„Kann nur schiefgehen“: Sind die Pflegeheime wieder in Gefahr?

  • Vor rund einem halben Jahr wurde die erste Deutsche gegen Corona geimpft.
  • Ein Pflegedienst ist nun in Sorge, dass die Antikörper im Blut nicht mehr ausreichen könnten, Forschende plädieren bereits für eine dritte Impfdosis.
  • Werden die Älteren erneut vergessen?
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Edith Kwoizalla war die Erste. Ihre Impfdosis hat die 102-Jährige am 25. Dezember bekommen. Einen Tag später, direkt nach Weihnachten, starteten die Impfungen gegen Covid-19 dann in ganz Deutschland. Der Stoff, vor wenigen Monaten noch ausschließlich von Biontech angeliefert, war da in Deutschland zunächst ein überaus rares Gut. Das Vakzin blieb vorerst der Gruppe mit der höchsten Priorität vorbehalten: den über 80-Jährigen. Und die Kampagne startete in den Pflege- und Seniorenheimen.

Anderthalb Jahre Pandemie haben auf brutale Weise gezeigt, dass das Virus gerade die Hochbetagten in den Einrichtungen trifft – und mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu schwerer Erkrankung bis hin zum Tod führt. Und nun, Mitte Juli 2021? Sind die Menschen dank der Impfungen zwar vor Virus und Erkrankung geschützt – aber schon wieder in Gefahr. Das zumindest ist die Sorge von Tobias Krüger.

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Der Pflegedienstleiter des Halberstädter Heims in Sachsen-Anhalt, in dem Deutschlands Erstgeimpfte Edith Kwoizalla lebt, denkt da an die Ergebnisse der Antikörpertests von Anfang Juli. „Noch schlagen sie an, aber schwach“, erzählt Krüger. „Aber was ist in zwei Monaten?“ Die Tests zeigten deutlich, dass der Schutz bei den Hochbetagten in der Einrichtung auf dem Rückzug sei. Man höre etwas davon, dass der Immunschutz nach sechs Monaten geringer werden könnte, die seien seit der Erstimpfung bei den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern nun schon um. Manche sagten zwar acht – aber auch das sei nicht mehr lange hin.

Dritte Impfstoffdosis für Ältere: Impfstoffforschende empfehlen Booster

Die Lösung? Könnte eine dritte Dosis sein, ein sogenannter Booster für besonders Gefährdete, etwa Hochbetagte und Immungeschwächte. Israel hat damit bereits in der Praxis begonnen. Zumindest immungeschwächte Personen können sich bereits mit einer dritten Dosis des Mittels von Biontech impfen lassen. Auch Forschende hierzulande pochen auf so eine Strategie, insbesondere für Ältere.

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„Wir müssen die nächste Phase beim Impfen jetzt schon andenken“, sagte bereits Ende Juni Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité. „Ich gehe davon aus, dass wir bei älteren Menschen, die zu Beginn dieses Jahres ihre Erst- und Zweitimpfung erhalten haben, eine nachlassende Immunantwort sehen werden.“ Auch Sander hält es für möglich, dass es ohne Auffrischungsimpfung im Winterhalbjahr in Alten- und Pflegeheimen zu zusätzlichen Infektionen kommen könnte, zu „einem gewissen JoJo-Effekt“.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sieht das ähnlich. „Es ist überfällig, zu reagieren“, sagte er zuletzt der dpa. „Ich sehe aber weder bei Bund noch in den Ländern eine groß angelegte Initiative zu diesem Thema. Als Grund vermute ich Sorge vor einer Verteilungsdiskussion.“

Pflegeheim fühlt sich alleingelassen in der Pandemie

Auch im Seniorenheim in Halberstadt gab es bislang noch kein Signal zu möglichen Plänen aus der Politik. „Auffrischungsimpfung? Dazu hören wir noch nicht viel“, kritisiert Krüger, der sich nicht viel Hoffnung für die nahe Zukunft macht: „Wenn ich von der Vergangenheit auf die Zukunft schließe, was man ja eigentlich nicht soll, dann kann es nur schiefgehen.“ Er sagt, es würde ihn nicht wundern, wenn es wieder die Pflege, wieder die Heime seien, die dann in der vierten Welle ungeschützt sein könnten. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich der Januar wiederholt. Dass die Risikogruppen erneut vergessen würden.

Erst wenige Monate ist es her, dass die Heime die Hotspots in Deutschland waren, mit besonders vielen Ansteckungen, Erkrankungen und Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Das Halberstädter Seniorenheim hatte da Glück, die Impfung kam rechtzeitig. Dort habe es während der zweiten und dicht darauf folgenden dritten Welle glücklicherweise keinen positiven Fall gegeben, so Krüger. Aber andere Einrichtungen, die er auch betreut, hat es in der Winterwelle trotz Beginn der Impfungen noch getroffen. Eigentlich vorhandene Dosen seien teilweise nicht sofort injiziert worden – besonders bitter.

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Ein tragischer Fall, der ihn noch heute beschäftigt: Zwei Tage vor dem angesetzten Impftermin habe ein Arzt das Virus noch in ein Heim getragen. „Mehrere Bewohner hatten Kontakt, darunter demente Personen“, berichtet Krüger. „Es war nicht mehr zu kontrollieren, eine ganz schlimme Situation.“ Fast alle Mitarbeitenden hätten sich in Quarantäne begeben müssen. Dringend benötigte Hilfe sei nicht gekommen, nicht von der Bundeswehr, nicht von den sowieso schon überlasteten Behörden. Die Wege seien „unüberwindbar verbürokratisiert“, so Krüger.

Wie lange hält der Corona-Impfschutz?

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Bei solchen Schilderungen wundert es nicht, dass Pflegeeinrichtungen erneut mit dem Schlimmsten rechnen. Und da die Impfstoffe neu sind und viele Detailfragen zur Immunantwort noch ungeklärt, kann die Wissenschaft zur Dauer des Impfschutzes bei den Älteren und dem Einfluss der Delta-Variante noch keine eindeutige Antwort liefern. Die Datenlage, wie so oft in dieser Pandemie, bezeichnen Fachleute als unsicher. Trotzdem, darin sind sich Corona-Expertinnen und Experten und Heimleiter einig, müsse mit dem Risiko des womöglich nachlassenden Schutzes durch die Impfung für die vierte Infektionswelle kalkuliert werden.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Hochbetagten oder unter Patienten mit Immunsuppression Menschen sind, die weniger gut gegen Delta geschützt sind, ist relativ groß“, sagt Prof. Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. „Deshalb würde ich persönlich sagen: Gehen wir lieber auf Nummer sicher und impfen diese Gruppe noch ein drittes Mal“, plädierte die Expertin gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Weil Hochbetagte und Menschen mit geschwächtem Immunsystem in Deutschland primär den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer erhalten haben, rät Falk, „die dritte Impfung auch mit einem mRNA-Impfstoff durchzuführen“.

Vierte Welle, unberechenbares Virus, schnelles Handeln

In Studien mit Hochbetagten sei bereits gezeigt worden, dass die Antikörpertiter mit der Zeit heruntergehen können. Nach zweimaliger Impfung bilde das Immunsystem zwar auch noch ein Gedächtnis aus spezifischen B- und T-Zellen. Das heißt, man braucht eigentlich nicht permanent hohe Antikörperspiegel. Sprich: „Normalerweise, also bei anderen Impfungen, würde uns das nicht beunruhigen, wenn die Antikörper wieder heruntergehen. Jetzt gibt es aber die Delta-Variante“, gibt die Immunologin zu bedenken. Dieses Virus spiele nach wie vor bei den Ungeimpften quasi ‚Russisch Roulette‘. „Man kann nicht vorhersagen, wer sich wie stark infiziert und wie schwer ein Verlauf werden kann“, so Falk gegenüber dem RND.

Man müsse deshalb verhindern, dass diese vulnerablen Gruppen erneut gefährdet werden. „Bei diesem Virus darf man nicht darauf hoffen, dass alles gut geht.“ Eine dritte Impfung nach sechs Monaten sei eher noch zu früh – denn so lange halte der Immunschutz auf jeden Fall. „Die Frage wird auch sein: Schaffen wir es, eine vierte Welle zu verhindern? Wenn wir das jetzt mit möglichst vielen Erstimpfungen hinkriegen, kann man sich immer noch überlegen, ob man nach neun bis zwölf Monaten eine dritte Impfung verabreicht“, sagt Falk. Aber eines ist der Expertin zufolge klar: „Wenn wir sehen, dass sich wieder viele ältere Menschen infizieren, müssen wir schnell handeln.“

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