Deutschlands Wettlauf gegen Omikron hat begonnen

  • Seit fast zwei Jahren prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie geht es nun weiter?
  • Das Autorinnenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und zeigt Wege in den postpandemischen Alltag.
  • In dieser Woche: Die Omikron-Welle rollt auf Deutschland zu.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

der Name allein klingt schon unangenehm: Omikron. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde, es könnte auch der Name eines hochradioaktiven Metalls, einer giftigen Chemikalie oder eines Schwarzen Lochs sein – wäre es nicht die Bezeichnung der aktuell besorgniserregendsten Virusvariante. Was die Mutante so bedenklich macht, ist, dass sie unberechenbar ist. „Es sind noch mehr Fragen über Omikron offen als beantwortet“, fasste es die Infektiologin Jana Schroeder von der Stiftung Mathias-Spital im nordrhein-westfälischen Rheine in dieser Woche zusammen.

Klar ist mittlerweile: B.1.1.529, wie Omikron in Fachkreisen bezeichnet wird, ist weitaus ansteckender als die bisher in Deutschland dominierende Delta-Variante. Die Mutante umgeht den Impfschutz, kann also auch vollständig Geimpfte und Genesene infizieren. Und auch die Wirksamkeit der Booster-Impfungen schwächt sie ab; nichtsdestotrotz bieten drei Impfdosen einen gewissen Schutz vor Omikron, wie Labortests zeigen konnten.

Anzeige

Impfen allein reicht gegen Omikron nicht

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass Omikron die Delta-Variante in einigen Wochen als vorherrschende Virusvariante ablösen wird. Es droht wahrscheinlich schon 2022 eine fünfte Infektionswelle. Breitet sich Omikron hierzulande aus, spitzt sich die Lage wohl in kürzester Zeit weiter zu. Es drohen sehr viele Ansteckungen. Die Folge wären weitere schwere Verläufe und Todesfälle, die auch die Kliniken noch mehr strapazieren würden als ohnehin schon.

Ich gebe zu, gerade rosig sind die Aussichten für das neue Jahr wirklich nicht. Angesichts dessen, dass die Pandemie nun bald schon zwei Jahre währt und die Hoffnungen auf Besserung groß sind, sind die Prognosen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eher entmutigend. Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht: Auch wenn sich eine Infektionswelle mit Omikron in Deutschland wohl nicht mehr verhindern lässt, sie lässt sich ausbremsen.

Ziel müsse es jetzt sein, die Zahl der Infektionen so gering wie möglich zu halten, sind sich Expertinnen und Experten einig. Auch mit den Booster-Impfungen muss es zügig vorangehen, wenngleich sie wohl nicht allein Omikron unter Kontrolle bringen werden. „Es reicht nicht, sich auf die Booster-Kampagne zu konzentrieren“, sagte die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. „Da ist das Virus viel schneller.“ Es brauche ihrer Ansicht nach nun „alle Tools, die wir haben“. Das heißt: Auffrischungsimpfungen, Tests (sowohl mit PCR- als auch Antigenschnelltests ist Omikron nachweisbar), die AHA+L-Regel und weniger Kontakte. Nur wenn alle diese Maßnahmen ergriffen werden, können wir die Virusvariante stoppen.

Anzeige

Bleiben Sie zuversichtlich!

Ihre Laura Beigel

Anzeige

Erkenntnis der Woche

Ein neunjähriges Mädchen lässt sich bei einer Impfaktion gegen Covid-19 impfen: Die Ständige Impfkomission hat für Jüngere vorerst nur eine eingeschränkte Impfempfehlung herausgegeben. © Quelle: Christian Charisius/dpa

Am Montag ist die Corona-Impfkampagne für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren gestartet. Wenn es nach der Ständigen Impfkommission (Stiko) geht, sollen zunächst vornehmlich Kinder mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopersonen gegen Covid-19 geimpft werden. Für eine allgemeine Impfempfehlung reiche die Datenlage noch nicht aus, begründete Stiko-Chef Thomas Mertens am vergangenen Donnerstag die Entscheidung seines Expertengremiums. So könne etwa das Risiko für sehr seltene Nebenwirkungen bislang nicht genau abgeschätzt werden.

Dass die Stiko eine Corona-Impfung nicht für gesunde Kinder empfiehlt, bedeutet aber nicht, dass diese sich nicht impfen lassen können. Nach ärztlicher Aufklärung und Einverständnis der Eltern sowie auf eigenen Wunsch können auch alle anderen Fünf- bis Elfjährigen eine Impfung erhalten. Was für und gegen eine Immunisierung von gesunden Kindern spricht, hat RND-Autor Frederik Jötten zusammengefasst. So sollte etwa bei der Entscheidung das eigene Infektionsrisiko berücksichtigt werden, ebenso wie das Risiko für Langzeitfolgen einer Ansteckung.

Diese Abwägung ist keine einfache und kann auch Konfliktpotenzial bieten. Zum Beispiel dann, wenn sich die Eltern über die Impfung nicht einig sind. In diesem Fall kann es hilfreich sein, den Kinderarzt oder die Kinderärztin um Rat zu fragen. Auch könnten Eltern gemeinsam recherchieren, ob eine Impfung ihres Kindes sinnvoll ist, schreibt meine Kollegin Sarah Franke, die zwei Psychotherapeutinnen zu diesem Thema befragt hat. Eine Familienkonferenz zu veranstalten oder einen Mediator hinzuzuziehen, könne ebenfalls dabei helfen, eine Lösung zu finden.

Anzeige

Pandemie in Zahlen

Alltagswissen

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Booster-Impfung? Eine simple Antwort gibt es auf diese Frage nicht – das zeigt auch die Liste an Empfehlungen, die Expertinnen und Experten sowie Behörden in den vergangenen Wochen ausgesprochen haben. Die Ständige Impfkommission empfiehlt aktuell einen Abstand zur Zweitimpfung von sechs Monaten, gegebenenfalls auch nach fünf Monaten, wenn es genügend Impfstoff gibt. Einige Landesgesundheitsministerien, wie etwa das in Nordrhein-Westfalen, sprechen davon, dass in medizinischen Einzelfällen mindestens ein Abstand von vier Wochen eingehalten werden sollte. Die Europäische Arzneimittel-Agentur empfiehlt hingegen einen Mindestabstand von drei Monaten.

Doch was ist nun besser – ein kurzes oder ein langes Zeitintervall? Angesichts der aktuell angespannten Infektionslage in Deutschland und einer potenziellen Ausbreitung der Omikron-Variante spricht zwar einiges dafür, so viele Menschen wie möglich innerhalb kürzester Zeit zu boostern. Aus immunologischer Sicht ist jedoch ein zu kurzer Abstand noch vor drei Monaten zwischen Zweit- und Drittimpfung nicht sinnvoll.

Video
Corona-Impfung: Immunologen gegen „Booster“ nach vier Wochen
0:59 min
Immunologen sehen Pläne der Politik kritisch, nach der Booster-Impfungen bereits nach vier Wochen möglich sein sollen.  © dpa
Anzeige

Gibt man den Booster zu früh, unterbricht man Immunologieexpertinnen und -experten zufolge bestimmte Reifungsprozesse des Immunsystems. Es sei von anderen Impfstoffen bekannt, dass ein größerer Abstand zwischen Zweitimpfung und Booster zu einer besseren Immunantwort führt. Wo genau beim Corona-Impfstoff die Grenze verlaufe, weiß man aber noch nicht genau. Wer sich boostern lassen möchte, aber wegen des zeitlichen Abstands unsicher ist, kann auch den Hausarzt oder die Hausärztin zu Rate ziehen.

Zitat der Woche

Impfstoffe allein werden kein Land aus dieser Krise herausbringen. Es geht nicht um Impfstoffe anstelle von Masken, Distanzierung, Belüftung oder Handhygiene.

Tedros Adhanom Ghebreyesus Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation

Forschungsfortschritt

Forschende der britischen Universität Oxford haben festgestellt, dass zwei Impfungen gegen die Omikron-Variante nicht ausreichen. Die Menge der Antikörper sei nicht hoch genug, um die Mutante zu neutralisieren. Das heißt: Doppelt Geimpfte können sich mit Omikron infizieren und gegebenenfalls Symptome wie Husten oder Fieber entwickeln. Ob sie auch ein höheres Risiko für schwere Verläufe oder gar Todesfälle haben, bleibt unklar. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten Blutproben von Geimpften, die die Vakzine von Astrazeneca und Biontech/Pfizer erhalten hatten, untersucht.

Die Ergebnisse müssen noch von unabhängigen Expertinnen und Experten überprüft werden. Sie decken sich aber mit anderen internationalen Studien sowie mit den Labortests der Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer. „Mit Blick auf Omikron sind zwei Dosen noch keine abgeschlossene Impfung mit ausreichendem Schutz“, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin vergangene Woche dem „Spiegel“. Es brauche eine Auffrischungsimpfung, um ausreichend vor Omikron geschützt zu sein. „Wenn sich Omikron, wie es aussieht, weiter ausbreitet, wäre es wissenschaftlich sinnvoll, bereits nach drei Monaten einen Booster anzubieten.“

Pandemie im Ausland

Die Omikron-Variante wird nach Einschätzung von Expertinnen und Experten für eine weitere Infektionswelle in Großbritannien sorgen. © Quelle: Matt Dunham/AP/dpa

Die deutlich ansteckendere Virusvariante Omikron breitet sich rasant in Großbritannien aus. Am Mittwoch verzeichnete die britische Health Security Agency mehr als 4600 neue Fälle, wie die Behörde auf Twitter bekanntgab. Insgesamt sind nun mehr als 10.000 Infektionen mit der Mutante bekannt, die zum Teil schwer verlaufen – oder sogar tödlich. Wie Premierminister Boris Johnson am Montag mitteilte, habe es inzwischen mindestens einen Todesfall gegeben. Die Menschen müssten sich von der Vorstellung verabschieden, dass es sich bei der zuerst in Südafrika nachgewiesenen Virusvariante um eine mildere Version des Coronavirus handele.

Eine britische Studie warnt davor, dass Omikron bis Ende Januar zur dominierenden Virusvariante im Land werden könnte. Nach Angaben der Forschenden verdoppelt sich die Zahl der Infektionsfälle derzeit alle zwei bis drei Tage. Gesundheitsexpertinnen und Gesundheitsexperten in Großbritannien haben deshalb empfohlen, die Warnstufe im Land von drei auf vier zu erhöhen. Um einer möglichen Infektionswelle zuvorzukommen, rief Premierminister Johnson alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich ein drittes Mal impfen zu lassen. „Das Beste, was wir tun können, ist, dass wir alle unsere Auffrischungsimpfungen bekommen“, sagte er.

Was kommt

In Europa könnte bald ein weiterer Corona-Impfstoff zugelassen werden: Nuvaxovid des US-Herstellers Novavax. Dieser wird derzeit von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) geprüft. Eine Entscheidung könne noch im Dezember fallen, hatte der EMA-Direktor für Impfstrategie, Marco Cavaleri, zuletzt bei einer Sitzung in Brüssel gesagt.

Bei Nuvaxovid handelt es sich um ein proteinbasiertes Vakzin. Es wird aus Kopien der Spikeproteine hergestellt, die auf der Oberfläche des Coronavirus sitzen. Diese werden zu Nanopartikeln zusammengefügt, die das Immunsystem für das eigentliche Virus hält und entsprechend reagiert. Um die Immunantworten zu verstärken, werden noch Wirkverstärker, sogenannte Adjuvanzien, hinzugefügt. Das heißt: Der Körper muss das Spikeprotein nicht erst selbst produzieren – wie bei den anderen Impfstoffen –, sondern es ist bereits im Impfstoff enthalten. Eine krankmachende Wirkung hat das aber nicht.

Meine Kollegin Saskia Heinze hat sich den Impfstoffkandidaten genauer angesehen. Die Ergebnisse der klinischen Studien legen nahe, dass das Vakzin sicher und verträglich ist, schreibt sie. Allerdings seien die Wirksamkeitstests durchgeführt worden, bevor die Virusvarianten Delta und Omikron aufgetaucht sind. Entsprechend sei noch unklar, inwieweit der Impfstoff vor diesen Mutanten schützt. Auch könnten die Immunantworten nicht so breit ausfallen wie etwa bei den mRNA-Vakzinen, weil Nuvaxovid primär Antikörper erzeugt und weniger Gedächtniszellen, die sich langfristig an das Virus erinnern können.

Was die Pandemie leichter macht

Weihnachtlicher Schmuck – ob am Tannenbaum oder verteilt in den eigenen vier Wänden – weckt Kindheitserinnerungen. © Quelle: Karolina Grabowska/Pexels

Auch in diesem Corona-Winter verbringen wir wieder viel Zeit in den eigenen vier Wänden. Umso wichtiger, es sich zuhause schön zu machen. Steht bei Ihnen schon ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer? Geschmückt mit Lametta, Christbaumkugeln, Strohsternen und Lichterketten? Es gibt viele Menschen, für die Weihnachten nicht schnell genug kommen kann. Was im ersten Moment vielleicht übertrieben erscheint, hat einen positiven Nebeneffekt: Wer früher weihnachtlich schmückt, ist laut Psychologinnen und Psychologen glücklicher.

Denn Weihnachtsdekoration ruft vertraute Gefühle hervor. „In einer Welt voller Stress und Angst verbinden sich die Menschen gerne mit Dingen, die sie glücklich machen, und Weihnachtsschmuck weckt die starken Gefühle der Kindheit“, sagt Psychoanalyst Steve Keown. Je eher man mit dem Schmücken beginnt, desto länger können diese magischen Momente aus Kindheitstagen anhalten. Außerdem kann es dabei helfen, sich mit verstorbenen Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten verbundener zu fühlen.

Was neben Corona sonst noch wichtig ist

Der Fokus auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass zahlreiche Fälle anderer Krankheiten unentdeckt geblieben sind. So habe es etwa massive Rückschläge bei der Krebsbekämpfung gegeben, urteilte ein neuer Bericht der EU-Kommission und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Behörden schätzen, dass wegen der Pandemie bis zu einer Million Fälle womöglich nicht erkannt worden sind. Die Behandlungen von Krebspatientinnen und Krebspatienten hätten sich wiederum verzögert. Es sei zu erwarten, dass dies negative Auswirkungen auf die Prognose und das Überleben von Betroffenen habe.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gerne direkt bei unserem Redaktionsteam: magazin@rnd.de Wir freuen uns!

Abonnieren Sie auch:

Crime Time: Welche Filme und Serien dürfen Krimi-Fans nicht verpassen? Mit unserem Newsletter sind Sie uptodate. Alle zwei Wochen neu.

Hauptstadt-Radar: Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

What’s up, America? Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur - immer dienstags.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. – jeden Monat neu.

Der Tag: Das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland. Jeden Morgen um 7 Uhr.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen