage die ersten warmen Sonnenstrahlen nach draußen. Kaum einer, der nicht nach Sonne und schönen Unternehmungen im Freien lechzt. Umso schwerer fällt es vielen Menschen derzeit, genau darauf zu verzichten und den eigenen Bedürfnissen nicht nachzugeben. Denn das sich aktuell massiv ausbreitende Coronavirus schiebt genau diesen Begehrlichkeiten und dem Bedürfnis vieler Menschen, sich mit anderen zu verbinden, einen Riegel vor. Die strikte Empfehlung sämtlicher Gesundheitsbehörden lautet: Bleiben Sie zu Hause, um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Dass viele Menschen den Rat mehr als Empfehlung verstehen denn als eine strikte Handlungsanweisung, zeigt sich überall: Noch in den vergangenen Tagen kursierten Bilder im Netz, von Menschen, die – dicht gedrängt – über Wochenmärkte schlendern, sogenannte Coronapartys mussten von der Polizei beendet werden.

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Um eine zweite Ansteckungswelle in Deutschland zu vermeiden, sind einige Verhaltens- und Hygieneregeln zu beachten.  © Carolin Burchardt/RND
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Uneinsichtigkeit trotz steigender Fallzahlen

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Warum sich anscheinend viele Menschen in Coronazeiten so schwer tun, trotz rasant steigender Fallzahlen und Todesfälle einfach mal zu Hause zu bleiben und Solidarität zu zeigen, darüber haben wir mit Maike Luhmann und Tobias Rothmund gesprochen. Luhmann ist Psychologieprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Themenbereiche Lebenszufriedenheit und Einsamkeit. Rothmund hat eine Professur für Medienpsychologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena inne und beschäftigt sich vor allem mit dem Solidaritätsaspekt.

Wie schwer ist es in Zeiten, in denen sich angesichts zunehmender Hamsterkäufe jeder offenbar selbst der Nächste ist, Solidarität zu zeigen?

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Rothmund: Ich würde nicht sagen, dass sich aktuell jeder selbst der Nächste ist. Hilfsbereitschaft und Solidarität sind ebenfalls stark ausgebreitet. Das erkennen wir daran, dass auch viele Menschen in dieser Krise bereit sind, ihre persönlichen Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen.

Luhmann: Tatsächlich gibt es schöne Aktionen in Sachen Nachbarschaftshilfe. Ich beobachte aber auch, dass manche Menschen egoistischer werden und deren Blick sich verengt.

Maike Luhmann ist Psychologieprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum. Sie befasst sich in ihren Forschungen unter anderem mit Lebenszufriedenheit und Einsamkeit. © Quelle: RUB
Tobias Rothmund ist Professor für Kommunikations- und Medienpsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Das Thema Solidarität gehört zu seinen Forschungsschwerpunkten. © Quelle: Anne Günther/FSU

Solidarität und Egoismus schließen sich nicht aus

Warum, glauben Sie, fällt es vielen Menschen dennoch so schwer, darüber hinaus auch zu Hause zu bleiben, um das Virus einzudämmen und sich und andere vor einer Infektion zu schützen?

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Luhmann: Es gibt sicher viele Gründe, warum sich Menschen noch nicht so einigeln, wie sie es sollen. Immerhin ist diese Situation für alle ganz neu und viele müssen sich erst einmal darauf einstellen, dass sich ihr Alltag plötzlich komplett ändert. Das fällt nicht allen gleichermaßen leicht. Vielleicht besonders jenen Menschen, die sehr gern unter Menschen sind. Immerhin wird man in der Isolation ja auch ein bisschen auf sich selbst zurückgeworfen, da kommen sicher auch die ein oder anderen Verhaltensweisen zutage, die man im gewöhnlichen Alltag nicht so zeigt. Das können verstärktes Hilfeverhalten oder eben verstärkter Egoismus sein, oder beides. Auf den ersten Blick stehen sich Solidarität und Egoismus zwar im Weg. Tatsächlich können Menschen aber beide Verhaltensmuster zeigen – etwa, indem sie zunächst Hamsterkäufe tätigen, sich dann aber reflektieren und fragen, ob das jetzt wirklich nötig war. Ich möchte davor warnen, jetzt bloß nicht die Leute in die Guten und die Schlechten aufzuteilen.

Rothmund: Für den Einzelnen kann es schwer sein, solidarisch zu agieren. Dies hat aber nicht immer mit einer fehlenden Bereitschaft zu tun. Wir wissen aus der Forschung zu Hilfsbereitschaft, dass die richtige Wahrnehmung der Situation und das Verständnis für die Relevanz des eigenen solidarischen Verhaltens Voraussetzungen für das entsprechende Verhalten sind. Wer also in der aktuellen Situation die Bedeutung der sozialen Distanzierung oder die Gefährlichkeit der Virusausbreitung noch nicht verstanden hat, der handelt womöglich unsolidarisch aus mangelndem Wissen und nicht aus Egoismus.

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Resultiert aus der Unwissenheit möglicherweise auch die weit verbreitete Ansicht “Ich gehöre nicht zur Risikogruppe, mich betrifft es also nicht”?

Rothmund: Die aktuelle Situation ähnelt in ihrer Struktur einem sozialen Dilemma. Für die Gemeinschaft ist es wichtig, dass alle Verzicht zeigen. Dann sinkt das Risiko für Neuerkrankungen und damit die Zahl der Todesopfer. Der einzelne gesunde junge Mensch hat von diesem Verzicht persönlich vermeintlich keinen Vorteil. Allerdings hat auch jeder junge Mensch Eltern und Großeltern oder Freunde mit gesundheitlichen Risiken. Ich glaube nicht, dass viele Menschen vor diesem Hintergrund bewusst egoistisch handeln, vorausgesetzt, sie haben die Implikationen ihres Handelns verstanden.

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Luhmann: Wichtig ist, dass wir uns jetzt als Gemeinschaft wahrnehmen, auch wenn vielen die plötzliche Umstellung zu schaffen macht. Aktuell sind viele von uns sehr viel häufiger allein, als wir es gewohnt sind. Wir werden uns aber daran gewöhnen und darauf einstellen.

Zeit zum Reflektieren – Was will ich?

Auch wenn dieser Zustand möglicherweise, wie es einige Virologen voraussagen, Monate anhält?

Luhmann: Dann kann die Einsamkeit sicher ein Thema werden: Vor allem bei Menschen, die allein leben, kann es zu Problemen kommen. Wir wissen, dass chronische Einsamkeit mit gesundheitlichen Problemen einhergeht. Vor allem Probleme wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Übergewicht, Diabetes oder Demenz können verstärkt werden. Darauf deuten Studien hin.

Steigt das ureigenste Bedürfnis vieler Menschen, sich zu verbinden, möglicherweise sogar, wenn es eigentlich nicht erwünscht ist – als ein Art Trotzreaktion?

Rothmund: Menschen haben ein Grundbedürfnis nach sozialer Nähe und Austausch. Es ist wichtig, dass sich jetzt alle Menschen mit ihren Liebsten umgeben und dadurch eine Situation herstellen, in der sie genügend soziale Nähe für mehrere Wochen erfahren können. Dies ist insbesondere für alleinstehende Menschen essenziell. Niemand sollte in dieser Situation alleine sein müssen.

Luhmann: Wichtig zu wissen ist, dass erste Reaktionen keinen Hinweis darauf geben, wie sich die Situation langfristig entwickelt. Das Verhalten kann sich in beide Richtungen entwickeln: Es kann blöd laufen, und wir werden jetzt alle egoistisch. Ich würde mir aber wünschen, dass es sich mehr in Richtung Solidarität und Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Menschen sollten sich jetzt die Zeit nehmen, um zu reflektieren, sich Fragen stellen wie: Worauf kann ich verzichten und worauf nicht? Da könnten sich mitunter auch die Prioritäten verschieben – weg vom Hamsterrad des Höher, Schneller, Weiter hin zu “meine Familie, Freunde und meine Gesundheit sind mir wichtig”.

Krise als Chance? Durchaus, sagen Experten

Liegt in der Krise und im Verzicht also möglicherweise auch eine Chance für jeden Einzelnen, sein Verhalten zu überdenken? Lässt sich Solidarität möglicherweise sogar lernen?

Rothmund: Ja. In unserer Gesellschaft geht leicht das Gefühl dafür verloren, dass wir einander brauchen. Zentrale Bedürfnisse können käuflich gestillt werden. Die Versorgung der Schwachen und Kranken wird institutionell geregelt. Wenn diese Systeme ausfallen, dann sind wir auf die sozialen Beziehungen zu den Menschen in unserem Umfeld zurückgeworfen. In der Krise lernen wir, wieder füreinander da zu sein. Das sollten wir als Chance verstehen, auch deswegen, weil in den letzten Monaten und Jahren vielfach die Sorge geäußert wurde, dass sich die Gesellschaft desintegriert und Gruppen auseinanderdriften.

Luhmann: Die Forschung zeigt, dass stark negative Ereignisse durchaus Positives bewirken können. Das ist aber kein Selbstläufer und es ist schwer, da Vorhersagen für den Einzelnen zu treffen.

Wie lässt sich der aktuelle Zustand für Menschen, die sich mit Isolation schwertun, erträglicher gestalten?

Luhmann: Auch wenn es paradox klingt: Die Kontakte, die man hat, sind jetzt umso wichtiger. Videochats und soziale Medien werden zwar oft verteufelt, gerade auch in Hinblick auf Einsamkeit. In den kommenden Wochen werden wir aber auch die Vorteile dieser modernen Welt nutzen können. Für ältere Menschen, die da weniger Zugang haben, ist es wichtig, dass wir sie mit im Blick behalten, auch zu ihnen durch Anrufe etwa Kontakt halten. Mein Rat also: Nehmen Sie möglichst viel Kontakt auf, aktivieren Sie Ihre Netzwerke. Die kommenden Wochen werden hart genug.






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