Mathematikerin zu Corona-Mutationen: „Im April könnte es in Deutschland wieder sehr hohe Fallzahlen geben“

  • Die Mathematik-Professorin Anita Schöbel warnt vor einer möglichen dritten Infektionswelle im Frühjahr.
  • Die Effekte durch das Impfen und die milderen Temperaturen könnten die neue Dynamik der Mutanten wohl nicht ausgleichen.
  • Deutschland brauche einen Stufenplan, der ein Mittelweg zwischen No Covid und zu schnellen Lockerungen sein sollte.
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Deutschland ist auf der Suche nach einem Plan. Und das bei neuen Herausforderungen, durch die rasante Ausbreitung der Virusvariante B.1.1.7. Neben der No-Covid-Strategie unter der Federführung der Virologin Melanie Brinkmann und einem um den Epidemiologen Klaus Stöhr erarbeiteten Stufenplan mit einkalkulierter Klinikbelastung gibt es nun ein drittes Modell. Das schlägt sehr vorsichtige Lockerungen ohne Jojo-Effekt ab einer Sieben-Tage-Inzidenz mit einem gewissen Puffer unter 50 vor – ohne aber eine Abfolge von Lockerungen und Lockdowns zu riskieren.

Sieben Wissenschaftler sind am Vorschlag beteiligt, darunter etwa die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek und die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Auch die Mathematikerin Anita Schöbel hat daran mitgearbeitet. Im RND-Interview berichtet die Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik, wieso sie einen Mittelweg für die beste Option hält, unter welchen Voraussetzungen Öffnungen jetzt noch möglich sind – und wieso die Virusmutationen Pläne im Frühjahr umso schwieriger werden lassen.

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Der rückläufige Trend fallender Infektionszahlen der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort, berichtete diese Woche RKI-Präsident Wieler. Haben wir noch Spielraum, eine dritte Infektionswelle zu stoppen?

Diese Woche sind die Infektionszahlen das erste Mal wieder etwas hochgegangen. Wir sehen in unseren Simulationen, dass der R-Wert in einigen Bundesländern nicht weiter fällt. Insbesondere da, wo die neue Variante schon mehr unterwegs ist. Das heißt, wir sind auch jetzt wieder in einer kritischen Phase, in der wir aufpassen müssen, nicht sofort wieder zu verlieren, was wir uns erkämpft haben. Im letzten Herbst hat sich gezeigt, was passiert, wenn die Grenzwerte nicht ernst genommen werden. Es hätten viele Todesfälle vermieden werden können, wenn früher eingegriffen worden wäre. Dasselbe könnte jetzt wieder passieren. Im April könnte es in Deutschland wieder sehr hohe Fallzahlen geben.

Wieso ist diese Phase in der Corona-Pandemie gerade wieder so unsicher?

Es ist inzwischen gut belegt, inwiefern menschliches Verhalten die Infektionsdynamik beeinflussen kann. Trotzdem sind exakte Prognosen im Moment wieder schwieriger. Bei 22 Prozent der Testproben in Deutschland wurde inzwischen die B.1.1.7-Variante nachgewiesen. Die Eigenschaften der neuen Mutante sind aber noch nicht hinreichend bekannt. Es gibt bislang nur Schätzungen, wie viel schneller sie sich ausbreitet.

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Lässt sich die von vielen Wissenschaftlern befürchtete dritte Infektionswelle durch andere Effekte aufhalten?

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Der Impfeffekt und auch der saisonale Effekt können die neue Dynamik durch die Virusmutation noch nicht ausgleichen. B.1.1.7 wird sich weiter ausbreiten, insbesondere, wenn wir ab März wieder lockern. Wie immer bei Corona dauert es zwar noch ein bisschen, bis das sichtbar wird. Das Virus schleicht sich erst langsam an – und dann kommt es plötzlich dicke.

Es wird zwar zu sehen sein, dass die Sterblichkeit im Frühsommer durch die Impfungen nicht mehr so hoch ist wie jetzt. Das zeigen auch unsere Simulationen. Wenn die Neuinfektionen bei Lockerungen aber drastisch steigen, werden sie auch wieder Erkrankungen und Todesfälle nach sich ziehen. Die Anzahl der Kontakte ist wahrscheinlich noch bis zum Sommer der relevantere Faktor als die Impfgeschwindigkeit. Es hängt also weiterhin sehr stark davon ab, wie sich die Menschen verhalten.

Anita Schöbel ist Professorin an der Technischen Universität Kaiserslautern und Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft. © Quelle: Fraunhofer ITWM

Also ist es mit Blick auf mögliche Szenarien keine gute Idee, ab März einzelne Bereiche wieder zu öffnen?

Wir haben schon viel geschafft und sind im Moment in vielen Landkreisen wieder auf einem Niveau, wo man gut nachverfolgen kann. Deshalb ist unsere dringende Empfehlung, noch nicht jetzt zu lockern, sondern etwas länger durchzuhalten. Das Ziel sollte sein, dass trotz Lockerungen die Inzidenzen weiter heruntergehen. Je kleiner die Inzidenzen, umso leichter ist das Virus zu kontrollieren, umso mehr Freiheiten gibt es und umso weniger Menschen sterben.

Warum?

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Wenn die Schulen, einzelne Geschäfte und Friseure wieder in einen eingeschränkten Regelbetrieb gehen, werden wieder viel mehr Kontakte da sein. Das zusammen mit dem Effekt, dass sich die neue Variante gerade anschleicht, kann die Fallzahlen leicht wieder zum Explodieren bringen. Wenn wir aber so weitermachen würden wie bisher, hätten wir bessere Chancen, gegen die neue Variante anzukommen, weil wir dann die Fallzahlen durch Nachverfolgung kontrollieren können.

Zwischen No Covid und Stufenplan einen Mittelweg finden

Gibt es keine Alternative zu Kontaktbeschränkungen und Schließungen?

Die Regeln sind nach einem Jahr nur noch schwer zu ertragen. Corona macht die Ungleichheiten noch schärfer – sowohl was Bildung als auch Armut und Reichtum angeht. Aber es ist gerade deshalb auf lange Sicht besser, jetzt noch etwas länger die Maßnahmen durchzuhalten und dann nachhaltiger öffnen zu können. Wenn wir jetzt schon die Läden und Restaurants aufmachen, gehen die Zahlen direkt wieder hoch und es muss wieder alles zugemacht werden. Wir sind noch nicht in einer Situation, in der die Impfungen irgendetwas abfangen würden.

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Sie haben mit sechs weiteren Wissenschaftlern, darunter Sandra Ciesek und Viola Priesemann, einen Strategieplan entworfen. Worin unterscheidet er sich vom No-Covid-Ansatz und dem von Klaus Stöhr vorgelegten Stufenplan?

Wir haben versucht, einen Mittelweg zu finden. Natürlich wäre No Covid langfristig ideal. In der aktuellen Situation gibt das aber keine echte Perspektive. Es bräuchte sehr lange, um diesen Zustand zu erreichen mit fast keinen Fällen mehr. Wir sehen es als unrealistisch an, das halten zu können. Dafür müssten alle Grenzen geschlossen werden und die ganze Welt mitmachen.

Es ist aber auch keine gute Lösung, das Gesundheitswesen dauerhaft an die Grenze des Belastbaren zu führen. Das würde viel zu viele Erkrankte und Tote einfordern, das Virus wäre bei hohen Fallzahlen auch viel schwieriger zu kontrollieren. Auch wenn die Älteren durch die Impfung geschützt sind, werden die Intensivstationen bei größeren Lockerungen voll bleiben – nur dann mit jüngeren Patientinnen und Patienten.

Was sind die zentralen Bausteine, die Sie der Politik vorschlagen?

Wir schlagen vor, bundesweit eine Sieben-Tages-Inzidenz von 10 anzustreben. Dieses Ziel haben wir vergangenen Sommer bereits erreicht, ist aber momentan in vielen Landkreisen noch weit weg. Auch vorher kann schon mit leichten Lockerungen begonnen werden. Wichtig ist dabei aber, dass das Infektionsgeschehen ganz genau beobachtet wird.

Die Lockerungen dürfen nicht dazu führen, dass die Zahl der Infektionen wieder hochgeht. Die Zahlen müssen weiter absinken. In dem Moment, in dem es wieder hochgeht, muss man sofort bereit sein, die Lockerungen zurückzunehmen. Die absolute Obergrenze sollte in allen Bundesländern und Landkreisen die 50 sein. Eigentlich braucht es aber noch einen gewissen Puffer für schwer absehbare Entwicklungen wie die Mutationen.

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Angst vor Mutationen: Wichtige Corona-Kennziffer gestiegen
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Das Robert Koch-Institut hat 9164 Corona-Neuinfektionen und 490 neue Todesfälle innerhalb eines Tages gemeldet.  © dpa

Welche Kontakte lassen wir zu? Schulen öffnen, dafür weiter Homeoffice

In welchen Bereichen sollte mit ersten Lockerungen begonnen werden?

Das ist eine politische Abwägung. Wir können uns als Gesellschaft bei Lockerungen in den kommenden Wochen und Monaten nur ein paar Kontakte erlauben. Man muss sich deshalb klarmachen, dass wenn ein Bereich aufmacht, andere weiter zurückstehen müssen. Deshalb empfiehlt sich beispielsweise bei Schulöffnungen, die Homeoffice-Regelung fortzuführen.

Jens Spahn zufolge werden die PCR-Tests und Schnelltestkapazitäten für alle Bürger ab März ausgeweitet. Kann es dadurch auch mehr Freiheiten geben?

Mehr Tests haben zwei Effekte: Als Einzelperson habe ich eine höhere Sicherheit, nicht ansteckend zu sein, beispielsweise vor dem Schul- oder Verwandtenbesuch. Mehr Tests geben aber auch mehr Einsicht darüber, wo sich Menschen anstecken und ob einzelne Maßnahmen wirken. Beispiel Schule: Werden plötzlich viele Lehrkräfte und Kinder an einem Standort positiv getestet, scheint es einen Infektionsherd zu geben. Es können dann auch besser Rückschlüsse darauf gezogen werden, ob dort die Hygienekonzepte funktionieren. Das Gleiche gilt für Supermärkte, oder andere Bereiche, wo sich Personen treffen.

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