Die Vergessenen des Lockdowns kehren zurück

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorinnenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Die Uni startet – aber sind die Studierenden bereit?
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Liebe Leserinnen und Leser,

während ich schon seit dem Sommer wieder regelmäßig ins Büro gehe, können meine beiden jüngeren Geschwister erst jetzt damit beginnen, den Lockdown abzuschütteln – wenn überhaupt. Sie zählen zu den rund drei Millionen Studierenden im Land, die drei Semester lang erlebt haben, wie der reguläre Universitätsbetrieb komplett stillstand. Diese Woche geht es nun endlich wieder los in Präsenz. Unter Corona-Auflagen wie 3G und Masken – aber immerhin.

Die vergangenen Monate liefen ganz anders ab, als sich das meine Geschwister vorher ausgemalt hatten. Als die Pandemie 2020 begann, standen sie am Anfang ihres Studiums. Das fand dann aber nicht in Hörsälen und auf Partys statt, sondern vor dem Bildschirm. Mitstudierende kennenlernen, Vorlesungen besuchen, Bücher ausleihen, Referate halten, Gruppenarbeiten und Praktika organisieren, Klausuren und Hausarbeiten schreiben – alles haben Studenten mehr als ein Jahr lang mit sich selbst ausgemacht, auf wenigen Quadratmetern. Mal im WG-Zimmer, mal in der Küche, hin und wieder im Elternhaus oder bei Freunden.

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Umfragen zeigen, dass die drei pandemiebedingten Digitalsemester bei vielen jungen Erwachsenen Spuren hinterlassen haben. Die Liste der seelischen Belastungen ist lang, sie reicht von Stress, Depressionen, Einschlafproblemen, Verspannungen und Kopfschmerzen bis hin zu Geldsorgen, Angst vor Einsamkeit und erneuten Kontaktbeschränkungen.

Das Problem ist: Viele junge Menschen machen all ihre Sorgen weiterhin mit sich selbst aus. Fachleute betonen deshalb, ähnlich wie bei der Rückkehr der Schülerinnen und Schüler: Genauso wichtig wie Lernstoff aufholen ist das Fördern der psychischen Gesundheit. In unserer Rubrik „Was die Pandemie leichter macht“ können Sie nachlesen, wann man auf professionelle Hilfe setzen sollte – und wo diese zu finden ist.

Bleiben Sie stark!

Saskia Heinze

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Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Erkenntnis der Woche

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Eine Ära geht zu Ende. Die kostenlosen Corona-Tests waren lange eines der wichtigsten Werkzeuge im Pandemiealltag. Die Testzentren schossen aus dem Boden, Hunderttausende Proben pro Woche wurden auf Sars-CoV-2 untersucht. Doch seit dem 11. Oktober ist der kostenfreie Bürgertest quasi Geschichte. Nun kann sich nicht mehr jeder oder jede mindestens einmal in der Woche kostenfrei in einem Testzentrum, in der Praxis oder in der Apotheke auf das Coronavirus testen lassen. Zur Begründung heißt es: Inzwischen sind kostenlose Impfungen für alle möglich, eine dauerhafte Übernahme der Kosten durch Steuerzahler und -zahlerinnen ist daher nicht länger nötig.

Ausnahmen gibt es jedoch weiterhin. Das Ende der kostenfreien Bürgertests gilt nicht sofort für alle Bevölkerungsgruppen. Und natürlich haben Menschen, bei denen der Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion besteht, Anspruch auf einen kostenfreien Test, erklärt meine Kollegin Anne Grüneberg. Wer sich weiterhin kostenfrei testen lassen kann, lesen Sie hier.

Pandemie in Zahlen

Alltagswissen

Eigentlich ist der Impfstoff von Johnson & Johnson ein sogenannter Einmalimpfstoff. Das heißt, um als vollständig geimpft zu gelten, war bislang nur eine einzige Impfung notwendig. Doch das reicht nicht aus, warnt jetzt die Ständige Impfkommission. Sie spricht sich in einer Pressemitteilung dafür aus, dass sich alle mit Johnson-&-Johnson-Geimpften ein weiteres Mal impfen lassen sollten. Diese zweite Impfung soll mittels mRNA-Vakzin erfolgen – also mit Biontech/Pfizer oder Moderna. Begründet wird dies unter anderem mit den verhältnismäßig vielen Impfdurchbrüchen bei mit Johnson-&-Johnson-Geimpften. Außerdem scheint das Vektorvakzin weniger wirksam gegen die Delta-Variante zu sein.

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Zitat der Woche

Die Sorge, dass man durch Maske tragen, Abstand halten und Lüften auf lange Sicht irgendwelche Schäden im Immunsystem anrichtet, kann man klar mit Nein beantworten.

Prof. Christine Falk , Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie

Forschungsfortschritt

Nach wie vor mangelt es an effektiven medikamentösen Therapien, mit denen sich eine Covid-19-Erkrankung behandeln lässt. Ein paar vielversprechende Arzneimittel, mit denen sich Covid-19 therapieren lassen könnte, werden derzeit von der Europäischen Arzneimittel-Agentur überprüft. Andere als Hoffnungsträger angesehene Präparate sind hingegen gescheitert, berichtet RND-Redakteurin Laura Beigel in ihrem großen Überblick.

Zweifelhafte Aufmerksamkeit hat dabei in den vergangenen Wochen das Medikament Ivermectin erhalten. Dabei handelt es sich um ein Mittel, das seit Jahrzehnten gegen einen Befall mit Parasiten und Würmern eingesetzt wird. Anfang 2020 hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Melbourne gezeigt, dass das Medikament in Zellkulturen die Last an Coronaviren senken konnte. In den USA gab es kürzlich zwischenzeitlich einen regelrechten Run auf Ivermectin. Nicht selten kam es dabei zu Überdosierungen, die zu Vergiftungserscheinungen, Zitteranfällen und Halluzinationen führten. Die US-Arzneimittelbehörde warnte deshalb eindringlich, das Mittel nicht einfach selbst zu verwenden. Auch das Robert Koch-Institut rät, das Arzneimittel nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien zu nutzen.

Pandemie im Ausland

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An einem Strand auf der Urlaubsinsel Bali werden Liegen und Sonnenschirme desinfiziert. © Quelle: Firdia Lisnawati/AP/dpa

Im Sommer war Indonesien ein Epizentrum der Pandemie. Mitte Juli meldete das Land teilweise über 50.000 Covid-19-Neuinfektionen pro Tag. Offiziell sind mehr als 140.000 Menschen in dem südostasiatischen Inselstaat am Coronavirus gestorben, doch Experten und Expertinnen gehen davon aus, dass die wahren Zahlen um ein Vielfaches höher liegen. Die Regierung habe die Pandemie von Anfang an „heruntergespielt“, kritisiert etwa der indonesische Epidemiologe Dicky Budiman.

Inzwischen hat sich die Situation gebessert: Seit Mitte September gehen die Infektionen und Opferzahlen in Indonesien zurück, berichtet unsere Korrespondentin Barbara Barkhausen. Die beliebte Urlaubsinsel Bali wird daher ab dem 14. Oktober wieder einige internationale Reisende empfangen. Dazu zählen beispielsweise Menschen in China, Südkorea, Neuseeland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Japan. Es ist ein Zeichen der Hoffnung für das Land, in dem die Pandemie nicht nur zahllose Menschenleben gefordert, sondern auch etliche Existenzen zerstört habe, so Barkhausen.

Was kommt

Das Rennen um die Corona-Impfstoffe 2.0 geht weiter: Zahlreiche Impfstoffhersteller arbeiten bereits daran. Die Vakzine zweiter Generation sind speziell an verschiedene Varianten des Virus angepasst – und sollen somit den Schutz vor einer Infektion erhöhen. Biontech/Pifzer und Moderna entwickeln unter anderem Impfstoffe mit jeweils zwei mRNA-Strängen – und auch Curevac hofft auf einen Erfolg seines neuen Covid-19-Impfstoffkandidaten.

Das Tübinger Unternehmen hatte seinen ersten Impfstoffkandidaten in dieser Woche aus dem Zulassungsverfahren der EMA zurückgezogen. Der Impfstoff hatte nur eine Wirksamkeit von 48 Prozent gegen eine Covid-19-Erkrankung über alle Altersgruppen hinweg gezeigt. Nun plant das Unternehmen, die behördliche Zulassung für die Marktreife eines verbesserten Covid-19-Impfstoffs im Jahr 2022 zu erreichen.

Curevac will jetzt Vorreiter sein bei einem neuen, modifizierten Impfstoff. Ob es diesmal klappt? © Quelle: imago images/Martin Wagner

Was die Pandemie leichter macht

Zwei Fünftel aller Studierenden und Auszubildenden fühlen sich durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen stark gestresst. Das zeigt eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse. Fast 40 Prozent der Befragten beider Gruppen berichteten von depressiven Symptomen während der Corona-Krise und gaben an, schneller gereizt als üblich und häufiger demotiviert zu sein.

KKH-Ärztin Aileen Könitz rät von einer Selbstbehandlung als auch vom Aussitzen stressbedingter Beschwerden ab – vor allem wenn Symptome wie Niedergeschlagenheit und Erschöpfung länger anhalten oder stärker werden. Dann sei professionelle Hilfe angezeigt. Studienschwierigkeiten, Prüfungsangst, aber auch persönliche Krisen in der Pandemie: Eine erste Anlaufstelle für Studierende können die Beratungsangebote der Studentenwerke sein. Fast jede Hochschule bietet so eine psychologische Beratung – von Einzelgesprächen bis hin zum Gruppencoaching. Das ist in den meisten Fällen auch kostenlos.

Was sonst noch wichtig ist

Auch die Dosis des Wirkstoffs THC macht einen bedeutenden Unterschied bei der Frage, wie schädlich der Konsum von Cannabis ist. Durch professionelle Züchtungen hat sich der THC-Gehalt in den Cannabispflanzen über die letzten Jahrzehnte massiv erhöht. © Quelle: imago images/Westend61

Die Debatte um die Legalisierung von Cannabis hat in dieser Woche neue Fahrt aufgenommen. Denn SPD, Grüne und FDP könnten sich dazu entscheiden, das in einem möglichen Koalitionsvertrag festzuschreiben. Das Thema spaltet – auch unter Gesundheitsexpertinnen und -experten. Ein Grund dafür ist, dass die Wirkung nicht ganz genau erforscht ist. „Das ist, wenn man so will, auch das Fiese an dieser Droge: Einige werden davon ganz ruhig und fühlen sich wohl, andere werden ängstlich und unruhig und wieder andere merken überhaupt nichts“, sagt Andries Korebrits, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Helios Park-Klinikum in Leipzig.

Einig seien sich die Fachleute jedoch darin, dass der Cannabiskonsum besonders bei jungen Menschen große Schäden verursachen kann, so der Jugendpsychiater. Der Konsum von Haschisch oder Marihuana im Erwachsenenalter sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen dagegen deutlich weniger problematisch.

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