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Der rasend schnelle Aufstieg von Omikron: Kommt jetzt die Welle der Geimpften?

Die Politik wartet nun darauf, was der neue Expertenrat empfiehlt. Und dessen Urteil hängt von dem ab, was das Virus vorgibt.

Immer, wenn man denkt, es kann jetzt nicht noch komplizierter werden, kommt eine neue Variante um die Ecke. Mit Omikron macht sich kurz vor Weihnachten ein ungutes Gefühl breit: Es wird noch lange dauern, bis das alles vorbei ist. 2022 wird erneut ein Corona-Jahr. Für alle – auch für Geimpfte. Denn Omikron hat eine Geschwindigkeit, die alle bisherigen Varianten in den Schatten stellt.

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Erst einen Monat ist es her, dass der erste bekannte Fall in Botswana zurückverfolgt wurde. Das war am 11. November. Ende November wurden dann plötzlich gleich mehrere Fälle in Südafrika bekannt. Mitte Dezember hat sich die Mutante schon in 57 Ländern verbreitet. Seitdem stehen alle Pandemie­prognosen auf unsicherem Boden. Kommen noch mehr Kranke und Tote, strikte Kontakt­einschränkungen, Schließungen im Einzelhandel, in den Schulen, in Kultur und Sport?

„Wir schließen nichts aus“, sagte Gesundheits­minister Karl Lauterbach (SPD) am Dienstagabend in den „Tagesthemen“. Die Politik warte nun darauf, was der neue Expertenrat empfiehlt. Und dessen Urteil hängt von dem ab, was das Virus vorgibt.

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Der Status quo: eine fragile Lage

Nur eines ist sicher, und das weiß auch der neue Gesundheits­minister: Abwenden lässt sich eine Omikron-Welle nicht mehr, nur verlangsamen. Dabei ist die aktuelle Ausgangslage schon dramatisch. Allein wegen Delta werden aktuell rund 4900 Covid-Schwerkranke auf Intensivstationen behandelt – ein Höchststand seit Ende April. Als „sehr besorgnis­erregend“ bezeichnet das RKI die Lage. Die Gesundheits­behörde rechnet weiterhin damit, dass die Kapazitäten in den Kliniken regional überschritten werden.

Es reicht nicht, sich auf die Booster-Kampagne zu konzentrieren.

Sandra Ciesek,

Virologin

Auch Dirk Brockmann, der am RKI das Infektions­geschehen modelliert, sagt, er sei „außerordentlich besorgt“. Er hoffe, „dass jetzt schnell Notfallpläne auf den Tisch kommen“. Gerade, weil man noch nicht abschätzen könne, wie sich die Lage konkret weiterentwickelt, müsse man vom Worst-Case-Szenario ausgehen. Das könnte dann bedeuten: rund 30 Millionen Corona-Infizierte im Zeitraum bis April, mit täglich 3000 bis 5000 Hospitalisierten. „Es reicht nicht, sich auf die Booster-Kampagne zu konzentrieren“, sagt auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. „Da ist das Virus viel schneller.“ Es brauche jetzt „alle Tools, die wir haben“.

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Mit der Omikron-Welle ins neue Jahr

Viel Zeit für Vorbereitungen bleibt nicht mehr. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird Omikron in etwa zwei bis vier Wochen in Europa vorherrschend sein“, sagt Richard Neher, der sich mit der Evolution von Viren an der Universität Basel beschäftigt. 82 bestätigte Fälle mit der hochansteckenden Variante verzeichnet die europäische Seuchenschutz­behörde bis Mitte dieser Woche bereits in Deutschland, 766 in der EU.

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Wie schnell Omikron die Infektionen nach oben treibt, zeigt sich derzeit schon in den ersten europäischen Hotspots – Großbritannien und Dänemark. Die Zahl der Ansteckungen hat sich dort alle drei bis vier Tage verdoppelt, noch schneller als Anfang Dezember befürchtet. Die Übertragungs­rate sei dreimal so hoch wie bei Delta, sagt Varianten­kenner Neher. Das Virus steckt also unglaublich viele Menschen auf einmal an. Dafür haben Forscher und Forscherinnen auch schon einen Grund ausgemacht. Und der markiert gleichzeitig einen Wendepunkt in der Pandemie: Sowohl Geimpfte als auch Ungeimpfte infizieren sich.

Pandemie der Ungeimpften? Nicht mehr mit Omikron

Bei Delta hieß die Formel noch: Rund acht von zehn Corona-Infektionen betreffen Ungeimpfte. Das haben Berichte von Intensiv­stationen gezeigt, wo deutlich mehr Menschen ohne als mit Immunschutz behandelt wurden. Eine Modellierung hat das bestätigt. Politikerinnen und Politiker sprachen vor diesem Hintergrund auch immer wieder von einer „Pandemie der Ungeimpften“. Diese Rechnung geht jetzt aber nicht mehr auf. Denn Omikron zirkuliert vermehrt auch unter Geimpften.

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Menschen, die zuvor noch als ausreichend geschützt galten, sind bei der neuen Variante nach bisherigen Erkenntnissen wieder anfällig für eine Infektion. Dazu zählen wahrscheinlich, wie es bislang aussieht, auch Genesene. Das Virus hat nicht nur gelernt, noch ansteckender zu werden. Es kann zusätzlich auch noch die Antikörper­barriere durch die Immunantwort umgehen. Der Schutz nimmt nach Impfung oder Genesung irgendwann also wieder deutlich ab.

Geimpfte und Genesene geben das Virus dann auch eher an andere weiter. Schutzkonzepte wie 2G und 3G könnten damit ins Wanken geraten. Auch die gerade von den Gesundheits­ministerien der Länder abgeschaffte Testpflicht für Geboosterte bei 2G plus könnte noch ein Problem werden. Die deutschen Amtsärzte warnen vor „voreiligen Schritten“, wenn Omikron übernimmt. Es sehe so aus, dass auch der Immunschutz Geboosterter nach drei Monaten wieder deutlich abnimmt, gibt Virologin Ciesek zu bedenken.

Wie tödlich ist die neue Variante?

Es bleibt zu hoffen, dass die neue Variante weniger aggressiv ist, was die Krankheit angeht. Einige Krankenhaus­berichte aus Südafrika zeigen, dass Patienten und Patientinnen mit Omikron-Infektion mildere und kürzere Covid-19-Verläufe hatten. Man sei angesichts dieser Beobachtungen „vorsichtig optimistisch“, sagt Matshidiso Moeti, die Afrika-Regional­direktorin der Welt­gesundheits­organisation. Ob das aber wirklich stimmt, zeigt sich erst mit der Zeit – wenn mehr mit Omikron Erkrankte mit unterschiedlichem Immunstatus und Alter behandelt werden.

Aber selbst, wenn weniger Menschen schwer erkranken als bei Delta, wäre das noch keine Entwarnung. Stecken sich sehr viele auf einmal an, müssten womöglich trotzdem viele Covid-Patienten und -Patientinnen auf einmal im Krankenhaus behandelt werden, warnte der Genetik­experte Jeffrey Barrett im BBC-Radio. Die Therapie fällt bei sehr hohen Infektions­zahlen marginaler aus: zum einen wegen fehlender Betten oder erschöpfter Pfleger und Pflegerinnen, aber auch, weil das sowieso schon kleine Set an verfügbarer Arznei schrumpfen könnte. Erste Studien lassen vermuten, dass Omikron gegen einige Antikörper­medikamente resistent ist.

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Booster als neue vollständige Impfung

Die geboosterte Impfung ist die neue Doppelimpfung.

Christian Drosten,

Virologe

Taugt dann wenigstens noch die Impfung? Da muss man differenzieren. Einen absoluten Schutz vor Ansteckung, Krankheit und Tod gab und gibt es nicht – weder bei Delta noch bei Omikron. Für den Individual­schutz hilft trotzdem jede einzelne Dosis, so schnell wie möglich. Nach allem, was man bisher weiß, ist man nach den ersten beiden Dosen auch bei der neuen Variante vorerst vor schwerem Covid-19 geschützt.

Klar ist inzwischen auch: Ein- bis zweimal impfen reicht wohl nicht mehr, um die Pandemie zu beenden – wie es im Frühjahr und Sommer noch das Versprechen der Politik war. Selbst wenn sich alle Menschen im Land impfen ließen, und nicht nur die bisher rund 70 Prozent der Bevölkerung, wie das Impfquoten­dashboard von Mitte Dezember vermerkt. Wir wissen inzwischen: Herdenimmunität im Sinne eines komplett eliminierten Virus gibt es bei Corona nicht.

Lauterbach erwartet nach Inventur Impfstoffmangel ab Anfang 2022

Kurz nach Amtsantritt verschafft sich der neue Gesundheits­minister einen Überblick über den Vorrat an Corona-Impfstoffen.

Trotzdem wird, so sagen es Experten und Expertinnen, die Pandemie irgendwann ihren Schrecken verlieren. Es wird aber länger dauern als bislang angenommen. Wie lange genau? Das hängt davon ab, wie viele Menschen sich wie oft impfen und boostern lassen und wie stark und schnell sich das Virus noch verändert. Biontech und Moderna gehen inzwischen davon aus, dass Anpassungen der Impfstoffe gebraucht werden. Die Frage ist noch offen, wann das sein wird – wohl aber irgendwann im kommenden Jahr. Immerhin sieht es so aus, dass als Notlösung vorerst der Booster mit den bestehenden Mitteln ausreicht, um einigermaßen durch diesen Winter zu kommen.

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Das ist die eine gute Nachricht: Der Booster hilft gegen einen mit der Zeit nachlassenden Impfschutz und bietet temporär einen besseren Schutz gegen Omikron – davor, schwer zu erkranken, vermutlich kurzfristig auch davor, sich anzustecken. Die Auffrischung treibt die Antikörper nach oben. Und von denen braucht es bei der neuen Variante besonders viele. Der Virologe Christian Drosten erklärte das neue Impfschema im NDR-Info-Podcast so: „Vielleicht kann man es sich im Moment ein bisschen so vorstellen: Die geboosterte Impfung ist die neue Doppelimpfung (...). Also das, was Omikron an Immun­schwund macht, ist vielleicht der Unterschied zwischen zwei Dosen und drei Dosen.“

Raus aus der Zwischenwelt

Damit allein ist es aber nicht getan. Deutschland kommt auch in diesem Winter nicht drum herum: Die Zahlen müssen runter. Wie das geht, ist bekannt – weniger Kontakte und Vorsicht. „Stellen Sie sicher, jede Gelegenheit zu nutzen, um die Übertragung zu stoppen“, mahnt WHO-Notfalldirektor Mike Ryan. Impfen allein reiche nicht. Es brauche weniger Menschen, die sich begegnen, Masken, Abstand, Lüften – eben alles zusammen.

Zuallererst, um die Katastrophe in den Kliniken zu verhindern – bis hin zu Triage­situationen. Millionen von Ansteckungen begünstigen aber auch weitere Mutationen, die noch gefährlicher werden könnten. Auf dem Virus lastet ein starker Selektions­druck, weil schon viele Menschen geimpft und genesen sind – aber eben nicht genug, um die pandemische Phase zu beenden. „Das ist eine gefährliche Zwischenwelt“, sagt der Virologe Jörg Timm vom Universitäts­klinikum Düsseldorf. Corona werde weiter versuchen, neue Nischen zu finden, um trotz Immunität weiter in der Welt zu bestehen.

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