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„Du gehörst ins Corona-KZ!“: Wie Wissenschaftler in der Pandemie bedroht und angefeindet werden

Wissenschaftler sind in der Pandemie Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt.

Wissenschaftler sind in der Pandemie Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt.

Es ist ein kleiner Ordner, unten links in ihrem E-Mail-Postfach, in dem Marylyn Addo all den Hass verstaut hat, der ihr seit Beginn der Pandemie entgegengeschlagen ist. „Hate Mail“ heißt er. Nur selten wirft die Infektiologin vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf einen Blick hinein. Die meisten Mails, bei deren Betreffzeile sie schon eine gewisse Polemik erahnen kann, landen dort ungelesen. Kein Wunder also, dass sie die Gesamtzahl der Nachrichten, die das Postfach enthält, nur grob schätzen kann. Rund 100 seien es ungefähr, erzählt sie.

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„Auf die ersten E-Mails, die ich bekommen habe, war ich nicht richtig vorbereitet“, erinnert sich Addo. „Sie haben mich schon getroffen.“ Als Expertin für Impfstoffe habe sie sich zwar schon vor Corona mit Impfgegnerinnen und Impfgegnern auseinandersetzen müssen, aber dies habe durch die Pandemie „ein ganz anderes Ausmaß“ angenommen – auch bedingt durch ihre verstärkte Medienpräsenz, wie sie selbst sagt.

Prof. Marylyn Addo ist Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Prof. Marylyn Addo ist Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

„Und dann habe ich natürlich noch Merkmale an mir, die polarisieren: Ich bin eine Frau, eine Frau in einer Leitungsposition, eine Frau in der Wissenschaft und dunkelhäutig“, sagt Addo. „Sagen wir mal so: Ich biete viel Angriffsfläche.“ Der Unmut artet teilweise auch in persönliche Anfeindungen aus. Die Infektiologin erhält Nachrichten mit Sätzen wie „Geh zurück nach Afrika!“ oder „Du gehörst ins Corona-KZ!“. Alle hat sie in ihrem E-Mail-Ordner abgespeichert.

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Nature-Befragung: Forschende bekommen zum Teil Morddrohungen

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in der Corona-Pandemie zum Ziel von Hass, Wut und auch Bedrohungen geworden. Das Fachmagazin „Nature“ hat Anfang Oktober eine nicht repräsentative, anonymisierte Umfrage unter mehr als 300 Forschenden aus verschiedenen Ländern veröffentlicht. Diese berichteten etwa über aggressive Mails, Beschwerden an den Arbeitgeber und persönliche Angriffe, die sie während der Pandemie erreicht haben. 22 Prozent gaben an, Gewaltandrohungen erhalten zu haben; bei 15 Prozent waren es sogar Morddrohungen.

Stiko-Chef wird zur Zielscheibe in der Debatte um Impfspätfolgen

Auch im E-Mail-Postfach von Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), finden sich mehrere solcher Nachrichten. Einige sind kritisch, andere regelrecht aggressiv und beschimpfend. „Die Art der Zuschriften hing deutlich von den jeweiligen Stiko-Entscheidungen ab“, erzählt er. „Es gibt schon auch E-Mails, die offensichtliche Aggressivität, Irrationalität und Verbohrtheit zeigen und die erkennen lassen, dass eine inhaltliche Argumentation nicht möglich ist.“

Eine davon verfasste Marcus T. aus Berlin. Am Montag, dem 25. Oktober 2021, um 11.51 Uhr schrieb er dem Stiko-Vorsitzenden eine E-Mail. Die Betreffzeile lautete: „Umgefallen, wie so viele?“ Es ging um Mertens Äußerungen zu Fußballnationalspieler Joshua Kimmich, der gesagt hatte, noch nicht gegen Covid-19 geimpft zu sein, weil er Spätfolgen fürchte.

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Prof. Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.

Prof. Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.

Der Stiko-Chef hatte Kimmichs Bedenken öffentlich zurückgewiesen. „Joshua Kimmich ist sicher ein ausgewiesener Fachmann in Fragen des Fußballs, aber kein Fachmann in Fragen der Impfung und der Impfstoffe“, hatte er Ende Oktober im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Spät auftretende Nebenwirkungen seien nahezu ausgeschlossen. Die Zulassungsstudien und begleitenden Studien hätten gezeigt, dass die meisten Impfreaktionen kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten seien, und nicht erst Monate später.

Mertens wissenschaftliche Einordnung verärgerte Marcus T. offenbar. Seinem Unmut machte er in der E-Mail an den Virologen Luft. Er schrieb:

Hey Thomas, sag mal, was ist mit dir los? Wer hat dich so verstümmelt? Ich möchte schreien: Wer hat den Mertens umgedreht? Zu einem erbärmlichen alten Feigling, zum willfährigen Menschenhasser verbogen? Der andere – erwachsene Menschen, die auf sich selbst hören, öffentlich verhöhnt und verunglimpft. Weil sie es wagen, eine eigene abweichende Meinung zu haben und diese für sich in Anspruch nehmen? (...) Thomas, es ist traurig Dich so zu erleben. (...) Du bist, so makaber das auch klingen mag, unvereinbar mit den Grundwerten unseres Landes. Was Du begehst verstehe ich als (versuchte) Nötigung. Das ist ein schweres Verbrechen. Bis zu fünf Jahre Haft erwarten Dich dafür.

Ich hoffe, der Junge ist stark genug. Ich hoffe, es klagt Dich jemand an.

Marcus

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Hass und Hetze kommen per Einschreiben

Häufig erreicht der Hass die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen per Mail. Viele der E-Mail-Adressen lassen sich leicht im Internet finden. Doch es gibt auch andere Wege, die Menschen nutzen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.

Im Arbeitszimmer von Timo Ulrichs türmt sich ein Stapel Briefe, die aufgebrachte Menschen ihm geschrieben haben. Sie sind adressiert an die Berliner Akkon Hochschule für Humanwissenschaften, wo der Epidemiologe einen Lehrstuhl für Globale Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit innehat. Zum Teil handelt es sich sogar um Einschreiben, für die ein Portogeld gezahlt wurde. „Du stehst auf unserer Liste“, heißt es darin etwa, ebenso wie: „Wir könnten irgendwann hinter dir stehen“ oder „Ihre Beteiligung am Merkel-Konsortium wird irgendwann zur Abrechnung gebracht werden“. Auch Morddrohungen seien unter den Zusendungen, berichtet Ulrichs.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Vermehrt Anfeindungen habe er zum ersten Mal erhalten, als er sich während der ersten Welle für einen Lockdown ausgesprochen habe, berichtet der Epidemiologe. „Am Anfang habe ich noch gedacht, es wäre sinnvoll, darauf sachlich zu reagieren. Aber das habe ich mir schnell abgewöhnt“, so Ulrichs. Selbst aus dem Ausland erreichten ihn Hassnachrichten, nachdem er sich beispielsweise zur Corona-Lage in den USA geäußert hatte. Inzwischen habe die Zahl der Nachrichten wieder nachgelassen. Doch beruhigt ist Ulrichs deswegen nicht: „Es ist verrückt, dass man für das Erläutern und Interpretieren von Daten und dynamischen Prozessen angefeindet wird.“

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Das Schlimmste daran ist, dass meine Kinder sehen können, wie jemand mir den Tod wünscht.

Marylyn Addo,

Infektiologin

Drosten wird zur Hassfigur von Impfgegnern und Querdenkern

In der Corona-Pandemie stehen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum ersten Mal in ihrem Leben im Rampenlicht. Sie sind zu gefragten Expertinnen und Experten für Fernsehsendungen, Radiobeiträge und Zeitungsartikel geworden. Während sie zuvor meist fernab der Öffentlichkeit zu Krankheitserregern wie den Coronaviren geforscht haben, sollen sie nun ihr Wissen mit der Bevölkerung teilen. Für den Epidemiologen Ulrichs kamen die persönlichen Angriffe daher vollkommen überraschend: „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagt er. „Ich mache das alles zum ersten Mal“, berichtet der Experte mit Blick auf seine Präsenz in den Medien, wo er regelmäßig die neuesten Entwicklungen der Pandemie einordnet. „Ich sehe es auch als gesellschaftliche Verantwortung an, dass ich diese Aufklärungsarbeit leiste. Und da muss man anscheinend damit leben, dass Leute sehr emotional oder irrational darauf reagieren.“

Der Virologe Christian Drosten ist in der Pandemie zu dem Corona-Experten Deutschlands, und damit gleichzeitig zu einer Hassfigur von Impfgegnern und Querdenkern geworden. Anfeindungen erhält Drosten nicht nur per E-Mail oder per Post, er ist ihnen auch öffentlich ausgesetzt. „Ich erlebe zum Teil richtigen Hass. Erst kürzlich, hier in Berlin“, erzählte der Virologe kürzlich in einem Interview mit der „Zeit“. „Ich gehe an einer Passantengruppe vorbei. Da ruft mir jemand ‚Nürnberg 2.0′ hinterher.“ Nürnberg 2.0 ist ein Ausdruck von Rechtsextremisten, der an die Nürnberger Prozesse erinnern soll, bei dem führende Repräsentanten des Dritten Reichs als Kriegsverbrecher verurteilt wurden.

Öffentlichen Hass kennt auch Addo. Persönliche Angriffe wie Drosten habe sie zwar noch nicht erlebt, allerdings würden Unbekannte regelmäßig die Plakate zerstören, auf denen sie mit dem Hashtag #Ärmelhoch für die Corona-Impfung wirbt. Die Poster seien zum Teil mit Drohungen und Todeswünschen beschmiert worden. „Das Schlimmste daran ist, dass meine Kinder sehen können, wie jemand mir den Tod wünscht“, sagt sie. „Das hat mich schon sehr beunruhigt.“

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Twitter, Facebook und Co. werden zu Hassmaschinen

Der meiste Hass findet sich jedoch wohl nicht auf der Straße oder in Mails, sondern in den sozialen Netzwerken. Wer die Profile und Beiträge von Forschenden in den sozialen Netzwerken durchsieht, trifft schnell darauf. Bei der Befragung des „Nature“-Magazins berichteten mehr als 80 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, dass sie nach Äußerungen in der Öffentlichkeit negative Reaktionen und Kommentare in den sozialen Medien erlebt haben.

Bei Nachrichten, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden, sei es ratsam, sich zunächst an den Betreiber der jeweiligen Plattform zu wenden und eine Löschung der Mitteilungen zu beantragen, rät Gül Pinar. Auch gegen Anfeindungen per E-Mail oder per Post können Betroffene vorgehen, sogar rechtliche Schritte einleiten. „Die Frage ist nur: Ist das schlau?“, sagt die Fachanwältin für Strafrecht. So könne zwar eine Strafanzeige erstattet werden, wenn Nachrichten als Bedrohung wahrgenommen werden würden. Den Täterinnen und Tätern könnte dann im schlimmsten Fall eine Geldstrafe drohen, „aber die Antragstellerin oder den Antragsteller schützt das nicht unbedingt“, stellt Pinar klar.

3G in Bus und Bahn: Ab heute gelten schärfere Regeln

Geimpft, genesen oder getestet: Ab diesem Mittwoch gilt auch in Bussen und Bahnen die 3G-Regel.

Strafanzeige erstattet

Addo hat schon mehrfach Strafanzeige erstattet. „Ich arbeite da eng mit unserer Rechtsabteilung zusammen“, sagt sie. Sogar Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes seien bereits im Universitätsklinikum gewesen, um die IP-Adresse eines Absenders herauszufinden. Mithilfe der IP-Adresse lässt sich leicht nachverfolgen, woher eine E-Mail stammt und wer sie verschickt hat. „Solche Anfeindungen wie ‚Du gehörst ins Corona-KZ!‘ beschäftigen einen“, sagt Addo. Zwar habe sie inzwischen gelernt, mit negativen Nachrichten umzugehen; dennoch gebe es Tage, an denen „man dadurch aufgewühlt wird“.

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Es gibt auch positive Nachrichten

In solchen Momenten kommen positive E-Mails und Briefe gerade recht. Auch diese haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhalten. In seiner Sammlung seien positive Rückmeldungen in gleichem Maß vertreten wie negative, berichtet etwa Ulrichs. „Ich freue mich immer, wenn ich Nachrichten von Menschen bekommen, die sich für meine Einschätzungen und Aufklärungsversuche bedanken.“

Wenn Hass und Hetze hoffähig werden und man nicht rechtzeitig drauf hinweist, dann sehe ich das als echtes Problem für unsere Gesellschaft an.

Marylyn Addo,

Infektiologin

Auch Stiko-Chef Mertens hat sich während der Pandemie nicht nur mit Anfeindungen auseinandersetzen müssen. Manchmal seien auch positive Nachrichten in seinem E-Mail-Postfach eingegangen, sagt er. Genauso wie bei der Infektiologin Addo: „Ich habe zum Glück auch E-Mails bekommen, in denen wir für unsere Arbeit gelobt worden sind.“

Nichtdestotrotz glaubt Addo, dass es auch in Zukunft immer wieder Anfeindungen gegen Experten und Expertinnen oder auch Politiker und Politikerinnen geben wird. „Es ist wahrscheinlich, dass uns das weiter begleiten wird“, sagt Addo. Deshalb sei es wichtig, darauf aufmerksam zu machen. „Wenn Hass und Hetze hoffähig werden und man nicht rechtzeitig darauf hinweist, dann sehe ich das als echtes Problem für unsere Gesellschaft an.“

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