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Diagnose Asperger, eine Betroffene erzählt: „Die Welt, in der wir leben, ist nicht für Autisten gemacht“

  • Als Elisa Carow 26 Jahre alt ist, wird bei ihr die Diagnose Asperger-Autismus getroffen.
  • Im RND-Gespräch spricht die heute 38-Jährige darüber, auf welche Weise sie die Welt seit frühester Kindheit wahrnimmt.
  • Durch ihr „etwas anders verdrahtetes“ Gehirn habe sie Superkräfte, werde aber von Nichtbetroffenen mit negativen Vorurteilen konfrontiert.
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Elisa Carow hat Asperger-Autismus. Ihr Gehirn sei ein „bisschen anders verdrahtet“. Sie lebt mit ihrem Mann und einem zehnjährigen Sohn zusammen, betreibt einen eigenen kleinen Verlag, „als einzige Autistin auf der ganzen Welt“, wie sie erzählt. „Ich würde mir wünschen, dass Asperger-Menschen nicht sofort in eine Negativschublade gesteckt werden“, sagt die 38-Jährige im Gespräch mit dem RND.

Seit Greta Thunberg weltweit Schlagzeilen macht, ist vielen Menschen Asperger-Autismus ein Begriff. Haben Sie das Gefühl, dass dadurch Nichtbetroffenen bewusster ist, was die Diagnose mit sich bringt?

Nein, überhaupt nicht. Gretas Popularität hat nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung besser aufgeklärt ist. Die Menschen haben teilweise ein sehr verzerrtes Bild von Asperger-Autismus. Das zeigt sich beispielsweise auch darin, dass Greta permanent dafür beschimpft wird, dass sie Asperger hat. Manche werfen ihr auch vor, sie tue nur so als ob.

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So etwas passiert schwerbehinderten Menschen ganz oft. Die Diagnose wird von Nichtbetroffenen angezweifelt. Denn die Welt, in der wir leben, ist nicht für Autisten gemacht. Wir leben in einer Kultur, in der diejenigen sich anpassen müssen, die scheinbar in der Minderheit sind. Die Gesellschaft erwartet das und ist da wenig tolerant.

Elisa Carow findet es schade, dass Asperger-Autismus oft nur mit negativen Dingen assoziiert wird. © Quelle: Privat

Wann wurde bei Ihnen die Diagnose gestellt?

Gerade bei Frauen und bei mehreren Störungen gleichzeitig ist es sehr typisch, erst im Erwachsenenalter eine eindeutige ärztliche Diagnose zu bekommen. So war das auch bei mir. Ich war da schon 26 Jahre alt. Erst da war klar, dass es Asperger-Autismus in Kombination mit ADS ist. Und bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gelernt, mich im Alltag so gut es geht zu maskieren.

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Was meinen Sie damit?

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Ich musste im Laufe meines Lebens lernen, korrekt auf soziale Erwartungen zu reagieren. Viele Dinge laufen bei neurotypischen Menschen vom Kindesalter an unbewusst – beispielsweise Sarkasmus erkennen, Blickkontakt halten, höfliche Floskeln austauschen. Autisten müssen dafür hingegen sehr viel Willenskraft und Energie aufbringen. Das fühlt sich an wie Schauspielern und ist unglaublich kräftezehrend.

Autismus: Alle Reize kommen gleichzeitig im Gehirn an

Können Sie die Abläufe im Gehirn näher beschreiben?

Autisten nehmen alles gleichzeitig wahr. Mein Gehirn gibt allen Reizen die gleiche Priorität. Es gibt keine Filter, durch die ich mich automatisch auf das Wesentliche konzentrieren kann. Das bedeutet: Wenn ich mich mit jemandem in einem Raum unterhalte, nehme ich das helle und surrende Deckenlicht, die tickende Uhr und die im Hintergrund laufende Musik auf gleicher Ebene wahr wie das Gespräch. Das ist das Anstrengende.

Da war der Schulunterricht damals sicherlich eine Herausforderung?

Ich erinnere mich noch gut an meine Schulzeit. Jeden Tag bin ich völlig fertig nach Hause gekommen und musste mich erst einmal eine Stunde lang in einem dunklen Raum aufhalten, weil ich völlig überreizt war. So habe ich quasi meinen eigenen inneren Rechner neu gestartet.

Viele Menschen mit Asperger-Autismus berichten davon, in der Kindheit gemobbt worden zu sein.

Auch ich habe das 13 Jahre lang mitgemacht. Ich hatte eine Brille, wurde in Bulgarien geboren und hatte Akzent, konnte in der zweiten Klasse nicht gut Deutsch, war aber trotzdem Klassenbeste im Lesen. Die anderen Schüler haben mich dafür gehasst. Superkräfte nehmen Kinder und auch viele Erwachsene nicht wahr. Sie sehen oft nur, was anders ist, und bewerten das negativ.

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Wie können Menschen ohne Asperger helfen, damit der Alltag weniger anstrengend wird?

Ich würde mir wünschen, dass Asperger-Menschen nicht sofort in eine Negativschublade gesteckt werden. Das Gehirn ist ein bisschen anders verdrahtet. Das macht den Menschen aber nicht schlechter, nur anders. Und er kann auch einfach nichts dafür. Ich wurde damit geboren. Früher hat man noch geglaubt, dass Asperger-Autismus mit Vernachlässigung und Gewalt in der Kindheit zusammenhängt. Das stimmt aber nicht.

Asperger-Autismus: Es gibt viele Mythen

Gibt es noch mehr solcher Vorurteile, die Ihnen regelmäßig begegnen?

Es gibt eine ganze Reihe von Mythen, die sofort aufkommen, wenn man sich outet. Der Klassiker: Sie muss hochbegabt sein, kann aber keine Gefühle haben, keinen Blickkontakt aufbauen und nicht mit Menschen zusammenarbeiten. Es ist gemein, alle Autisten in einen Topf zu werfen. Wie bei allen Menschen auf der Welt gibt es auch bei uns eine riesengroße Bandbreite an Eigenschaften. Einige sind gerade auch im Arbeitsleben sehr gefragt.

Zum Beispiel?

Menschen mit Asperger-Autismus haben besondere Fähigkeiten. Wir haben oft einen Blick für Fehler, sind sehr selbstkritisch und gründlich – bis zur Perfektion. Autisten sind auch unfähig zu lügen. Wir sind Meister darin, Muster zu erkennen. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich Rechtschreibfehler sofort erkenne. Die ploppen in meiner Wahrnehmung sofort in fett und rot im Text auf. Viele haben auch einen sehr ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, der helfen kann, aber natürlich auch stark belastet.

Inwiefern?

Mich wirft die Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeitsthemen wie Klimawandel und Tierquälerei richtig aus der Bahn. Eine persönliche Tragödie bahnt sich da schon an, wenn im Supermarkt die Bioeier ausverkauft sind oder ich beobachte, wie jemand an der Kasse unfreundlich ist.

Dabei wird Autisten oft vor allem Empathie abgesprochen.

Dieses Vorurteil liegt vor allem darin begründet, dass es Asperger-Menschen gibt, die Gesichter nicht wiedererkennen und nonverbale Signale nicht richtig deuten können. Nur weil die Reaktion dann anders als gewöhnlich ausfällt, hat das aber nichts mit fehlender Empathie zu tun, das ist völliger Quatsch. Ich liebe es auch, mich mit Freunden zu treffen und mich auszutauschen. Als Erwachsene kann ich ja glücklicherweise selbst bestimmen, unter welchen Bedingungen meine Sozialkontakte stattfinden. Zusammen gärtnern, einen Film im Wohnzimmer schauen, kochen, ein Plausch mit dem Nachbar über den Zaun – das ist alles kein Problem.

Und, mal angenommen, es gäbe kein Corona, mit einer großen Gruppe eine ganze Nacht im Club feiern?

Auch das geht, aber ungern jede Woche. Ich gehe auch gern mal auf ein Konzert oder ins Café. Wichtig ist nur, dass ich nach so einem Treffen in größerer Runde wieder genug Ruhe habe, um mich von der Reizüberflutung zu erholen und in einer Umgebung zu sein, wo weniger sensorische Reize auf mich einprasseln.

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