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Dritte Welle wäre „kaum noch zu verkraften“: Intensivmediziner fordern Lockdownverlängerung bis April

  • Der derzeit geltende Lockdown soll bis April verlängert werden, fordert die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.
  • Im Frühjahr drohe erneut ein starker Anstieg bei der Anzahl der Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf.
  • Es gebe jetzt nur ein kurzes Zeitfenster, um mit beschleunigten Impfungen und Maßnahmen der dritten Infektionswelle zuvorzukommen.
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Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) fordert eine Verlängerung der derzeitigen Lockdownmaßnahmen bis zum 1. April und erst danach langsame Öffnungen. „Sonst wird eine dritte Infektionswelle kaum bis überhaupt nicht beherrschbar sein“, betonte Gernot Marx bei einer Pressekonferenz mit weiteren Intensivmedizinern am Donnerstag. Lockerungen ab dem 7. März seien angesichts der veränderten Infektionsdynamik durch die Virusvariante B.1.1.7 und den nur langsam anlaufenden Corona-Impfungen fatal.

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Die Intensivmediziner plädieren stattdessen für eine R-Wert-gesteuerte Öffnungsstrategie. Ziel müsse sein, dass der R-Wert unter Einberechnung von Wildtyp und neuen Mutanten nicht über eins steigt. Es brauche zudem noch mehr Zeit, um ausreichend Menschen aus Risikogruppen mit einer Impfung zu schützen. Es seien ab Mitte März erneut starke Belastungen für die Kliniken, Intensivstationen und das Personal durch eine Spitzenbelastung mit rund 4000 Covid-19-Patienten zu befürchten. Erneut müssten dann auch andere Operationen, etwa von Tumor- und Herzpatienten, abgesagt werden.

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2898 Intensivpatienten mit Covid-19 werden, Stand 25. Februar, auf den Stationen in Deutschland behandelt. Die Lage sei aktuell zwar „spürbar besser als Anfang des Jahres“. Diese Zahl bei der Belegung entspreche aber immer noch dem Höhepunkt in der ersten Welle. Entspannung gebe es trotz vorerst gesunkener Zahlen zudem nicht für das Personal, weil viele durch die zweite Corona-Welle verschobene Behandlungen derzeit nachgeholt würden.

Noch bis April durchhalten für mehr Impfungen

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„Entscheidend ist, dass wir mit der Impfwelle vor die Infektionswelle kommen“, erläuterte Intensivmediziner Christian Karagiannidis den Hintergrund der Divi-Forderung. In Kooperation mit Mathematikprofessor Andreas Schuppert von der Technischen Hochschule Aachen stützen sich die Intensivmediziner auf ein Prognosemodell, das verschiedene Szenarien für die kommenden Wochen unter Einbeziehung von Krankenhausbelegungen, R-Wert, Impfraten und Ausbreitung der Mutation B.1.1.7 berechnet hat. Die Modellierung zeige eindrucksvoll, dass durch noch ein paar Wochen Disziplin bis Ende März eine erneute Infektionswelle mit Intensivpatienten auf den Stationen erspart bleiben könnte – wenn ausreichend geimpft wird.

Gerechnet werde bei frühen Lockerungen im ungünstigsten Szenario bereits Mitte Mai mit bis zu 25.000 Covid-19-Intensivpatienten, ein extrem hoher Wert, der Intensivstationen überfordern würde. Der bisherige Höchststand habe im Januar bei 6000 Intensivpatienten gelegen. Eine Fortführung des Lockdowns bis Anfang April brächte nach dem Prognosemodell bereits eine noch zu bewältigende Lage für die Intensivmedizin, mit rund 5000 Patienten Mitte Mai. Noch hilfreicher wäre laut Modell eine Öffnung zum 21. April. Dann gäbe es Mitte Mai nur rund 2500 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen.

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Die folgende Grafik, eines von mehreren möglichen Szenarien aus dem Prognosemodell, illustriert eindrücklich die Unterschiede, welche der Lockerungszeitpunkt auf die Bettenbelegung haben kann:

Intensivbettenbelegung bei Kontrolle des R-Wertes für den Wildtyp um eins (=1.35 für B 1.1.7) in Abhängigkeit von dem Zeitpunkt der Lockerung mit Erreichen des R-Wertes von eins für den WT. © Quelle: Divi

„Wir können es schaffen, durch geeignete Maßnahmen und eine intensivierte Impfstrategie Lockerungen ab April zu verantworten und gleichzeitig die Mutanten zu kontrollieren“, sagt Datenkenner und Mathematikprofessor Schuppert. Die Simulationen zeigten, dass mit einer erneuten sehr hohen Belastung zu rechnen sei. Wohingegen eine spätere Öffnung im April allenfalls mit einem nur geringen Anstieg der Covid-19-Patienten auf der Intensivstation einhergehe. Der Faktor Zeit sei entscheidend: Eine Beschleunigung der Impfungen bei allen über 35-Jährigen sei mit einer deutlich geringeren Belastung der Intensivstationen verbunden.

„Die Impfung ist der Rettungsanker“, betont auch Intensivmediziner Uwe Janssens, der bis Ende 2020 Divi-Vorsitzender war. Auch das Vakzin des Herstellers Astrazeneca sei ohne Bedenken zu empfehlen. Angesichts der Virusvarianten sei eine Lockdownstrategie über den 7. März hinaus notwendig. Natürlich sei die Bevölkerung wegen der lang anhaltenden Maßnahmen müde.

Es gebe aber gute Perspektiven für Sommer und Herbst, die bei erfolgreichen Impfungen eine zuverlässige Lockerung versprechen. Das gelte es nun nicht zu verspielen, es gelte angesichts der als realistisch einzustufenden Berechnungen so ein Horrorszenario zu vermeiden. „Eine erneute Belastung der Intensivstationen und Krankenhäuser ist nach erster und zweiter Welle für das Personal kaum noch zu verkraften“, sagte Janssens.

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