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Digitalisierungsexpertin: „Patienten werden im Krankenhaus noch ins Mittelalter katapultiert“

  • Viele Kliniken in Deutschland vertrauen noch auf papierbasierte statt digitale Systeme.
  • Das führe zu Frust bei Patienten und sei auch für Ärzte und Pflegende nicht mehr zeitgemäß, kritisiert die Digitalexpertin Dr. Anke Diehl im RND-Gespräch.
  • Wie könnte also das digitale Krankenhaus der Zukunft aussehen, was ist bereits alles möglich – und wo liegen die Grenzen?
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Das Zahnbonusheft, der Impfausweis, das Ausfüllen von Unverträglichkeiten vor der OP, operieren und zwischendurch Röntgenaufnahmen am Bildschirm prüfen: In vielen Ländern läuft das alles schon elektronisch. In der Pandemie zeigt sich nun umso mehr, dass in Deutschland auch das Gesundheitswesen bei der Digitalisierung noch weit hinterherhinkt – und vorwiegend noch auf Papiersysteme vertraut.

Dr. Anke Diehl will das ändern. Im RND-Gespräch erklärt die Leiterin der neuen Stabsstelle für Digitale Transformation des Klinikverbundes Universitätsmedizin Essen, wie sie sich vorstellt, das Potenzial der Digitalisierung für Krankenhäuser besser nutzen zu können – zumal ihr bei der gegenwärtigen Zettelwirtschaft oft der Frust von Patienten begegne.

Seit 2015 ist Dr. Anke Diehl an Projekten der Smart-Hospital-Initiative beteiligt. Darin werden neue Konzepte am Essener Standort erprobt. Um das dort gewonnene Wissen in weitere Kliniken zu streuen, betreut sie zudem ein staatlich gefördertes Konsortium, an dem die Universitätsmedizin Essen, verschiedene Wissenschaftler und Beratungsunternehmen neue Anwendungen im medizinischen Bereich entwickeln, etwa mithilfe künstlicher Intelligenz. © Quelle: O. Hartmann
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Frau Diehl, wie steht es um die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen?

Anke Diehl: Die Pandemie hat gezeigt, dass Deutschland mit der Digitalisierung schlecht aufgestellt ist, auch im Gesundheitswesen. Eine durchgängige Nutzung einer elektronischen Patientenakte in Krankenhäusern – nicht zu verwechseln mit der übergreifenden elektronischen Patientenakte der Krankenkassen – ist leider noch die Ausnahme. Viele Krankenhäuser vertrauen auf papierbasierte Systeme, statt auf zentrale digitale Dokumentationen.

Was ist dabei das Problem?

Die Patienten fragen sich dann, wieso sie bei einem Aufenthalt die gleichen Fragen an fünf unterschiedlichen Stellen erneut auf einem Stück Papier beantworten müssen. Es fehlt auch noch eine Infrastruktur, mit der man die Gesundheitsdaten entsprechend gut bewegen und von einem zentralen Ort aus nutzen kann. Man denke aktuell beispielsweise an den Impfausweis in Papierform oder das Zahnbonusheft – perspektivisch sind diese Anwendungen für die elektronische Patientenakte vorgesehen.

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In anderen Ländern ist das in digitaler Form schon länger Standard. Wenn Sie beispielsweise in Dänemark von einer Ärztin oder einem Arzt ein Rezept verschrieben bekommen, läuft das natürlich elektronisch. Beim Besuch in der Apotheke muss auch kein auf Papier ausgedrucktes Rezept vorgelegt werden.

Smarte Kliniken? Gesundheitsdaten sind schlecht verknüpft

Sie wollen das ändern – und betreuen mehrere Projekte, welche die digitale Transformation in Kliniken voranbringen sollen. Dabei fällt auch der Begriff Smart Hospital. Was ist damit gemeint?

Smart Hospital bedeutet, dass wir die Digitalisierung und künstliche Intelligenz durchgängig in allen Bereichen eines Krankenhauses integrieren wollen. Im Moment lagern die Gesundheitsdaten von Patienten noch oft in verschiedenen Datencontainern und Systemen. Sie sind schlecht miteinander verknüpft. „Smart“ ist das aus unserer Sicht erst dann, wenn die Systeme und gesammelten Daten miteinander kommunizieren, die gleiche digitale Sprache sprechen und dadurch Prozesse im Klinikalltag vereinfachen – zugunsten der Menschen, der Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten und der Angehörigen.

Ein Beispiel?

Mal angenommen, Sie kommen für eine geplante Operation in ein Krankenhaus. Im Moment ist es dort oft so, dass bei der Ankunft händisch eine ganze Reihe Dokumente ausgefüllt werden. Die werden dann eingescannt und ausgedruckt, liegen aber nicht in einem Datenformat vor, mit dem digitale Systeme sofort arbeiten könnten – und auf das Ärztinnen und Ärzte, Labore und Pflegende zugreifen könnten. Es wäre doch aber auch im Sinne vieler Patienten viel praktischer, wenn diese die notwendigen Dokumente in digitaler Form schon vorab zu Hause ausfüllen. Ein paar Klicks auf dem Tablet – und absenden.

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Dann wüsste das Krankenhaus vorher Bescheid, wenn eine bestimmte Allergie oder Vorerkrankung, ein Befundbericht oder eine Röntgenaufnahme existiert. Die Informationen landen einfach direkt in einem digitalen System und werden mit intelligenten Verfahren für die Behandlung genutzt.

Würde das mehr Zeit freischaufeln für das Klinikpersonal?

Richtig, im Krankenhaus kann mehr Zeit eingespart und Prozesse können effizienter gestaltet werden. Patienten können aber auch informiertere Entscheidungen treffen, weil sie sich schon zu Hause in gewohnter Umgebung und in Ruhe mit wichtigen Fragen auseinandersetzen können. Im Krankenhaus gibt es viele Eindrücke auf einmal, man ist womöglich aufgeregt, mit einer ganz anderen Sprache, dem Medizindeutsch, konfrontiert. Man traut sich vielleicht auch nicht, bei Unsicherheiten nachzufragen.

Die Zukunft: Mischroboter, Datenbrillen, digitale Notaufnahme

Gibt es weitere Bereiche, die von digitalen Tools profitieren könnten?

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Wir haben zum Beispiel einen Chemotherapie-Mischroboter angeschafft, der bestimmte Medikamente automatisiert herstellt. Früher mussten das die Mitarbeiter der Apotheke selbst machen. Die Substanzen sind aber zum Teil toxisch, sie mussten sich da sehr gut vor Spritzern schützen, mit Handschuhen, Faceshields und Belüftung. Das alles fällt jetzt weg, und es gibt mehr Zeit für die Fachleute, um Ärztinnen oder Ärzte sowie Patientinnen und Patienten auf Station zu beraten.

In der Universitätsmedizin Essen verfügen wir auch über eine Notaufnahme, die komplett digital ausgestattet ist. Beim Transport eines Schlaganfallpatienten werden bereits vom Krankenwagen aus wichtige Daten weitergeleitet. Das Team in der Klinik weiß dann schon genau, mit welchen Symptomen und verabreichten Medikamenten der Patient in der Notaufnahme ankommt. Vor Ort ist dann auf einer digitalen Tafel übersichtlich markiert, wer wo im Einsatz ist, wo EKG-Geräte zur Verfügung stehen, welche Patienten versorgt werden müssen. Aufnehmende Notfallmediziner können schneller entscheiden: Wer braucht sofort eine Behandlung, wer kann noch 20 Minuten warten?

Seit Ende 2018 wird an der Universitätsmedizin Essen mit einem Holomedizinsystem operiert: Über eine smarte Datenbrille werden Bilder, Videos oder 3-D-Modelle in das Sichtfeld des Arztes projiziert. Gleichzeitig sieht der Operateur aber auch den Patienten auf dem OP-Tisch. © Quelle: Christian Nielinger

Oft ist zu hören, dass medizinisches Personal häufig gar nicht mehr zum Behandeln kommt, weil jeder Schritt dokumentiert werden muss. Kann da auch die Technik entlasten?

Wir dokumentieren in unserem Hause alle in die elektronische Patientenakte. Das heißt: Berichte von Ärzten, von Pflegenden, Laborwerte, die elektronische Fieberkurve laufen dort zusammen. Das ist schon einmal gut. Natürlich geht es aber auch darum, bei fachfremden Tätigkeiten zu entlasten.

Ein gutes Beispiel: die Pflege. Warum will jemand in diesem Bereich arbeiten? Weil es ein Interesse an empathischer Medizin gibt, am direkten Austausch und der Versorgung von Menschen. Man macht das nicht, weil man viel Zeit in Dokumentation beziehungsweise Verwaltung stecken muss. Der Mensch soll eigentlich im Mittelpunkt stehen.

Was könnte Pflegenden und Medizinern denn konkret im Alltag helfen?

In vielen Krankenhäusern sind sogenannte Visitenwagen, also fahrbare Stehpulte mit einem Laptop im Einsatz, die bei einer Visite auf Station mitkommen – und über die dann direkt mitdokumentiert wird. So ein Wagen ist aber oft auch ein bisschen lästig. Die noch praktischere, aber auch kostspieligere Variante wäre es, wenn alle gleich mit Tablets arbeiten, die man in die Kitteltasche steckt.

Die Vorteile: Man kann direkt beim Patienten dokumentieren. Darüber können dem Patienten auch direkt Bilder, etwa vom eigenen Knochenbruch, gezeigt werden. Man kann auch eine Fotografie, zum Beispiel von einer Wunde machen, per Drag and Drop direkt in die Akte ziehen, statt diese ausgedruckt in eine Mappe zu legen.

Im Rahmen unseres Konsortiums SmartHospital.NRW entwickeln wir auch ein spezielles Sprach- und Dialogsystem. Die Idee: Ein stationär aufgenommener Patient kann damit beispielsweise die Jalousie herunterfahren, das Bett anders einstellen oder erfragen, wo die nächste Cafeteria ist. Und während einer Operation kann medizinisches Personal per Sprachbefehl bestimmte Aufnahmen oder Berichte am Bildschirm öffnen, um schnell an relevante Informationen zu kommen.

Skepsis gegenüber neuen Technologien im Gesundheitswesen?

Neue Technologien im Gesundheitswesen – begegnet Ihnen bei der Planung solcher Projekte auch Skepsis?

Gesundheit ist lebenswichtig, der Datenschutz ist ein hohes Gut. Natürlich gibt es da auch Skepsis. Aber mir begegnet noch viel häufiger das große Unverständnis von Patienten, wenn sie beim Betreten eines Krankenhauses gefühlt ins Mittelalter katapultiert werden. Wieso muss noch mal Blut abgenommen werden, wenn vor zwei Tagen beim niedergelassenen Arzt dieselben Werte erhoben wurden? Wieso jetzt doch noch mal ein EKG?

Gerade in manchen Notfallsituationen wäre es auch wichtig, möglichst schnell zu wissen, welche Medikamente der Patient sonst einnimmt. Dezentral Informationen aufrufen wäre da also schon ein großer Vorteil. Ich habe auch keine Sorge, dass der Arztberuf oder Pflegeberuf dadurch abgeschafft wird. Denn die direkte Versorgung, die Therapiegespräche und das Bauchgefühl, also die empathische Medizin, kann und will man nicht digitalisieren.

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