Dritte Corona-Impfung: Ist sie wirklich nötig?

  • Biontech/Pfizer würden zur Auffrischung gerne ein drittes Mal gegen das Coronavirus impfen.
  • Doch die Behörden in den USA und Europa halten das nicht für nötig.
  • Die Weltgesundheitsorganisation fordert, Corona-Vakzine erst armen Ländern anzubieten, in denen die meisten Menschen noch nicht einmal Zugang zu einer Impfdosis hatten.
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Ginge es nach Biontech/Pfizer, würden alle Geimpften bald eine dritte Dosis ihres Corona-Vakzins erhalten. Als Booster soll diese den Impfschutz verbessern und die Wirkung der ersten beiden Impfungen verlängern. Doch die Gesundheitsbehörden in den USA und Europa sehen dafür keine Notwendigkeit. Tatsächlich werden schwere Verläufe und Todesfälle selbst ein halbes Jahr nach der zweiten Impfung noch recht zuverlässig verhindert.

Für eine dreimalige Impfung ist bisher noch kein Corona-Impfstoff zugelassen. Biontech/Pfizer hatten aber angekündigt, eine solche Zulassung bei den US-Behörden und der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA beantragen zu wollen. Man gehe davon aus, dass eine dritte Dosis innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach der vollständigen Impfung erforderlich sein werde, heißt es in einer Pressemitteilung der Unternehmen vom 8. Juli.

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Daten zur Dauer des Immunschutzes reichen noch nicht aus

Die drei obersten zuständigen US-Gesundheitsbehörden kommen allerdings zu einer anderen Einschätzung. Sie veröffentlichten eine eigene Pressemitteilung. Darin heißt es, vollständig geimpfte Personen seien vor schwerer Krankheit und Tod durch das Coronavirus geschützt, das gelte auch für Varianten für Delta. Praktisch alle Krankenhausaufenthalte und Todesfälle durch Covid-19 träten inzwischen bei Ungeimpften auf.

Das Fazit der Experten: „Amerikaner, die vollständig geimpft sind, brauchen zu diesem Zeitpunkt keine Boosterimpfung.“ Die Europäische Arzneimittelagentur EMA teilte ebenfalls mit, es sei „derzeit noch zu früh um sagen, ob und wann eine weitere Boosterimpfung benötigt werde. Es seien noch nicht genug Daten dazu verfügbar, wie lange der Immunschutz einer Impfung anhalte.

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Hersteller berufen sich auf Daten aus Israel

Tatsächlich räumen auch die Hersteller ein, dass der Impfschutz vor schweren Verläufen selbst nach sechs Monaten „weiterhin hoch“ sei. Der Schutz vor symptomatischen Verläufen insgesamt und Infektionen sinkt ihnen zufolge aber sechs Monate nach der zweiten Impfung.

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Die Kommissionspräsidentin von der Leyen betonte am Dienstag, dass man bei den Impfungen gegen Corona nicht nachlassen dürfe.  © Reuters

Biontech/Pfizer berufen sich unter anderem auf Daten aus Israel. Dort hatte das Gesundheitsministerium festgestellt, dass die Wirkung des Biontech/Pfizer-Vakzins „Comirnaty“ nachgelassen hat. Es konnten zuletzt nur noch 41 Prozent der symptomatischen Covid-19-Erkrankungen verhindert werden, während noch im Mai über 90 Prozent aller symptomatischen Erkrankungen verhindert worden seien, wie „The Times of Israel“ berichtet. Es wurden aber immer noch 91 Prozent der schweren Verläufe verhindert (ursprünglich 98 Prozent).

Grund für die Impfdurchbrüche war allerdings nicht ein allgemeines Nachlassen des Impfschutzes, sondern die Ausbreitung der Delta-Variante, die in Israel für fast alle Neuinfektionen verantwortlich ist. Es bleibt aber völlig offen, ob eine Boosterimpfung mit demselben Biontech/Pfizer-Vakzin den Schutz vor der Variante verbessern könnte.

Studie zur Wirkung der dritten Dosis

Biontech/Pfizer untersuchen die Wirkung einer dritten Dosis derzeit in einer noch laufenden Studie. Erste Ergebnisse sollen gezeigt haben, dass diese hohe Antikörperspiegel erzeugt – allerdings gegen den Wildtyp und die zuerst in Südafrika entdeckte Beta-Variante des Virus. Diese Varianten spielen aber in vielen Ländern nur noch eine untergeordnete Rolle, ganz im Gegensatz zur Delta-Variante, die längst auch in Deutschland dominiert. Ein weiterer, an die Delta-Variante angepasster Impfstoff befindet sich bei Biontech/Pfizer in der Entwicklung. Erst im August sollen aber die Studien dazu beginnen.

Obwohl es wenige Erkenntnisse zum Nutzen gibt und die Zulassung einer dritten Impfdosis noch in keinem offiziellen Verfahren beantragt oder genehmigt wurde, werden in Israel nun Personen mit geschwächtem Immunsystem ein drittes Mal geimpft. Auch bei allen anderen Geimpften war dieser Schritt in Erwägung gezogen worden. Eine Expertenkommission hatte sich aber zuletzt dagegen ausgesprochen. Es sei besser abzuwarten, bis der neue Impfstoff gegen die Delta-Variante zur Verfügung stehe.

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Aber nicht nur der Nutzen einer dritten Impfdosis ist fraglich. Es ist auch nicht auszuschließen, dass eine dritte Impfung das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen könnte, wenn sie zu früh erfolgt. In der noch unveröffentlichten Studie von Biontech/Pfizer sollen die Antikörpertiter nach der dritten Impfung fünf- bis zehnmal höher gewesen sein als nach den ersten beiden Impfdosen. Das bedeutet, dass es kurzfristig zu einer sehr starken Aktivierung des Immunsystem kommt, auch überschießende Reaktionen könnten daher die Folge sein.

WHO: Impfstoffe lieber in arme Länder liefern

Ähnlich hohe, bis zu zehnfach erhöhte Antikörperspiegel waren bereits bei Genesenen beobachtet worden, die zusätzlich geimpft worden waren. Bei ihnen traten deutlich mehr Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Kälteschauer, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen auf. Um das Risiko für unangenehme Nebenwirkungen möglichst gering zu halten, empfiehlt das Robert Koch-Institut Genesenen, die sich zusätzlich impfen lassen wollen, sechs Monate damit abzuwarten. Biontech und Pfizer geben an, dass in ihrer laufenden Studie die dritte Impfung ein „konsistentes Verträglichkeitsprofil“ aufweise. Allerdings ist nicht bekannt, wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die noch laufende Studie hatte.

Deutlich gegen die Einführung einer dritten Dosis ausgesprochen hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Michael Ryan, Direktor des Notfallprogramms der WHO, sagte auf einer Pressekonferenz, reiche Länder sollten Impfungen besser armen Ländern zukommen lassen, ehe sie sich eine dritte Dosis reservieren. Andernfalls werde man sich später dafür schämen. WHO General-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus appellierte auch an die Hersteller. Diese sollten ihre Impfstoffe nun besser armen Ländern zukommen lassen. Dort haben viele Menschen der Risikogruppen noch nicht einmal Zugang zu einer Impfdosis gehabt.

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