Die Pandemie ist kompliziert wie nie

  • Seit mehr als einem Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorinnenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Auch dieser Herbst wird nicht leicht.
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Liebe Leserinnen und Leser,

für mich und meine Kolleginnen ist es in den vergangenen Monaten zum Alltag geworden: Jeden Morgen stecken wir unsere Köpfe zusammen und fragen uns: Was müssen wir heute erklären? Welche Fragen zu Corona, der Pandemie, zu Covid-19 können wir beantworten, bei welchen Unklarheiten können wir etwas zur Aufklärung beitragen? Manchmal ist das ganz einfach. Doch in letzter Zeit beschleicht mich immer häufiger das Gefühl, dass es in keiner Phase der Pandemie so schwer war, gute Antworten zu finden.

Vor einem Jahr waren alle in der gleichen Situation: Niemand war geimpft, wer sich infizierte, tat dies noch mit der ursprünglichen Corona-Variante. Heute ist der eine Teil geimpft, der andere nicht. Die einen sind schon längst wieder zurück im Büro, die anderen schlittern von einer Quarantäne in die nächste, hangeln sich im Alltag von Test- zu Testergebnis. Ob Geimpfte, Genese, Getestete – alle müssen im Alltag unterschiedliche Vorgaben und Handlungsempfehlungen beachten. Einfache Antworten, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, gibt es da nicht. Und: Nicht alle Menschen haben die gleichen Fragen. Wer geimpft ist, der muss derzeit nicht wissen, was ein PCR-Test kostet. Wer noch nie infiziert war, muss nicht wissen, wie lange der Status „genesen“ gültig ist.

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Und dann gibt es noch Fragen, die wir wahrscheinlich niemals klären werden. Unter welchen Umständen die Corona-Pandemie ihren Anfang nahm, gehört wohl dazu. „Ideal wäre es, Patient null zu finden, da wir von hier aus konkreter versuchen könnten, die Übertragung vom Tier auf den Menschen zu rekonstruieren. Bei diesem Virus ist dies leider aber quasi unmöglich“, erklärt der WHO-Virenfahnder Fabian Leendertz diese Woche im RND-Interview.

Und trotzdem: Egal, wie schwer die Fragen sind, wir werden weiter versuchen, Antworten zu finden. Wenn Sie also etwas wissen wollen, schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: magazin@rnd.de

Bleiben Sie stark!

Anna Schughart

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Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Erkenntnis der Woche

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Auch dieser Herbst wird nicht einfach. „Wenn wir die aktuellen Impfquoten nicht drastisch steigern, dann kann die aktuelle vierte Welle im Herbst einen fulminanten Verlauf nehmen“, sagte Lothar Wieler am Mittwoch. Die Pandemie, so der RKI-Chef, „ist noch nicht vorbei“. Auch die Intensivmediziner und -medizinerinnen blicken erneut mit Sorge auf den Herbst: „Die Situation ist jetzt gut beherrschbar, aber wir bereiten uns auf eine größere vierte Welle vor“, sagte der Hamburger Intensivmediziner und das Divi-Präsidiumsmitglied Stefan Kluge am Mittwoch. Die Kranken auf den Intensivstationen, das zeichnet sich bereits ab, werden immer jünger. Daher warnt auch die Virologin Melanie Brinkmann: „Wir rauschen gerade in eine ähnliche Situation wie im vergangenen Herbst. Man wirft teilweise gute Maßnahmen über Bord bei noch zu geringer Impfquote – nur um in wenigen Wochen dann entsetzt festzustellen, dass das vielleicht doch keine allzu gute Idee war.“

Dagegen hilft vor allem eines: Je mehr Menschen sich impfen ließen, desto weniger schlimm verlaufe die vierte Welle und desto früher sei die Pandemie beendet, so Wieler.

Die Pandemie in Zahlen

Alltagswissen

Auch Geimpfte können an Corona erkranken. Betroffene haben dann meist grippeähnliche Symptome – und viele Fragen: Wie konnte es überhaupt zu einer Infektion kommen? Bin ich nicht durch die Impfung geschützt? Muss ich jetzt trotzdem in Quarantäne? Kann ich trotzdem noch andere Menschen anstecken? Einfach gesagt: Das Risiko, dass Geimpfte schwer erkranken, ist gering. Das heißt aber nicht, dass sie sich im Falle einer Erkrankung keine Gedanken um ihre Umwelt machen müssen. Wer also als Geimpfter Symptome hat, sollte einen PCR-Test machen lassen. Ist der positiv, muss man in Quarantäne.

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Bei einem milden Verlauf kann man die Infektion zu Hause auskurieren, sollte sich aber von anderen Haushaltsmitgliedern isolieren. Verbessert sich der gesundheitliche Zustand während der ersten Woche der Covid-19-Erkrankung nicht oder verschlechtert sich sogar, sollte man sich unbedingt an Hausärztin oder Hausarzt wenden, erklärt meine Kollegin Saskia Heinze.

Zitat der Woche

Wir haben einen West-Ost-Unterschied.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister, beklagt niedrige Impfquoten in Ostdeutschland.

Forschungsfortschritt

Es war einer der ersten Corona-Hotspots in Deutschland: Bei der Kappensitzung in Gangelt infizierten sich am 15. Februar 2020 zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus. Dabei spielte wohl die Lüftung eine entscheidende Rolle. Das zeigt eine neue Studie des Virologen Hendrik Streeck. Die Lüftung habe dem Saal nur 30 Prozent Frischluft zugeführt und verbreitete so das Virus. Die Folge: Stand man etwa an der Bar, wo die Luft wieder ausgepustet wurde, war das Infektionsrisiko größer. „Die Studie zeigt deutlich, wie wichtig eine gute Belüftung mit Frischluft und Filteranlagen sind“, sagte Streeck.

Pandemie im Ausland

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Ein Mädchen erhält eine Dosis des kubanischen Impfstoffs Soberana-02 gegen Covid-19. © Quelle: Ramon Espinosa/AP/dpa

Kuba hat diese Woche als erstes Land in der Welt mit den Coronavirus-Impfungen für Kleinkinder begonnen. Auch die Zwei- bis Elfjährigen werden nun mit den im Land entwickelten Impf­stoffen Abdala und Soberana geimpft. Beide Impfstoffe sind von der Weltgesundheitsorganisation nicht anerkannt. In Chile sollen bald Kinder ab sechs Jahren geimpft werden. Die Kinder sollen mit dem Impfstoff Coronavac des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac geimpft werden.

In der EU ist bisher kein Impfstoff für unter Zwölfjährige zugelassen. Für die Sechs- bis Elfjährigen seien für Ende September aber Daten für die Beantragung einer Zulassung eines mRNA-Impfstoffs zu erwarten, berichtet der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Köln, Jörg Dötsch. Für die noch Jüngeren sei damit wahrscheinlich im Oktober zu rechnen. Doch bis die EMA eine mögliche Empfehlung ausspricht, kann es noch Wochen bis Monate dauern.

Was kommt

Kommt jetzt die Impfempfehlung für Schwangere? Lange hat sich die Ständige Impfkommission zurückgehalten. Gegen Covid impfen, so lautetet die Devise bisher, sollten sich nur Schwangere mit Vorerkrankungen oder einem größeren Infektionsrisiko. Und auch dann nur nach sorgfältiger Abwägung. Verschiedene Fachgesellschaften, darunter die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, hatten das kritisiert. Nun ist für Freitag eine Aktualisierung der Impfempfehlung angekündigt.

Ob das heißt, dass das Fachgremium nun allen Schwangeren eine Impfung empfiehlt, ist unklar. Doch neue Daten zeigen, dass das durchaus sinnvoll sein könnte: Am Dienstag berichteten Forschende: Der Biontech-Impfstoff schützt auch Schwangere gut vor einer Corona-Infektion und vor einer Einweisung ins Krankenhaus. Die Wirksamkeit sei in etwa vergleichbar mit der in der Allgemeinbevölkerung.

Was die Pandemie leichter macht

Die Pandemie ist für viele Menschen eine große psychische Belastung. © Quelle: picture alliance/Paul Christian Gordon/ZUMA Wire

Dank welcher Verhaltensweisen sind Menschen bisher gut durch die Krise gekommen? Antwort auf diese Frage will eine globale Studie geben. Dabei übten sich 21.644 Teilnehmende aus 87 Ländern an der sogenannten kognitiven Neubewertung, auch bekannt als kognitives Reframing. Ziel war es herauszufinden, welche Veränderung der Denkweise möglichst vielen Menschen dazu verhilft, mit Stress in Pandemiezeiten umzugehen.

Das Ergebnis: Die eigenen Umstände zu reflektieren hilft nicht nur dabei, positiver zu denken. Die Methode eignet sich darüber hinaus als gezielte Bewältigungsstrategie für alle Menschen, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Nature“. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Refokussierung. Dabei versteift man sich beispielsweise bei einer Ausgangssperre nicht auf den Gedanken, „ich bin an diesen Ort gefesselt“, sondern versucht, das Gute aus einem individuellen Lebensumstand zu ziehen. Also etwa der Tatsache, dass man nun mehr Zeit mit der Familie zu Hause verbringen kann.

Was sonst noch wichtig ist

Eine auf mRNA-Molekülen basierende Immuntherapie wirkt bei Mäusen offenbar gegen Krebs. Forschende um Christian Hotz und Uğur Şahin vom Mainzer Unternehmen Biontech, das die erste zugelassene mRNA-Impfung gegen Covid-19 entwickelt hat, spritzten die mRNA-Moleküle direkt in Tumore der Nager, wo sie krebsbekämpfende Immunstoffe herstellten. Daraufhin stoppte das Tumorwachstum, bei vielen Tieren bildeten sich die Geschwulste vollständig zurück. Die Forschenden wollen ihren mRNA-Cocktail nun in einer klinischen Studie am Menschen testen.

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