Die Angst vor dem Coronavirus in Südkorea: „Lebst du noch?“

  • Südkorea ist bislang nach China am zweitstärksten von der Coronavirus-Epidemie betroffen.
  • Besonders die Millionenstadt Daegu leidet.
  • Die Angst hebt das tägliche Leben der Einwohner aus den Angeln.
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Seoul. Eine Frau in einer U-Bahn trägt Einweghandschuhe. Gäste werden nur mit Atemschutzmasken zu einer Hochzeitsfeier zugelassen. Menschen legen sich in Eile Vorräte an Reis und Fertignudeln an. Freunde rufen sich gegenseitig an und fragen: „Lebst du noch?“

In der südkoreanischen Millionenstadt Daegu und ihrer Umgebung grassiert die Angst vor dem Coronavirus. Hunderte Menschen hier sind bereits infiziert, mindestens elf gestorben. Das anscheinend in kurzer Zeit: Bis zum 18. Februar, als eine Frau in Daegu positiv getestet wurde, war in der Region kein einziger Fall registriert worden. Eine Woche später lag die Zahl bei 790.

Coronavirus: Über 1100 Infizierungen in Südkorea

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In ganz Südkorea sind bislang über 1100 Infizierungen bekannt geworden, die größte Zahl außerhalb von China mit mehr als 78.000 bestätigten Fällen und über 2760 Toten. 80 Prozent der südkoreanischen Fälle wurden aus dem Raum Daegu im Südosten des Landes gemeldet, und über die Hälfte davon sind mit der Sincheonji-Kirche Jesu verbunden, einer umstrittenen christlichen Sekte. Eine Anhängerin wurde erster Patient in der Region, hatte an einer kirchlichen Feier teilgenommen, bevor man bei ihr die vom neuen Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 feststellte. Den Behörden zufolge ist es aber unwahrscheinlich, dass die Frau die Kette von Infizierungen ausgelöst hat: Sie hat sich zuvor weder in China, wo das Virus zuerst aufgetaucht war, noch woanders im Ausland aufgehalten.

Südkoreas Zentralregierung hat versprochen, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Epidemie in der Region einzudämmen. Aber das hat die Bevölkerung wenig beruhigt. Furcht hebt ihr tägliches Leben aus den Angeln. „Ich bin ein Mensch und habe Angst, mich anzustecken“, sagt die 37-jährige Chloe Hee Suk, die in Daegu lebt. „Wir hier rufen uns gegenseitig an und fragen halb im Scherz, ob der andere noch lebt.“

Südkorea: Örtliche Wirtschaft wegen des Coronavirus bedroht

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Auch die örtliche Wirtschaft ist ernsthaft bedroht. So waren zum Wochenanfang in Daegus sonst äußerst lebhaftem Geschäftsbezirk Dongseongro nur ein paar Fußgänger unterwegs, die Gegend sah aus wie eine Geisterstadt. Arbeiter in schwarzer Schutzausrüstung und mit weißen Masken im Gesicht versprühten Desinfektionsmittel an einem – nahezu verwaisten – Laden der populären Lotte-Kette, wie Bilder in den Medien zeigten. Taxifahrer Oh Sang Hak erzählt, dass er seit mehreren Tagen keine Kunden mehr chauffiert habe: Es sei ihm nicht wohl in der Haut, Fremde auf engstem Raum in seiner Nähe sitzen zu haben. „Es ist, als ob die Zeit stillsteht... und es gibt einfach keine Bewegung“, sagt Oh. „Bis vergangene Woche dachten wir, dass das Coronavirus das Problem anderer Leute ist.“

Aus Angst vor Covid-19 decken sich Menschen in Südkorea mit Nahrung ein

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Lee Nag Hyeon hält Medienberichte über die Virus-Ängste in Daegu für ein bisschen übertrieben. Aber wie der 63-Jährige schildert, hat er am Montag in der U-Bahn eine Frau gesehen, die neben einer Maske Wegwerfhandschuhe trug. Einwohner posteten in den sozialen Medien auch Fotos mit leeren Regalen in Supermärkten, dort, wo sonst Trockennahrung und Fertiggerichte im Angebot waren. Und am Montag standen Menschen vor einem Verbrauchermarkt Schlange, um sich mit neuen Masken einzudecken, die online schnell vergriffen waren. Chloe, eine Büroangestellte, hat sich vorsorglich mit drei Kartons Ramennudeln, vier Schachteln Frühstücksflocken und drei 20-Kilo-Beuteln Reis eingedeckt. Lee markiert jetzt seine Schutzmasken, die er zuletzt getragen hat, mit Daten – um sie später wiederzuverwenden, wenn es keine neuen mehr zu kaufen gibt.

In Daegus traditionellem Gyodong-Markt war am Montag ungefähr die Hälfte der etwa 1000 Läden geschlossen. Die Zahl der Besucher ist in jüngster Zeit mehr als 90 Prozent zurückgegangen. „Vielleicht wäre es besser, wenn alle Händler die Türen schließen würden, aber sie verdienen hier ihren Lebensunterhalt“, sagt Ahn Sook Hee von der Vereinigung der Kaufleute auf diesem Markt. „Daher haben sich einige schweren Herzens dafür entschieden, ihren Laden zu öffnen.“

Das Coronavirus im Alltag: Auf Hochzeiten tragen die Gäste Mundschutz

Das Virus wirkt sich auch auf Hochzeiten und Beerdigungen aus, Ereignisse, bei denen es in Südkorea sonst meistens von Teilnehmern wimmelt. So fanden am vergangenen Wochenende in der Hochzeitshalle in Daegus Gangbug-Zentrum nur zwei von ursprünglich zehn geplanten Feiern statt, die anderen acht Paare hatten ihren großen Tag in letzter Minute verschoben. Und wird sonst in der Regel mit ungefähr 200 Gästen gefeiert, kamen zu beiden Festen nur jeweils etwa 50.

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Sie alle mussten Schutzmasken tragen, nur Braut und Bräutigam waren von dieser Vorschrift ausgenommen. „Wir haben niemanden ohne Mundschutz hineingelassen“, sagt die Hochzeitshallen-Angestellte Park Ye Jin. Die meisten Gäste hätten auch das Essen bei den Empfängen nicht angerührt.

Wie Ahn von der Kaufleute-Vereinigung erzählt, sind alle ihre geplanten Treffen mit Verwandten und Freunden abgesagt, und sie ist kürzlich auch einer Bestattung ferngeblieben, zu der sie sonst gegangen wäre. Auch Lee würde nach eignen Angaben derzeit nicht an so etwas teilnehmen – selbst wenn der Verstorbene ein naher Verwandter eines engen Freundes wäre. Und als Chloes Vater kürzlich 70 wurde, aß die Familie daheim Gegrilltes – anstatt einer geplanten Feier in einem Restaurant mit 30 Gästen.

RND/AP

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