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Dramatischer Appell italienischer Ärzte: “Die Seuche in Bergamo ist außer Kontrolle”

  • 13 Ärzte des “Papa Giovanni XXIII. Hospitals" haben sich im norditalienischen Bergamo mit einem offenen Brief im “New England Journal of Medicine” (NEJM) an die Öffentlichkeit gewandt.
  • Sie berichten, dass sie weit über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus arbeiten.
  • In ihrem Schreiben machen sie sich auch Gedanken darüber, wie die nächste Pandemie zu bewältigen wäre.
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13 Ärzte eines Krankenhauses in Norditalien schlagen Alarm in Sachen Coronavirus. Ihr Artikel im “New England Journal of Medicine” soll ein Weckruf sein. Das Hospital, das den Namen von Papst Johannes XXIII. trägt, liegt in Bergamo, dem Zentrum der italienischen Covid-19-Pandemie. Schon die Überschrift des Appells in der höchst angesehenen und seriösen Fachzeitschrift liest sich wie ein schrilles Alarmsignal in einem ansonsten extrem rationalen wissenschaftlichen Umfeld: “Im Epizentrum der Covid-19-Pandemie und der humanitären Krise in Italien: Perspektivwechsel bei Vorkehrungen und Schadensbegrenzung”.

“Während einer Pandemie”, so beginnen die Ärzte ihr Resümee, “ist eine patientenorientierte Behandlung unzulänglich. Sie sollte durch eine gesellschaftsorientierte Behandlung ersetzt werden. Lösungen für Covid-19 sind erforderlich für die gesamte Gesellschaft – nicht nur für Krankenhäuser. Die Katastrophe, die sich gerade in der reichen Lombardei ereignet, könnte überall passieren. Wir Kliniker eines Krankenhauses, das im Epizentrum liegt, raten dringend zu einem Langzeitplan für die nächste Pandemie. Wir arbeiten im ‘Papa Giovanni XXIII Hospital’ in Bergamo, einer nagelneuen, perfekt ausgestatteten Institution mit 48 Intensivbetten. Obwohl wir in einer relativ kleinen Stadt leben, ist dies das Epizentrum der italienischen Pandemie, mit derzeit (Stand 21.03.) 4305 Fällen – mehr als in Mailand oder irgendwo sonst im Land. Die Lombardei ist eine der reichsten und dichtest-besiedelten Regionen in Europa – und die momentan meistbetroffene.”

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Ältere Patienten sterben allein – ohne hinreichende Palliativhilfe

Die Ärzte schildern weiter, dass ihr Krankenhaus hoch kontaminiert – und ein Wendepunkt nicht in Sicht sei: 300 der 900 Betten seien mit Covid-19-Patienten belegt. Ganze 70 Prozent aller Intensivbetten seien für Covid-19-Patienten in kritischem Zustand, aber mit einer vernünftigen Überlebenschance reserviert. Die Situation sei jämmerlich, man arbeite weit unter dem gewohnten Standard. Die Wartezeiten für ein Intensivbett betrügen Stunden. Ältere Patienten würden nicht wiederbelebt – sie sterben, so die Ärzte in ihrem Schreiben, allein und ohne hinreichende Palliativunterstützung. Die Angehörigen würden telefonisch benachrichtigt – häufig von gutmeinenden, aber gänzlich erschöpften und emotional ausgelaugten Ärzten ohne jeden Vorkontakt zu Fall und Angehörigen.

Westliche Gesundheitssysteme seien bisher grundsätzlich auf dem Prinzip der patientenorientierten Behandlung aufgebaut. Eine Epidemie verlange allerdings einen Perspektivwechsel in Richtung eines gemeinschaftsorientierten Behandlungskonzepts. Allerdings sei die Situation in den angrenzenden Gebieten noch schlimmer, so die Ärzte aus Bergamo. Die meisten Krankenhäuser seien überfüllt und stünden kurz vor dem Kollaps. Medikamente, manuelle Beatmungsgeräte, Sauerstoff und persönliche Schutzkleidung und Masken seien nicht verfügbar.

“Die Seuche in Bergamo ist außer Kontrolle”

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“Die Patienten liegen auf Matratzen auf dem Boden. Das Gesundheitssystem versucht vergebens, die normale Versorgung wie Schwangerenbetreuung und Geburtshilfe aufrechtzuerhalten, während die Friedhöfe überfüllt sind, was zu weiteren Problemen des Gesundheitswesens führen wird. In den Krankenhäusern sind medizinisches Personal und Hilfskräfte allein und versuchen das System aufrechtzuerhalten. Außerhalb der Hospitäler sind die Kommunen sich selbst überlassen, Impfprogramme sind eingefroren, und die Situation in Gefängnissen wird explosiv, da es dort keine Möglichkeit des Social Distancing gibt. Wir sind seit dem 10. März in Quarantäne. Unglücklicherweise scheint die Welt nicht mitzukriegen, dass in Bergamo die Seuche außer Kontrolle ist”, heißt es in dem brisanten Schreiben.

Dringend gefragt seien jetzt Experten für Gesundheitssysteme und Epidemien, allerdings, so die Ärzte aus Bergamo, sei das bisher nicht ins Bewusstsein der Entscheidungsträger auf nationaler, regionaler und auf Krankenhausebene angekommen. “Uns fehlt die Erfahrung mit epidemischen Situationen, die uns helfen könnte, spezielle Maßnahmen gegen epidemiologisch negative Verhaltensweisen zu ergreifen.”

Krankenhäuser erleichtern Infizierung

Die Ärzte aus Bergamo hätten beispielsweise in den vergangenen Wochen gelernt, dass Krankenhäuser zu Covid-19-Herden mutieren könnten, da sie mit hoher Frequenz von infizierten Patienten belegt würden und so eine Übertragung des Virus auf nicht infizierte Patienten erleichterten. “Patienten werden mit unserem regionalen Ambulanzsystem transportiert, was wiederum dazu führt, dass die Krankheit sich verbreitet, da die Krankenwagen und deren Personal schnell zu Multiplikatoren werden. Medizinisches Personal ist entweder ein asymptomatischer Träger des Virus oder erkrankt ohne Überwachung; einige von ihnen könnten sterben – auch junge Leute – was den Stress derer noch verstärken würde, die an vorderster Front stehen”, heißt es in dem dramatischen Appell. Deshalb müssten pandemische Lösungen für die gesamte Bevölkerung gelten, nicht nur für Krankenhäuser.

Die Katastrophe könne nur noch dadurch abgewendet werden, dass massenhaft öffentliche Maßnahmen getroffen würden. Pflege zu Hause und mobile Kliniken würden unnötige Bewegungen potenzieller Virusträger und -opfer verhindern und Druck von den Krankenhäusern nehmen. Eine frühzeitige Therapie mit Sauerstoff, Pulsoximeter (Geräte, die am Finger den Sauerstoffgehalt des Blutes messen können, Red.) und Nahrungsmittel könnten Menschen bei einem milden Krankheitsverlauf nach Hause geliefert werden. So ließe sich ein breit gefächertes Überwachungssystem mit adäquater Isolierung durchsetzen, das auch innovativen telemedizinischen Instrumentarien zum Durchbruch verhelfen könnte.

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Lage in Italien wird immer dramatischer
1:20 min
Das Land hat im Zuge der Coronavirus-Pandemie mehr Todesfälle als China gemeldet.  © Daniel Killy/Reuters

Dieser Ansatz würde eine Hospitalisierung von Patienten auf eine definierte Zielgruppe Schwersterkrankter reduzieren, Patienten und medizinisches Personal schützen und den Bedarf an Schutzkleidung reduzieren. In Krankenhäusern sollte der Schutz des Personals Priorität haben. Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung der Ansteckung müssten massiv verstärkt werden – überall, auch in Fahrzeugen. “Wir brauchen spezielle Covid-19-Pavillons und auch spezielles Personal, das von virusfreien Bereichen abgeschottet ist.”

“Wir brauchen einen langfristigen Plan für die nächste Epidemie”

“Der derzeitige Ausbruch”, so die italienischen Mediziner, “ist mehr als ein Phänomen der Intensivpflege – es ist eher eine Krise des Gesundheitssystems und eine humanitäre Krise.” Um diese Krise zu bestehen, bräuchte es Sozialwissenschaftler, Epidemiologen, Logistikexperten, Psychologen und Sozialarbeiter. “Wir brauchen dringend humanitäre Organisationen, die die Wichtigkeit eines lokalen Engagements begreifen. Ein Lockdown ist das allerwichtigste: Social Distancing hat in China die Verbreitung um etwa 60 Prozent reduziert. Aber eine weitere Infektionswelle wird wahrscheinlich in dem Moment losbrechen, indem restriktive Maßnahmen gelockert werden, um größere wirtschaftliche Konsequenzen zu verhindern. Wir brauchen dringend einen langfristigen Plan für die nächste Epidemie.”

Die Ärzte schließen ihren Appell mit einer weiteren dramatischen Zuspitzung: “Das Coronavirus ist das Ebola der Reichen und verlangt koordinierte internationale Anstrengungen. Es ist nicht besonders tödlich, aber höchst ansteckend, je medikalisierter und zentralisierter eine Gesellschaft ist, desto höher der Verbreitungsgrad. Eine Katastrophe, die sich in der wohlhabenden Lombardei ausbreitet, könnte überall passieren.”

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Christian Drosten, Virologe und Institutsdirektor an der Berliner Charité bezeichnete das Schreiben seiner italienischen Kollegen als “Weckruf aus Bergamo”. Weiter schrieb er auf Twitter: “Dringende Leseempfehlung. Alle Entscheider sollten diesen Text kennen.”


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