Dritte Corona-Welle: Gelten für die B.1.1.7-Mutation andere Verhaltensregeln?

  • Die Corona-Mutante B.1.1.7 beschleunigt nicht nur die Pandemie, sondern erhöht auch das individuelle Ansteckungsrisiko.
  • Spaziergang, Familientreffen an Ostern, gemeinsame Autofahrt: Müssen wir durch die Ausbreitung der neuen Variante noch mehr im Alltag aufpassen?
  • Das komme ganz auf die Art des Treffens, die Gesamtinzidenz in Deutschland – und jeden Einzelnen an, sagen Virologen.
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Die Corona-Mutante B.1.1.7. hat sich endgültig durchgesetzt. In etwa drei von vier Fällen wird die Variante inzwischen nachgewiesen. Und immer mehr Analysen von Epidemiologen, Kliniken, Gesundheitsämtern in Europa kommen zum selben Schluss: Die Mutante ist deutlich ansteckender – und wahrscheinlich auch tödlicher. B.1.1.7 bringt damit alle optimistischeren Prognosen zum Pandemieverlauf ins Wanken und beschleunigt die Infektionsdynamik zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn bisher wurde noch nicht genug geimpft.

Aber verändern die neuen Eigenschaften des Virus nun auch das individuelle Ansteckungsrisiko im Pandemiealltag? Also beim Routinespaziergang mit dem besten Freund, beim vorsichtig geplanten Familientreffen an Ostern, beim Joggen im Park?

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Angesichts der raschen Ausbreitung von B.1.1.7 stünden in Deutschland „leider wieder schwere Wochen bevor“, prognostizierte Lars Schaade. Eine Verschlimmerung der Lage um Ostern, vergleichbar mit der Zeit vor Weihnachten, sei gut möglich, sagte der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei einer Pressekonferenz am Freitag. Dann formulierte Schaade drei Sätze, die schon sehr oft als Standardformel für das empfohlene Verhalten in der Pandemie hergehalten haben – auch als es noch keine ansteckenderen Corona-Mutationen gab:

„Verbringen Sie die Ostertage nur im engsten Kreis und mit möglichst immer den gleichen Kontakten. Halten Sie viel Abstand – am besten an der frischen Luft. Verzichten Sie auf Reisen im In- und Ausland.“

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Kontaktnachverfolgung zeigt: B.1.1.7-Infizierte stecken mehr Kontakte an

Diese Aussage kennen viele Menschen bereits zu genüge. In ihr steckt aber auch eine gute Nachricht, die Corona-Experten seit dem Auftreten der neuen Mutante schon mehrfach betont haben: Im Grundsatz lässt sich – wie in Großbritannien auch sichtbar geschehen – die Ausbreitung der Mutante B.1.1.7 mit den gleichen Verhaltensweisen bremsen wie noch der Sars-CoV-2-Wildtyp während der zurückliegenden Infektionswellen.

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Trotzdem verändert sich das individuelle Ansteckungsrisiko im Detail. Auch dafür lohnt ein Blick nach Großbritannien. Einige der belastbarsten Daten zur Virusvariante kommen aus dem Land, wo die Variante im Dezember 2020 zuerst entdeckt wurde. Dort werden nicht nur sehr gewissenhaft epidemiologische Daten zur allgemeinen Ausbreitung in der Bevölkerung erhoben, sondern auch Erkenntnisse aus der direkten Kontaktnachverfolgung durch die britischen Gesundheitsämter gewonnen.

Wohl höheres Risiko – auch bei Abstand

Aus den Daten gehe auch hervor, welchen Prozentsatz aller Kontakte eine infizierte Person im Durchschnitt angesteckt hat, erklärt der Virologe Marco Binder, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zu Sars-CoV-2 forscht. Fachleute schauen dafür auf die „sekundäre Befallsrate“. Anhand dieser kann verglichen werden, ob sich die Ansteckungswahrscheinlichkeit unterscheidet zwischen mit dem Wildtyp und durch die Variante infizierten Personen.

„Dabei zeigte sich, dass bei B.1.1.7-Fällen circa 15 Prozent aller Kontakte angesteckt wurden, während das bei Wildtyp-Fällen nur bei 11 Prozent der Fall war. Das entspricht einer um etwa 34 Prozent erhöhten Ansteckungsrate“, erläuterte Binder dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Diese Ergebnisse deckten sich relativ gut mit den Berechnungen aus der bevölkerungsweiten Ausbreitungsgeschwindigkeit. Zudem wurde in der Analyse die Art und Weise des Kontakts unterschieden:

  • Direkter Kontakt: Dazu zählen geringer Abstand, ein direktes Gespräch, Körperkontakt.
  • Naher Kontakt: Der Abstand ist kleiner als zwei Meter, das Gespräch dauert mindestens 15 Minuten. Dazu zählt auch eine gemeinsame Fahrt im Auto.
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Das Ansteckungsrisiko für beide Kontaktarten war ähnlich erhöht – wobei der Unterschied der „nahen Kontakte“ etwas ausgeprägter war. „Man muss also in der Tat von einem erhöhten Risiko ausgehen, auch wenn man Abstand hält oder lediglich zusammen in einem Fahrzeug sitzt“, resümiert Virologe Binder aus den Daten. „Ohne noch genauere Untersuchungen zu kennen, würde ich davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung bei allen Anlässen um besagte 30 bis 50 Prozent höher liegt, wenn es sich um die B.1.1.7-Variante handelt.“

Ansteckungsrisiko auch im Freien erhöht – aber immer noch gering

Das bedeute aber auch, dass in Situationen, in denen ein sehr niedriges Ansteckungsrisiko zu erwarten ist, sich dieses sehr minimale Risiko um 30 Prozent erhöht. Inzwischen gehen Wissenschaftler davon aus, dass das Ansteckungsrisiko im Freien beim Coronavirus rund 20-fach niedriger ausfällt als in geschlossenen Räumen. Wenn sich dieses „sehr geringe Restrisiko“ durch B.1.1.7 um das 1,3-fache erhöhe, also 30 Prozent, bleibe es trotzdem ein relativ geringes Risiko, sagt Binder. „Ich gehe darum nicht davon aus, dass durch das Vorherrschen der neuen Variante nun eine nennenswerte Gefahr besteht, sich im Vorbeigehen an Passanten, oder auch am entgegenkommenden Jogger anzustecken.“

Hohe Corona-Inzidenz erhöht das Ansteckungsrisiko

Nun läuft Deutschland gerade in die dritte Infektionswelle hinein. Die bundesweite 7-Tages-Inzidenz hat in kurzer Zeit fast die 100 erreicht. Auch die Positivenrate bei den Tests steigt seit vergangener Woche wieder. Und der Sieben-Tage-R-Wert liegt seit Tagen oberhalb der kritischen Marke von eins. Eines dürfe dem Virologen zufolge deshalb nicht vergessen werden: Wenn in der Bevölkerung die Fallzahlen insgesamt ansteigen, dann erhöht sich in gleichem Maße auch die Chance, dass eine beliebige Person, der man im Alltag begegnet, Virusträger ist.

„Das heißt, mit steigender Inzidenz erhöht sich unser Ansteckungsrisiko ganz allgemein“, erklärt Binder. „Und darum ist es, gerade jetzt mit der neuen Variante, umso wichtiger, dass jeder einzelne darauf achtet, nicht zur weiteren Ausbreitung des Virus beizutragen.“ Für das ursprüngliche genau wie für das mutierte Virus gelte: „Je weniger Menschen um mich herum infiziert sind, umso geringer ist mein Risiko, mich anzustecken.“

Ostern: kleine Familientreffen, Maske, Lüften, keine Reise

RKI-Vizepräsident Lars Schaade hat mit seiner vielfach erwähnten Formel zur Eindämmung also weiterhin Recht. Die gleichen Maßnahmen bleiben auch bei der britischen Variante relevant, um im Freien und in Innenräumen das Risiko in jeder einzelnen Situation möglichst gering zu halten. So sieht das auch Binder. „Ich sehe nicht die Notwendigkeit, an unseren verinnerlichten Maßnahmen etwas zu verändern. Wir müssen sie nur wieder konsequenter anwenden und uns so wenig Ausnahmen wie nur möglich erlauben“, appelliert der Virologe.

Also, vor allem in Innenräumen: Konsequent Maske tragen, Räume nur mit geringer Personenzahl belegen, regelmäßig gut durchlüften. Der Essener Virologe Ulf Dittmer rät zudem dazu, auf Urlaubsreisen rund um Ostern zu verzichten. „Über Ostern haben wir in den allermeisten Ländern außer Israel keine stabile Lage“, sagte der Leiter des Instituts für Virologie an der Uniklinik Essen. „Auch die Lage auf den Balearen halte ich nicht für stabil.“ Es könne auch dort schnell wieder in die andere Richtung gehen. „Ich würde es jetzt nicht tun über Ostern.“ Jeder solle sich genau überlegen, was er an Urlaub verantworten könne. Auch bei einem innerdeutschen Urlaub etwa in einer Ferienwohnung, gibt Dittmer zu bedenken: „Virusverbreitung und Infektionszahlen haben etwas mit Mobilität zu tun. Und natürlich würde das die Mobilität erhöhen.“

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