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Erneut Zweifel an Corona-Studie: Droht Fachzeitschrift “The Lancet” ein Imageschaden?

Führende Wissenschaftler kritisieren eine von der WHO in Auftrag gegebene Studie, die von der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde.

Führende Wissenschaftler kritisieren eine von der WHO in Auftrag gegebene Studie, die von der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde.

The Lancet und The New England Journal of Medicine (NEJM) zählen zu den renommiertesten und ältesten, medizinischen Fachzeitschriften der Welt. Sie werben mit qualitativ hochwertigen und von Experten überprüften Forschungsergebnissen – und doch scheint das Ansehen der Journale jetzt der Corona-Pandemie zum Opfer zu fallen.

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Kritik an veröffentlichter WHO-Studie wächst

Inzwischen gibt es erneut Zweifel an einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Auftrag gegebenen Studie, die Anfang Juni in The Lancet veröffentlicht hat. Darin berichten kanadische Forscher der McMaster University in Ontario, dass eine Reduzierung der Abstandsregelungen von zwei Metern auf einen Meter das Infektionsrisiko nur geringfügig erhöhe.

“Die Analyse des Infektionsrisikos bei einem Abstand von einem Meter gegenüber einem Abstand von zwei Metern sollte mit großer Vorsicht behandelt werden”, sagte Prof. David Spiegelhalter, Statistiker an der Universität Cambridge, gegenüber der britischen Tageszeitung The Guardian.

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Die Studie geht davon aus, dass das Infektionsrisiko bei einem Rückgang der Distanz von zwei Metern zu einem Meter genauso groß ist wie von einem Meter auf Null. Führende Wissenschaftler kritisieren diese Grundannahme scharf – sowie die Methode beim Vergleichen der Abstände.

Medizin-Journale ziehen zwei Studien zurück

Erst vor wenigen Wochen hatten The Lancet und das NEJM zwei veröffentlichte Studien zurückgezogen. So hatte The Lancet darüber berichtet, dass das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin die Todesrate bei Covid-19-Patienten erhöhe, woraufhin eine groß angelegte Testreihe der WHO gestoppt wurde. Drei Autoren der Studie hatten schließlich selbst Zweifel an der Korrektheit der Daten.

Wenige Stunden, nachdem The Lancet die Studie zurückgezogen hatte, distanzierten sich die Autoren von einer weiteren Untersuchung, die das NEJM publiziert hatte. Die Forscher hatten sich dafür ausgesprochen, dass Blutdruckmedikamente im Zusammenhang mit dem Coronavirus keinen Einfluss auf die Sterblichkeitsrate nehmen. Auch diese Studie hatte das NEJM schließlich zurückgezogen.

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Chefredakteure kritisieren Veröffentlichung

Richard Horton, Chefredakteur von The Lancet, und Eric Rubin, Chefredakteur des NEJM, räumten in Interviews mit der New York Times Fehler ein. “Wir hätten dies nicht veröffentlichen dürfen”, sagte Rubin. “Wir hätten Gutachter haben sollen, die das Problem erkennen.” Auch Horton kritisierte, dass die Studien veröffentlicht wurden – betonte aber, dass das Peer-Review-Verfahren noch funktioniere.

Ein Peer-Review ist ein Verfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit. Unabhängige Gutachter aus demselben Fachgebiet überprüfen und bewerten die Arbeiten, bevor sie von Fachzeitschriften publiziert werden.

Anzahl der eingereichten Studien stark gestiegen

Seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie haben medizinische Fachzeitschriften jedoch mit einer Unmenge an eingereichten Studien zu kämpfen. Auf seiner Internetseite macht The Lancet darauf aufmerksam, dass die Zeitschrift derzeit “eine beispiellose Anzahl von Covid-19-Einreichungen” erhalte. Laut NEJM-Chefredakteur Rubin sei die Anzahl der Einreichungen auf bis zu 200 pro Tag gestiegen.

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“Ich glaube, das akademische System ist gesättigt – es ist voll ausgelastet", sagte Dr. Peter Jüni, Professor für Epidemiologie an der Universität Toronto, gegenüber der New York Times. Auch er hat schon mehrere wissenschaftliche Arbeiten für Journale begutachtet. “Die Menschen sind müde; sie arbeiten an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Sie bemühen sich um gute Gutachter und versuchen, so gut wie möglich zu arbeiten, aber das System droht zu scheitern.”

The Lancet fordert Prüfung von Datenbanken

Hinzu kommt, dass auch die Forscher unter hohem Zeitdruck stehen, um so schnell wie möglich wichtige Erkenntnisse zur Pandemie zu liefern. Dabei “meinen wohl manche Wissenschaftler, dass man es mit den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis derzeit nicht ganz so genau nehmen muss”, sagte Ulrich Dirnagel, Direktor für experimentelle Neurologie an der Berliner Charité.

Um sich bei möglichen, falschen Daten zukünftig besser abzusichern, will The Lancet eine unabhängige Überprüfung der Qualität einer Datenbank verlangen. Beide Chefredakteure machten jedoch gegenüber der New York Times darauf aufmerksam, dass von Peer-Review-Gutachtern nicht erwartet werden könne, dass sie eine völlige Fälschung erkennen.


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